Zwei Ausnahme-Partien und 2000 Flug-Kilometer binnen 15 Stunden: eine kleine Abhandlung über Missmanagement, Stress und schlechte Leistungen im Klassik-Betrieb

Stress im Opernbetrieb,  Staatsoper Hamburg / Teatro di San Carlo, Neapel, April/Mai 2019

Foto: Robert Dean Smith, Tenor © www.photopulse.ch

Stress im Opernbetrieb: Der US-Tenor Robert Dean Smith sang am Samstagabend den Siegmund in Neapel. Um am folgenden Sonntagnachmittag den Parsifal in Hamburg zu singen – zum Leidwesen der meisten Zuschauer.

Staatsoper Hamburg / Teatro di San Carlo, Neapel, April/Mai 2019

Liebe Staatsoper Hamburg,
liebes Teatro di San Carlo in Napoli,
lieber Robert Dean Smith,

dieser Text beleuchtet den Klassik-Betrieb 2019, pars pro toto. Das, wovon ich schreibe, ist leider immer wieder Alltag im klassischen Hochleistungsbetrieb. Dieses Beispiel von den veritablen Opernhäusern in Neapel und Hamburg ist besonders krass.

Lieber Robert Dean Smith, Sie waren einer der besten Wagner-Tenöre der Welt. Sie lieben Wagner. Sie sind Amerikaner, aus Kansas. Sie haben an der Juilliard School in New York studiert.

Wie ich höre, sind Sie ein „feiner Kerl“ und tragen das Herz am rechten Fleck.

Zweimal habe ich in dieser Saison Richard Wagners Welt-Abschieds-Oper „Parsifal“ in der Staatsoper Hamburg gehört. Sie waren Parsifal. Und Sie waren, sorry, richtig schlecht. Ich habe diese Oper über 70 Mal gehört… Sie waren für mich, sorry, the worst Parsifal ever heard.

Das schrieb ich über Ihre „performance“ am 28. April 2019:

„Als Kritiker versuche ich wirklich immer zuerst das Positive zu sehen, aber was der Tenor Robert Dean Smith darbot, war an diesem Abend leider nicht von besten Eltern. Autor Ulrich Poser schrieb: ‚Robert Dean Smith scheint als Parsifal seine besten Tage leider hinter sich zu haben.’ Autor Peter Sommeregger hörte Smith in Berlin, er bilanzierte: ‚Die Glanzzeit hat seine Stimme deutlich hörbar hinter sich.’ Ich war offen gesprochen enttäuscht über die Darbietung des 63 Jahre alten Amerikaners. Er soll zwar bald noch den Siegmund in der ‚Waküre’ an den Häusern von Neapel und Leipzig singen, aber es ist nach diesem Auftritt in Hamburg etwas fraglich, wie Smith diese Herausforderungen noch mit Bravour stemmen will. Die Stimme war im höheren Register sehr gepresst, eng, metallisch. Bei den Spitzentönen war es leider oft Geschrei, kein Gesang. Der Amerikaner sang diverse Töne falsch an. Die Ausstrahlung eines jungen Gralsritters manifestierte dieser ‚Gesang’ an diesem Abend nicht.

Und es bleibt – wieder einmal – die Frage, welches ‚big ear’ der Staatsoper Hamburg diesen – sicher sehr verdienstvollen und Bayreutherfahrenen – Tenor für so eine anspruchsvolle Rolle verpflichtet hat. Schon bei dessen Hamburger ‚Walküre’ im November 2018, war Smith kein berauschender Siegmund gewesen und leistete sich zahlreiche Fehler. Solange das Haus an der Dammtorstraße Sänger wie Smith in Kernrollen wie Parsifal auftreten lässt, bleibt der Slogan „Musikstadt Hamburg“ eine hohle Phrase.

Hamburg: Schulnote 4 (wegen einiger passabler Passagen im mittleren und tieferen Register).“

Staatsoper Hamburg © Westermann,

Am 12. Mai 2019 habe ich Sie in Hamburg wieder gehört. Und, sorry, lieber Robert Dean Smith, Sie waren DAS Pausengespräch. Als Schulnote hätte man Ihnen nur eine 6 geben können.

Sie fingen so fürchterlich im 1. Aufzug an, mit total belegter, gepresster, enger, unfreier Stimme, dass ich am liebsten PRESTO den Saal verlassen hätte.

Und es wurde nicht besser. Sie waren einfach kein Tenor, schon gar kein Helden-Tenor und schon ganz und gar kein Parsifal. Sie waren kein veritabler Sänger.  Sie waren nicht präsent auf der Bühne.

Kein Wunder.

Wie ich am gleichen Abend herausfand, hatten Sie sich einfach TOTAL übernommen – wie so viele Profisänger in diesen Tagen.

Sie hatten am Vorabend im Teatro di San Carlo in Napoli, Italia, gesungen – als Siegmund in der „Walküre“ von Richard Wagner.

Von 19.30 Uhr bis kurz vor Mitternacht.

© Wikipedia.de, Teatro di San Carlo Napoli

Nach einer Partie wie Siegmund ist ein Sänger meist so aufgewühlt und beseelt, dass er frühestens drei Stunden später einschlafen kann.

Sie waren, im besten Alter von 63 Jahren, nach wenigen Stunden Schlaf schon gegen 8 Uhr am Flughafen von Neapel und nahmen folgenden Flug nach Hamburg: Eurowings EW 7865, Abflug: 9.20 Uhr, Ankunft: 11.50 Uhr

Dann sind Sie gegen 13.15 Uhr in der Staatsoper Hamburg eingetroffen und haben ab 15 Uhr den Parsifal gegeben.

Was muten Sie sich da zu? Was muten Sie den Zuschauern zu? Und dem Veranstalter?

Dr. Michael Bellgardt, Pressesprecher der Staatsoper Hamburg, antwortete am 22. Mai 2019 auf Anfrage: „Von den Engagements in Neapel wussten wir nicht. Insofern danken wir Ihnen für die Aufklärung. Wir werden dies mit den Künstlern und deren Agenturen regeln.“

Werter Mr. Smith, Sie traten den Flug von Neapel nach HH gemeinsam mit ihrem lettischen Kollegen Egils Silins an, der in Neapel den Wotan in der „Walküre“, auch eine Hauptrolle, sang und 15 Stunden später den Amfortas an der Dammtorstraße in HH.

Das ist genauso vermessen. Nur eines unterscheidet Sie von Herrn Silins: Sie sangen in Hamburg grausam, katastrophal, zum Weglaufen. Der Bariton Silins, sechs Jahre jünger als Sie, sang mindestens gut, ansprechend, tadellos, frisch, überzeugend.

Egils Silins, Foto: Janis Deinats

Der Doppel-Auftritt von Robert Dean Smith und Egils Silins in Neapel und Hamburg verdeutlicht auch, dass die großen Häuser – und zu denen zählen HH und Napoli – immer weniger Auswahlmöglichkeiten haben, wenn sie anspruchsvolle Partien von Richard Wagner etwa in der „Walküre“ oder im „Parsifal“ besetzen. Da müssen regelmäßig auch B- oder C-Besetzungen herhalten, weil es einfach zu wenig Sänger gibt, die den Siegmund, den Parsifal, den Wotan und den Amfortas sehr gut singen können.

Zugespitzt: Häuser wie Hamburg oder Neapel müssen dann nehmen, was sie bekommen, da sie ja beide keine Weltklasse-Häuser sind wie die Wiener Staatsoper oder das Teatro alla Scala in Milano.

Es gibt für die unzähligen Wagner-Aufführungen auf der Welt zu wenig richtig gute Sänger. Zudem üben natürlich auch die Künstler-Agenturen immer wieder Druck auf ihre SängerInnen aus, Partien zu bestreiten, obgleich die KünstlerInnen eigentlich eine Pause verdient hätten.

Genauso wahr ist natürlich, dass ganz viele Künstler und Agenten sehr achtsam sind, auf Angebote verzichten und das höchste Gut des Künstlers schützen: dessen Stimme.

Die Staatsoper Hamburg ließ folgende schriftliche Fragen von klassik-begeistert.de unbeantwortet:

„Hatte die Staatsoper Hamburg einen Plan B, falls zwei der wichtigsten Rollen in einer der wichtigsten Opernproduktionen der Saison wegen üblicher und häufiger Unregelmäßigkeiten im europäischen Luftraum 3, 4, 5, 6 Stunden später in HH erscheinen? Wer hätte dann gesungen? Wäre die Vorstellung ausgefallen? Woher nimmt man einen Parsifal, woher einen Amfortas, wenn drei Stunden vorher ein Anruf kommt, „unser Flugzeug hebt nicht ab“?

Sieht die Staatsoper Hamburg einen Zusammenhang zwischen dem Arbeits- und Reise-Stress, dem sich die beiden Sänger aussetzten, und deren Leistung auf der Bühne in Hamburg? Wie beurteilt die Staatsoper vor allem die Leistung von RDS? Was sagt sie dazu, dass alle Besucher, die man fragte, entsetzt und schockiert von der Leistung des RDS waren?

Ist es üblich, dass Sänger so auf den „letzten Drücker“ zu einer großen Aufführung gehetzt kommen?

Ist das professioneller Standard? Ist das verantwortungsvoll den Sängern und dem Publikum gegenüber? Sind Leistungsminderungen da nicht vorprogrammiert?

Wusste die Staatsoper bei Vertragsunterzeichnung für die Parsifal-Rollen, dass zwei Hauptdarsteller durch ihre Engagements in Neapel ihren Auftritt in HH gefährden?

Akzeptiert die Staatsoper Hamburg bzw. ist es üblich, dass zwei Sänger zwei große Partien 2000 Kilometer entfernt singen, um 15 Stunden später zwei andere schwere, anspruchsvolle Partien in Hamburg zu übernehmen?

Ist der Staatsoper Hamburg bekannt, dass Eurowings auch Flüge verschiebt, storniert, ausfallen lässt, wenn es Probleme mit dem Personal oder mit den Flugzeugen gibt?“

Wikipedia schreibt über den US-Amerikaner:

„Robert Dean Smith wurde in Kansas, USA, geboren und studierte Gesang bei Margaret Thuenemann an der Pittsburg State University. Daneben studierte er Saxophon und spielte in diversen klassischen und Jazz-Ensembles. Anschließend setzte er sein Gesangsstudium bei Daniel Ferro an der New Yorker Juilliard School fort.

Wie viele Heldentenöre begann Robert Dean Smith seine Karriere als Bariton und war bis zu seinem Fachwechsel über mehrere Jahre an kleinen Häusern in Deutschland in lyrischen Baritonpartien zu hören. Er wechselte dann mit Hilfe seiner Frau und Lehrerin Janice Harper ins Tenorfach. Smith war in den 1990er Jahren am Mannheimer Nationaltheater fest engagiert.

Smith ist vor allem für seine Interpretationen von Walther von Stolzing in den Meistersingern von Nürnberg und die Titelrolle in Lohengrin bekannt geworden. Bei den Bayreuther Festspielen war Robert Dean Smith 2005 und 2006 als Tristan, von 1997 bis 2002 als Walther von Stolzing, von 2000 bis 2002 als Lohengrin und von 2001 bis 2004 als Siegmund in der Walküre zu erleben. In den Spielzeiten 2008–2012 verkörperte er dort erneut die männliche Titelrolle in Tristan und Isolde.“

Festspielhaus Bayreuth © Andreas Schmidt

Fazit Mit solchen peinlichen Aufführungen wie in Hamburg ruiniert ein Sänger am Ende seiner Laufbahn seinen Ruf. Und die Opernhäuser verspielen ihr Renommée.

Bayreuth-Erfolge hin oder her: Robert Dean Smith hat sich total übernommen. Weniger wäre mehr gewesen. Aber wer kann zu den ca. 40.000 Euro für vier Parsifal-Aufführungen schon Nein sagen? Dass Robert Dean Smith sich solchen Strapazen und einem solchen Risiko aussetzte, zeugt von einem mangelnden Realitätssinn. Seine beiden Spitzen-Partien binnen 15 Stunden, die eine in Süd-, die andere in Nordeuropa, waren vermessen. Sie zeugen vom Gefühl „Ich-nehme-(noch)-alles-mit-was-ich-kann-koste es, was es wolle.“

Sie zeigen auch, dass viele Sänger unter enormem Druck stehen: „Sage ich ab, warten schon zehn andere Sänger in der Schlange, und ich bekomme keine Engagements mehr.“

Dass die (damals) Verantwortlichen der Staatsoper Hamburg überhaupt einen solch „abgesungenen“ Tenor engagiert haben, zeugt auch davon, dass  sie wenig von Stimmen verstehen. Dass die Verantwortlichen nicht spätestens vor eineinhalb Jahren realisierten, dass Herr Smith in letzter Sekunde nach einer Ausnahme-Partie am Vorabend für eine Ausnahme-Partie einfliegt, ist ein Zeichen mangelnder Professionalität.

Jeder Schulbub kann bei www.operabase.com in einer Sekunde recherchieren, wann und wo ein  Sänger singt und singen wird. Oft mehr als zwei Jahre im voraus.

https://www.operabase.com/a/robert-dean-smith/14789/de

https://www.operabase.com/a/egils-silins/4596/de

Andreas Schmidt, 24. Juni 2019, für
klassik-begeistert.de

6 Gedanken zu „Stress im Opernbetrieb,
Staatsoper Hamburg / Teatro di San Carlo, Neapel, April/Mai 2019“

  1. Ihre Ausführungen zum Agentur- und Opernbetrieb mögen angebracht und passend sein. Ihre Worte an Herrn Smith jedoch sind despektierlich.

    Berger

  2. Super recherchiert! Und ich verstehe ehrlich gesagt auch nicht, warum an jedem Haus pro Saison 3 oder mehr Wagner/Strauss-Opern laufen müssen. Es fehlen passende und gesunde Stimmen, weil junge SängerInnen viel zu früh verheizt werden.

    Lukas Sehr

  3. Es ist einfach richtig abgefahren, beinahe pervers, was da generell abläuft. Am Abend an der Wiener Staatsoper, am nächsten Abend bereits Berlin oder anderswo in Deutschland. Das ist sicherlich keine Seltenheit. Immer wieder bekomme ich das mit. Viele stemmen das noch, die Frage lautet nur: Wie lange?

    Entweder sind die lauter geldgierige Künstleragenturen im Spiel, die sich einen Dreck um die Person hinter dem Künstler scheren, oder die Künstler sind nicht in der Lage „Nein“ zu sagen. Letzteres dürfte sicherlich nicht irrelevant sein.

    Die Künstler haben Angst, wenn sie Mal ein Angebot abschlagen, nicht mehr engagiert zu werden. Immerhin scharen dahinter bereits 5 weitere Sänger, die sehnsüchtig darauf warten, endlich in einerm der großen Häuser auftreten zu dürfen.

    Dennoch muss irgendwo zwischen Mailand, Wien und Hamburg der Hausverstand einsetzen. Es gibt da einige Sänger mit wunderschönem Material, aber Anfang fünfzig ist deren Stimme beinahe im Eimer. Das ist schade und traurig zugleich.

    Wer auch immer die Verantwortlichen dieses Wahnsinns sind, es sollte etwas geändert werden. Auch das Publikum sollte endlich aufhören ständig dieselben zu fordern. Lasst die Leute aus der „zweiten Reihe“ ran, gebt denen die Chance. Und die bereits in der Champions-League spielen, die sollen sich net in die Hose machen. CL spielen, aber dort regelmäßig ausrutschen, ist auch nicht der Weisheit letzter Schluss!

    Jürgen Pathy

  4. Ich bin ja so froh, dass ich am Staatstheater Oldenburg Sänger und Sängerinnen wie Sooyeong Lee oder Leonardo Lee hören und sehen kann, die gerade letzte Woche beim Cardiff Singer of the World Wettbewerb teilgenommen haben. Sooyeong Lee hat bei beiden Finalrunden die Gruppe der letzten fünf erreicht, beim Lied und beim Operngesang. Gratuliere!
    Hier brauche ich mich dann nicht am nächsten Tag mit übernächtigten und unausgeschlafenen Stars abfinden.
    Hermann Martens

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