Teodor Currentzis ist ein außergewöhnlicher Spitzenmann aber kein "Erlöser der Musik“

Teodor Currentzis, SWR Symphonieorchester,  Wiener Konzerthaus, 25. Juni 2019

Foto: ©  Nadia Rosenberg
Wiener Konzerthaus,
25. Juni 2019
Dirigent, Teodor Currentzis

Dmitri Schostakowitsch: Symphonie Nr. 7 in C-Dur op. 60 „Leningrader“
SWR Symphonieorchester

Manchmal bietet ein Konzert auch einen Einblick in ein fast morbides soziologisches Verhalten. Da kommt ein (offenbar auch per Selbstdefinition bestimmter) Guru aufs Podium und die Leute schmeißen ihre ganze Vernunft und musikalischen Überzeugungen über Bord und pfeifen und brüllen vor Verzückung – egal, was passiert. 

von Herbert Hiess

Der gebürtige Grieche Teodor (von den meisten liebevoll Teo genannt) Currentzis ist allemal ein hochinteressanter und hochintelligenter Interpret, der tatsächlich großartig mit einem Orchester arbeiten kann. Dass er halt auch einen ausgeprägten Hang zur Selbstdarstellung und zum Selbstmarketing hat, ist bekannt. Soll sein, wenn die Leistungen auch tatsächlich stimmen.

Mit seiner schlaksigen Erscheinung wirkt er nicht nur äußerlich, sondern vor allem von seinen Bewegungen her wie der jüngere Nikolaus Harnoncourt. Bei diesem Konzert im Wiener Konzerthaus mit der monumentalen 7. Symphonie von Dmitri Schostakowitsch hat der Maestro mit seinem SWR Symphonieorchester, bei dem er seit 2018/2019 Chef ist, eine außerordentliche Leistung vollbracht. Der fast besessene Probierer hat hörbar jede Nuance, jede Phrase – ja, jedes Detail akribischst herausgearbeitet. Kein Takt und keine Note werden da dem Zufall überlassen; man erlebte ein „überkontrolliertes“ Musizieren mit.

Was in Worten gut klingt, ist auch gut – nur erzeugt dieses kontrollierte Musizieren einen Puzzleeffekt. Man stelle sich da ein vielteiliges Puzzle vor, wo jeder Teil äußerst kunstvoll modelliert wurde. Wenn man es aber zum Gesamtbild zusammensetzt, hat das Bild eigentlich einen nicht so interessanten Charakter.

© Lukas Beck, Wiener Konzerthaus

So war es auch in der Aufführung im Wiener Konzerthaus. Die Kriegssymphonie des Russen Schostakowitsch ist eine musikalische Darstellung des „Großen Vaterländischen Krieges“ und symbolisiert auch den Einmarsch der Deutschen Wehrmacht in das Riesenreich. Schostakowitsch bezeichnete Stalin übrigens genauso als Verbrecher wie Hitler.

Schon im ersten Satz (mit einer Dauer von mehr als 30 Minuten) überrascht der russische Komponist mit einem Kriegsmarsch, der so harmlos beginnt wie jener der Kinder aus dem 1. Akt von Georges Bizets Oper „Carmen“. Mit der kleinen Trommel und fast lustig klingenden Pizzicati macht Schostakowitsch daraus ein Variationengebilde (ähnlich wie bei Ravels „Bolero“), das von Variation zu Variation immer brutaler und schräger wird, bis man sich offenbar im totalen Kriegsgetümmel befindet. Das Hörempfinden ist immer subjektiv – jedoch genau bei diesem Marsch war die Trommel etwas zu stark und die Pizzicati blieben zu verhalten und zu wenig pointiert. Das hätte vielleicht anders austariert gehört.

Das ist hier der richtige Ort, um das SWR-Orchester zu loben. Angefangen von der überaus exzellenten kleinen Trommel, den außergewöhnlichen Holzbläsern (hier vor allem die Flöten) bis hin zu den phantastischen Streichern, dem Schlagwerk und dem schweren Blech. Offenbar hat Currentzis hier wirklich etwas Außergewöhnliches geleistet – das Orchester kann mit den sogenannten Spitzenorchestern locker mithalten.

Insgesamt war es eine mehr als beachtenswerte Aufführung, und Currentzis hat sich als außergewöhnlicher Spitzenmann präsentiert. Wenn manche Beobachter ihn aber „als Erlöser der Musik“ apostrophieren, ist das so falsch wie kindisch zu gleich. Man sollte die rosarote Brille entfernen und die Person und ihre Leistung mit den Augen der Vernunft betrachten.

Currentzis ist außergewöhnlich und interessant – jedoch nicht einzigartig. Aber in heutigen Zeiten muss man wahrscheinlich froh sein, eine solche Person erleben zu können.

Herbert Hiess, 26. Juni 2019, für
klassik-begeistert.de

 

Ein Gedanke zu „Teodor Currentzis, SWR Symphonieorchester,
Wiener Konzerthaus, 25. Juni 2019“

  1. Seine Besonderheit liegt darin, dass er regelmäßig auf höchstem Niveau liefert – egal ob mit musicAeterna oder dem SWR Symphonieorchester.

    Bis jetzt bin ich bei jedem seiner Konzerte auf Wolke sieben aus dem Haus geschwebt. Das schaffen nicht viele Dirigenten. Abwarten und Tee trinken, ob das so weitergehen wird – hoffentlich!

    Jürgen Pathy

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