„Tannhäuser“ in Berlin: Ein wahres Sängerfest auf der Wartburg

Tannhäuser und der Sängerkrieg auf Wartburg, Richard Wagner,  Deutsche Oper Berlin, 11. Mai 2019

Foto: Deutsche Oper Berlin © Leo Seidel
Deutsche Oper Berlin, 11. Mai 2019
Tannhäuser und der Sängerkrieg auf Wartburg, Richard Wagner

von Gabriel Pech

Die „Wagner-Woche“ an der Deutschen Oper Berlin geht weiter – und mit dieser Aufführung hat sie sich ihren Namen wirklich verdient. Es ist ein Ohrenschmaus der Extraklasse, diesem fantastischem Fest an schönem Gesang beizuwohnen.

Peter Seiffert singt auf Weltklasse-Niveau. Er ist kompromisslos textverständlich und emotional authentisch. Sein Heldentenor glänzt ohne Brüche durch alle Register. Ein besonderer Moment ist seine Schilderung der Pilgerfahrt im letzten Akt. Innerhalb einer Arie durchlebt Tannhäuser eine komplexe Gefühlswelt, die bei seiner Reumütigkeit zum Beginn der Reise anfängt und mit seiner ungebändigten Leidenschaft endet. Vor allem dieser Bruch überrascht, weil Seiffert hier alle guten Belcanto-Traditionen über Bord wirft und mit einer rohen, inbrünstigen Energie singt.

Emma Bell ist die große Diva des Abends und glänzt zwischen den ganzen Männern als Hure und Heilige zugleich. Die Doppelrolle der Elisabeth/Venus füllt sie ausgezeichnet aus. Gerade im letzten Akt, wo der Tod der reinen Elisabeth und die Auferstehung Venus’ aus der Hölleunmittelbar aufeinander folgen.

Bemerkenswert ist Bells drastischer Wechsel in der Stimmfarbe: sie unterscheidet gekonnt zwischen braver Jungfrau und allegorischer Verführung. Ihr dramatischer Sopran beherbergt sowohl das großspurige Pathos als auch die kleingliedrige Liedhaftigkeit. Man hört, dass die Sängerin sich lange in Mozartrollen üben durfte und sich erst seit ein paar Jahren im jugendlich-dramatischen Fach Wagners bewegt. Bei aller Lobhudelei ist doch noch zu bemeckern, dass ihre Textverständlichkeit als Venus stark zu wünschen übriglässt. Dies ist als zahme Elisabeth nicht der Fall und geht wahrscheinlich auf eine Vernachlässigung der Konsonanten zurück.

Dem Sängerkrieg steht der Landgraf Hermann vor, gespielt von Albert Pesendorfer. Der Bass macht seinem Fach alle Ehre: die tiefen Töne der Herrschaftlichkeit strahlen von samtiger Wucht. Er besitzt eine dunkle Autorität und ein erhebendes Volumen.

Als Retter von Tugend und Ritterlichkeit gibt Simon Keenlyside den Wolfram von Eschenbach. Sein kerniger Bariton kommt natürlich bei seinen Vorträgen über die Liebe zur Geltung. Im letzten Akt kann er im Angesicht der sterbenden Elisabeth noch einiges an Sanftmut und Leichtigkeit präsentieren.

Auch Clemens Bieber und Seth Carico geben überzeugende Einzeldarstellungen als Walther von der Vogelweide und Biterolf. Am Ende des ersten Aktes hört man alle Sänger zusammen, die einen kernigen, männlichen Gesamtklang darbieten.

Leider scheint Stefan Blunier mit der Koordination von Bühne und Orchestergraben anfangs überfordert, was vor allem die Chöre im ersten Akt schmälert. Ab dem zweiten Akt bessert es sich aber drastisch, gerade die Tutti-Stellen sind gut strukturiert.

Die Inszenierung von Kirsten Harms hält sich deutlich zurück. Die Sangeskunst darf im Vordergrund stehen und weitere inszenatorische Einfälle setzt sie nur behutsam. So schafft sie an mancher Stelle sogar fast einen Konzertrahmen mit den Sängern im Vordergrund und dem Chor aufgereiht dahinter. Damit bietet sie den Darbietungen wie einst auf der Wartburg sprichwörtlich die Bühne.

Diese Bühne gestaltet Bernd Damovsky ebenfalls zurückhaltend. Technische Hauptdarstellerin ist in diesem Fall die Hebebühne, die auf genialste Art und Weise zu allen erdenklichen Effekten genutzt wird. Das Bild wirkt wie ein schwarzes Loch, in dem nur feine Verweise wie zum Beispiel die allgegenwärtigen Rüstungen an die historische Szenerie erinnern. Es ist ein Schweben zwischen Himmel und Erde, zwischen Oben und Unten, die immer neu definiert werden. Am Schluss steigt die Welt zum Himmel auf – Tannhäuser ist erlöst.

Gabriel Pech, 10. Mai 2019,
für klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Musikalische Leitung: Stefan Blunier
Inszenierung: Kirsten Harms
Bühne, Kostüme: Bernd Damovsky
Mitarbeit Kostüm: Inga Timm
Choreografie: Silvana Schröder
Chöre: Jeremy Bines

Landgraf Hermann: Albert Pesendorfer
Tannhäuser: Peter Seiffert
Wolfram von Eschenbach: Simon Keenlyside
Walther von der Vogelweide: Clemens Bieber
Biterolf: Seth Carico
Heinrich der Schreiber: Jörg Schörner
Reinmar von Zweter: Andrew Harris
Venus, Elisabeth: Emma Bell
Hirt: Nicole Haslett

Chor der Deutschen Oper Berlin
Orchester der Deutschen Oper Berlin

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