Große Gefühle – in der Kölner Philharmonie jagt ein Spektakel das nächste

WDR Sinfonieorchester, Cristian Măcelaru   Kölner Philharmonie, 30. Oktober 2021

Foto: WDR Sinfonieorchester © WDR.de

Geister Duo (David Salmon und Manuel Vieillard), 1. Preisträger des ARD-Musikwettbewerbs 2021 in der Kategorie Klavierduo
WDR Sinfonieorchester

Sergej Rachmaninow– Capriccio bohémien op. 12

Johann Sebastian Bach – Konzert c-Moll für zwei Klaviere, Streicher und Basso continuo – BWV 1060

Zugabe: Johann Sebastian Bach – Gottes Zeit ist die allerbeste Zeit” in Bearbeitung für Klavier (vierhändig) – BWV 106

Sarah Nemtsov – Tikkun, Uraufführung im Rahmen der Reihe “Miniaturen der Zeit”

Richard Strauss – Also sprach Zarathustra op. 30

von Daniel Janz

Diesmal wartet das WDR Sinfonieorchester mit einem abwechslungsreichen Programm auf. Vom barocken Komponistenmeister Bach persönlich, über Werke der Spätromantik bis hin zur Moderne – an diesem Samstag präsentiert das Orchester unter seinem Chefdirigenten Cristian Măcelaru eine durch die Epochen gehende Gala mit einzelnen Schlaglichtern, bewegenden Kompositionen und viel Leidenschaft.

Den Beginn macht eine – nach Meinung des Rezensenten hoffnungslos unterschätzte – Komposition des russischen Komponisten Sergej Rachmaninow. In seinem szenischen Capriccio bohémien” von 1894 verarbeitete der junge Komponist unterschiedliche Zigeunermelodien, weshalb diese Komposition im Deutschen auch immer wieder als “Capriccio über Zigeunerweisen” bezeichnet wird. Eine bunte, abwechslungsreiche Mischung von dramatischem Einstieg über volle Orchestereinsätze, lyrischen Solopartien bis zu wuchtigen, feurigen Rhythmen, die das Potenzial zum Ohrwurm haben.

Macelaru+Photo+©+Thomas+Brill

Und tatsächlich gelingt dem WDR Sinfonieorchester hier ein Einstieg, der kaum glanzvoller hätte sein können. Chefdirigent Cristian Măcelaru (41) dirigiert es mit einem unaufhaltbar scheinenden Pathos, der aus allen Instrumentenklassen das Maximum herauskitzelt. Ob die Fagotte und Pauken beim trüben Einstieg, die Violinen, die das zauberhaft vorgetragene Klarinettensolo flirrend unterstreichen, die bewegenden Wechsel in Flöte und Horn, das überragend spielende 1. Cello oder das auf Perfektion getaktete Schlagzeug, das den Höhepunkt besonders bombastisch gestaltet – alle begeistern in einer organisch wirkenden Präzision. In der Folge reißt dieses Auftaktwerk so sehr mit, dass der anschließende Applaus in Jubel ausbricht. Eine Schande, dass das Konzerthaus heute nur halb gefüllt ist! Alleine diese 20-minütige Komposition ist bereits den Besuch wert.

Der musikalische Kontrast, den das Werk von Bach dazu liefert, könnte kaum größer sein. Die Besetzung nur aus Streichern, Basso continuo und zwei Flügeln wirkt im Vergleich zu Rachmaninows musikalischen Feuerwerk regelrecht spärlich. Aber wie Bachs Musik durch die Jahrhunderte hinweg bewies, muss das keinen Abschlag bedeuten. Dem 1685 in Eisenach geborenen Meister kam es in seiner Musik auch nicht auf Bombast, sondern auf nicht weniger als Perfektion in Technik und Ausdruck an. Diesen Anspruch erfüllte er nicht nur oft, sondern legte dabei sogar noch die Grundlagen unserer heutigen reichhaltigen Musik.

Dennoch soll an dieser Stelle die Frage erlaubt sein, ob man sein Werk nicht als Einstieg hätte wählen können. Denn im Vergleich zu Rachmaninows schmissiger Komposition ist diese Musik in sich selbst ruhend und höchst abstrakt. Es sagt schon viel über einen Abend aus, wenn ein Werk von Bach dramaturgisch weniger mitreißt, als die restlichen heute aufgeführten Kompositionen.

Und selbst dieses ein wenig aus der Konzeption des Abends fallende Werk wird in einer Strahlkraft dargeboten, die man nur selten erleben kann. Zwar lässt Măcelaru diese Musik etwas schnell, beinahe schon hektisch spielen. Aber dennoch kann der volle Streicherapparat des WDR Sinfonieorchesters – wie über den ganzen Abend hinweg – auch hier punkten. Lediglich das Basso continuo bleibt unauffällig.

Portrait © Daniel Delang, Valentin Chauvin

Den Part für die Klaviere übernehmen David Salmon und Manuel Vieillard, die seit ihrer Zeit am Conservatoire à rayonnement régional (CRR) Paris als „Geister Duo“ auftreten und gemeinsam erst kürzlich den ARD-Musikwettbewerb in der Kategorie Klavierduo bravourös gewannen. Und heute Abend zeigt sich auch, wie berechtigt den beiden jungen Künstlern dieser Titel zusteht. In Bachs äußert komplexer Komposition spielen sie sich die Themen regelrecht in die Hände, während die bewegten Streicher ihre Musik tragen. Im mittleren Adagio begeistern sie mit einer Einfühlsamkeit, die bereits an Intimität grenzt. Und auch im finalen Allegro kitzeln sie die Töne aus ihren Instrumenten, als wären sie ein einzelner Organismus. Selbst die Zugabe – ebenfalls ein Werk von Bach – die sie an nur einem Flügel gemeinsam spielen, verzückt mit einem schlichten Fokus auf melodisch, intimer Sensibilität. Ihr erstes Engagement beim WDR Sinfonieorchester heute soll bitte nicht ihr letztes bleiben!

Ebenfalls abstrakt kommt die nach der Pause dargebotene Komposition der zeitgenössischen jüdischen Komponistin Sarah Nemtsov (41) daher. In Anlehnung an den jüdischen Begriff für „Heilung“ bzw. „Reparatur der Welt“ nannte sie ihr extra für das WDR Sinfonieorchester komponiertes Werk „Tikkun“. In diesem Werk spielt sie auf das – offenbar im jüdischen Glauben verankerte – Bild zerberstender Gottesgefäße an, deren Funken die „Lebenskraft über die Welt“ verteilten, durch das Zerbersten aber auch das Böse mit sich brachten. Das Wort „Tikkun“ bedeutet seinerseits nun, diese Splitter wieder einzusammeln und dadurch die Welt zu heilen. Ein spannendes Konzept, dass sie musikalisch umzusetzen versuchte.

Was aber wie ein interessanter Hintergrund erscheint, beweist sich musikalisch bestenfalls als Klanggemisch. Dieses Werk strotz zwar vor kreativen Einfällen, lässt aber weder Ordnung, noch melodische Anklänge erkennen. Dominant ist stattdessen eine ans Unheimliche grenzende Geräuschhaftigkeit, die von den regelrecht unter Stress gestellten Schlagzeugern bestimmt wird. Diesen muss man an ihren jeweils zahlreichen Einzelinstrumenten eine spektakuläre Fleißarbeit attestieren, der es auch zu verdanken ist, dass das Werk nicht auseinanderfällt. Aber der musikalische Eindruck lässt doch sehr zu wünschen übrig. Ein Moment, an dem es einem als Zuhörer um Orchester und Dirigenten leidtut – die Grundidee transportiert sich in diesem Werk der Moderne leider nicht.

Den krönenden Abschluss des Abends bietet dann die wohl bekannteste Komposition von Richard Strauss. Sein Werk „Also sprach Zarathustra“ über die Schriften von Friedrich Nietzsche stellt damals wie heute einen der zeitlosen Klassiker dar, die durch Medien und Aufführungspraxis so bekannt sind, dass man schon von Überrepresentation sprechen muss. Besonders der Einstieg über das Quinten-Thema in den Trompeten dürfte weltbekannt sein.

Diese Musik ist ein Spektakel in sich, verlangt aber auch nicht weniger als Perfektion. Und hier zeigen sich in der Auseinandersetzung mit diesem Meisterwerk dann auch Grenzen des Orchesters. Einen Anteil daran muss man Christian Măcelaru bescheinigen, der – wie schon in der Kritik zum 17.9. bemängelt – auch heute wieder den Turbo einlegt und die Musik teilweise sehr schnell runterrattern lässt. Bei Bach ist dies inzwischen schon eine (traurige) Konvention, doch warum das auch bei Strauss sein muss, erschließt sich nicht.

Im Gegensatz zur Aufführung vom 17.9. tat die Hast der Musik an diesem Abend zwar nicht so einen großen Schaden an. An der ein oder anderen Stelle wäre allerdings ein wenig Verharren auf dem Klangereignis doch schön gewesen. Denn so litten vor allem die epischen Stellen, allen voran der weltbekannte Einstieg sowie die Glockenschläge gegen Ende. Auch einige Details gingen so unter, wie das Spiel der Harfen an der ein oder anderen Stelle, die Orgel und (ungewohnter Weise) die Posaunen bei leisen Einsätzen. Dazu wirkte auch das Tanzlied – trotz hervorragender Arbeit der ersten und zweiten Geige – in der heutigen Aufführung etwas statisch und konnte nicht die ihm sonst inne liegende Bewegung entfalten. Dies verwundert gerade auch im Vergleich zum tänzerischen Eröffnungswerk.

Andere Teile der Komposition konnte das Orchester dafür umso besser in Szene setzten. So waren die Parts über die „Hinterweltler“, die Sehnsucht und auch über die Wissenschaft ein wahrer Hochgenuss. Auch beim „Genesenden“ konnten insbesondere die Holzbläser – allen voran das Englischhorn samt Oboen und erneut die Flöten – glänzen und dadurch auch verdient – neben den Kontrabässen, Trompeten und dem Schlagzeug – Sonderapplaus einheimsen. Auch die Hörner fielen etwas bedacht aber sicher auf.

Insgesamt zeigte sich, dass selbst an Tagen, wo nicht alle Details perfekt passen, Straussens Musik immer Garant für einen fulminanten Erfolg ist. Und die gute Leistung des Orchesters soll hier auch auf keinen Fall geschmälert werden, auch wenn es an ein paar kleinen Stellschrauben noch ausdrucksstärker hätte sein können. Den minutenlangen, starken Abschlussapplaus mit zahlreichen Bravorufen – allerdings ohne stehende Ovationen – hatten sie sich dennoch redlich verdient. Das war ein Besuch, der sich gelohnt hat!

Daniel Janz, 1. November 2021, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Daniels Anti-Klassiker 34: Giuseppe Verdi – Triumphmarsch aus „Aida“ (1871)

Ludwig van Beethoven, Missa solemnis, Concerto Köln Kölner Dom, 29. Oktober 2021

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