Wiener Konzerthaus: Stefan Mickisch unterhält und begeistert mit Wagner am Klavier

Wiener Konzerthaus, Mozart-Saal, 21. April 2018
Stefan Mickisch,
Klavier und Moderation
Richard Wagner
Lohengrin: Romantische Oper (Teilaufführung in Bearbeitung für Klavier, Libretto: Richard Wagner, 1846-1848)

von Julian Dworak

Es gibt genügend Anreize eines der moderierten Konzerte von Stefan Mickisch zu besuchen. Mickisch ist ein ausgezeichneter Musiker sowie Theoretiker. Außerdem hat er das Talent, unmittelbar und mit Witz große Werke der Musikgeschichte zu vermitteln. Eine einmalige Kombination. Am Abend des 21. Aprils gab der Pianist Mickisch einen fundierten Einblick in Richard Wagners romantische Oper „Lohengrin“.

Während der Große Saal des Wiener Konzerthauses ganz in Rot erstrahlt, sind die Wände des Mozart-Saals in einem beruhigenden Blau gehalten. Trotz der 700 Plätze hat der Saal eine Intimität, etwas Kirchliches, Tiefenentspannendes. Eine ideale Plattform, um die Wucht von Wagners „Lohengrin“ auszugleichen, denn auch am Klavier bietet der Jahrtausendkomponist so einiges.

Mit einer Mappe vollbepackt mit Noten betrat Stefan Mickisch die Bühne. Ein Stuhl neben dem Klavier – normalerweise für einen Notenumblätterer reserviert – fungierte als Wasserglas-Ablage. Die Augen rieb er sich noch kräftig, bevor er sich den Tasten widmete.

Süße Akkorde im Diskant, romantisch und zugänglich, so begann das Vorspiel von „Lohengrin“. Die Musik steigerte sich fortlaufend, die Klaviatur wurde immer stärker beansprucht, bis sie in die höchsten Sphären romantischer Musik drang. Das ist doch keine Opernmusik? Das ist wunderschöne Musik für Klavier-Solo! Es ergriff den ganzen Saal.

Meisterlich war Mickisch nicht nur am Klavier, er führte auch gekonnt durch den Abend. Anekdoten, kleinere und größere Exkurse: Es wurde nie eintönig. Auch das Werk betrachtete er nicht isoliert, sondern im Kontext einer künstlerischen Gesamtheit mit vielen Beispielen am Klavier.

Faszinierend war es, wenn Mickisch über Wagners Lohengrin improvisierte. Da schlichen sich alle möglichen Komponisten dazu: Mozart, Beethoven, Grieg, Tschaikowsky und einige andere Größen. Und alle hatte Wagner gekannt und von einigen gar abgekupfert, so Mickisch. Hörbar war es auf jeden Fall, wenn Mickisch ein Leitmotiv Wagners mit einer Melodie eines anderen bedeutenden Komponisten verglich.

Mickisch brannte ungemein für die Musik, die er präsentierte. Selbst die formalen Aspekte waren da spannend. Tonartencharakteristiken, doppelte Punktierungen und prägnante Leitmotive – dies alles erläuterte er mit Leidenschaft. Fazit: Wagner war und ist genial! Alles ist mit Idee und Plan.

Auch Wagners selbstgeschriebenes Libretto zu „Lohengrin“ lobte Mickisch in den Himmel. Die genauere Handlung erzählte er jedoch nicht. Wer also mit den Charakteren aus Lohengrin nicht vertraut war, der musste die ein oder andere Erklärung unwissend zur Kenntnis nehmen (wenn man nicht in der Pause nachgelesen hat).

Im Laufe des Abends blühte Mickisch immer mehr auf. Sein Mundwerk wurde lockerer, er nahm kein Blatt mehr vor den Mund. Da kam ein Seitenhieb auf den „unnötigen“ Journalismus. Auf die bärenlose Inszenierung von Wagners „Ring“ – denn Wagner wollte einen echten Bären in seinem „Ring“, das hat man an diesem Abend ebenfalls gelernt. Und der Opernregisseur an sich war dann schnell ein Beruf frei von Sinn. Wie ernst es gemeint war, stand dabei immer offen. Mehr als ein Hauch von Kabarett. Oft wurde ausgiebig gelacht, manchmal blieb das Lachen im Halse stecken.

Nach der Pause eröffnete Mickisch mit der weltbekannten Hochzeitsmusik aus „Lohengrin“. Ein schwer erträgliches Piepen, vermutlich aus den Lautsprechern, trübte den Hörgenuss leider für eine Weile.

Ein längeres Tal durchlebte Stefan Mickisch im vergangenen Jahr. Eine schwere Depression machte dem gebürtigen Bayer zu schaffen. Sieben Monate konnte er nicht Klavierspielen, seine Auftritte wurden abgesagt.

Umso bemerkenswerter, wie direkt Mickisch seine Probleme ansprach und sich gar für entfallene Konzerte entschuldigte. Direktheit, eines der Markenzeichen des Pianisten und Bratschisten. Gerade deshalb durfte man über die ein oder andere dogmatische Bemerkung hinwegsehen. Man darf ja zu seiner Meinung stehen! Vor allem, wenn es jemand so authentisch rüberbringt.

Mickisch beendete den Abend, wie er ihn begann: konzertant. Das Finale aus „Lohengrin“. Es ist genial. Der Klang, die Intensität, eine Bewerbung für das Instrument Klavier. Was da alles möglich ist! Virtuose Läufe und schnelle Arpeggios untermalten wundervolle Melodielinien, es war wie ein Orchester. Das alles mit nur zwei Händen! Mickisch spielte, als ob Wagners Musik seine Muttersprache wäre.

Herzstück des Abends waren die pianistischen Darbietungen aus „Lohengrin“. Das ist so großartige Musik, ein Klavier-Soloabend mit dieser Musik wäre gut vorstellbar. Außerdem konnte manch Opernskeptiker Wagners Musik ohne Gesang hören. Eine neue Perspektive, die vielleicht gerade eben zum Operngang motiviert.

Die sehr dankbare Zuhörerschaft applaudierte kurz und kräftig für ein unterhaltsames Gesamtpaket aus Musik, Wissen und Humor.

Julian Dworak, 22. April 2018, für
klassik-begeistert.de

Ein Gedanke zu „Stefan Mickisch, Richard Wagner, Lohengrin,
Wiener Konzerthaus“

  1. Jetzt wissen wir zumindest weshalb seine Termine verschoben wurde. Mickischs Wagner-Einführungen sind eine Wucht! Und ich gebe dem guten Herren völlig recht: Beethoven ist an einigen Ecken in Wagners Werken zu finden – auch im „Ring des Nibelungen“ lässt er ab und zu grüßen.
    Jürgen Pathy

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