Daniels Anti-Klassiker 34: Giuseppe Verdi – Triumphmarsch aus „Aida“ (1871)

Daniels Anti-Klassiker 34: Giuseppe Verdi – Triumphmarsch aus „Aida“ (1871)

Höchste Zeit, sich als Musikliebhaber neu mit der eigenen CD-Sammlung und der Streaming-Playlist auseinanderzusetzen. Dabei begegnen einem nicht nur neue oder alte Lieblinge. Einige der „Klassiker“ kriegt man so oft zu hören, dass sie zu nerven beginnen. Andere haben völlig zu Unrecht den Ruf eines „Meisterwerks“. Es sind natürlich nicht minderwertige Werke, von denen man so übersättigt wird. Diese sarkastische und schonungslos ehrliche Anti-Serie ist jenen Werken gewidmet, die aus Sicht unseres Autors zu viel Beachtung erhalten.

von Daniel Janz

Erlangen Komponisten (zu) viel Berühmtheit, können ihnen schon mal die Pferde durchgehen. Manches Mal verlieren sie dann das Gespür für Grenzen, gehen in Wahn über, sich alles erlauben zu können oder fordern sogar Spezialanfertigungen und -Instrumente für ihre Musik. Aus solchem Größenmut ist auch das ein oder andere Gute entstanden – man erinnere sich nur an die Wagnertuba. Viel zu oft aber endet solcher Narzissmus im Kuriosen, in Absurdität oder in Unikaten. Eines jener Unikate muss man dann auch dem berühmten italienischen Opernkomponisten Giuseppe Verdi unterstellen. Die Rede ist von seiner Oper Aida, die er mit einem instrumentalen Kniff versah, der bestenfalls als „Gag“ herhalten kann.

Dabei ist der Stoff, den Verdi in dieser Oper vertonte, so episch wie exotisch. Im Zentrum stehen die äthiopische Königstochter Aida und ihr ägyptischer Verehrer Radamès, der jedoch Amneris, Tochter des Pharaos, ehelichen soll. Als Krieg zwischen ihren Nationen ausbricht, will er durch einen Sieg Aida für sich gewinnen. Aida aber ist hin- und hergerissen, da ihr Vater Amonasro der äthiopische Truppenführer ist. Das ägyptische Heer siegt und zur Bedingung für die Freiheit seiner Untergebenen bleiben Aida und Amonasro als Geiseln zurück. Beide fliehen, nachdem Radamès ihnen ungewollt eine Schwäche der ägyptischen Armeeaufstellung verrät. Obwohl Amonasros Gegenoffensive vereitelt wird, wird Radamès zum Tod durch lebendiges Begraben in einer Krypta verurteilt. Dort trifft er wieder auf Aida, die sich dort eingeschlichen hat, um ihm bis zum Ende beizustehen.

Verdi muss sich des episch-tragischen Gehalts dieses Stoffes bewusst gewesen sein. Szenisch wie musikalisch hinterließ er ein Werk, dass mit den eindrucksvollsten Opern seiner Zeit mithalten kann. Gerade auch der Einsatz des Orchesters verlangt den Musikern mitunter Höchstleistungen ab. Und trotzdem war ihm das gängige Instrumentarium aus Holzbläsern, Hörnern, Trompeten, Posaunen, Cimbasso, Schlagzeug, Harfen und Streichern nicht genug, sondern er forderte eine Spezialanfertigung, um nicht nur musikalisch, sondern auch szenisch Eindruck zu schinden: Die Rede ist von der Aida-Trompete.

Was ist diese Aida-Trompete? Im Wesentlichen ist sie ein optischer Gag – eine – nicht gerade günstige – Trompete in Langform, unhandlich, und klanglich – wenn überhaupt – nur marginal von einer modernen Trompete zu unterscheiden. Verdi ließ diese konzipieren, um sie original ägyptischen Fanfaren nachzuempfinden. Bekannt wurde sie durch ebenjene namengebende Oper und darüber hinaus komplett vergessen. Noch heute zählt eine überwältigende Mehrheit von Literatur den Triumphmarsch aus der Oper Aida als das einzige Repertoirestück für dieses Instrument – wenig überzeugende Experimente aus der Neuen Musik einmal ausgeklammert.

Was Verdi mit dieser Spezialkonstruktion bezweckt haben wollte, dürfte wohl ein übertriebener Hang zur Authentizität gewesen sein. Seine Oper – komplett in Ägypten angesiedelt – sollte eine möglichst detailgenaue Wiedergabe der Pharaonenzeit sein. Dazu passt auch die Uraufführung in Kairo. Und ganz so, wie das Bühnenbild, sollte wohl auch das Instrumentarium diese angestrebte Authentizität wiedergeben.

Mit der Entwicklung dieses Kuriosums kippte Verdi aber das Kind mit dem Bade aus. Denn die Aida-Trompete ist keine klassische Langfanfare, wie man sie aus historischen Aufzeichnungen kennt. Eine solche Fanfare wäre auch nur in der Lage gewesen, die Naturtonreihe zu intonieren, was Verdi bedachte, da er seinen Triumphmarsch nur mit Naturtönen für die jeweiligen Bauformen setzte. Und tatsächlich gelang Verdi auch eine markant eingängige Melodie mit diesem Triumphmarsch, die auch heute weitverbreitet und bekannt sein dürfte.

Leider aber erfüllt dieses Instrument den einen Zweck – nämlich eine authentische Optik – gerade nicht. Denn obwohl Verdi seine Musik sogar spezifisch komponierte, ließ er seine Aida-Trompete mit einem Ventil ausstatten und heute existiert sogar fast nur noch die Bauform mit drei Ventilen. Der Gewinn, dadurch Halb- und Zwischentöne spielen zu können, geht aber auf Kosten ebenjener Authentizität, die das Instrument bedienen sollte. Zusätzlich erschließt sich die Bauweise mit Ventilen auch deshalb nicht, weil Verdi diese zusätzlichen Töne für seinen Triumphmarsch gar nicht benötigt.

Die außerdem schon an Lächerlichkeit grenzende Beschränkung des Einsatzes von diesem Instrument führt all das dann noch final ad absurdum. Denn Verdi hat nicht etwa diese Trompetenform aufgegriffen, wie Wagner die Wagnertuben, und sie zu einem zentralen Bestandteil seines Opernschaffens gemacht. Sondern nach Aida scheint er diese Bauform genauso vergessen zu haben wie alle anderen Komponisten. Ein Umstand, der zur Folge hat, dass massenhaft Orchester sich heute diesen optischen Gag gleich ganz sparen und den Triumphmarsch auf gewöhnlichen Trompeten spielen. Klanglich macht es jedenfalls kaum einen Unterschied:

Traurigerweise ist damit nicht nur das Instrument selbst obsolet. Sondern dieser einmalige Gag wirft auch einen Schatten auf diesen Triumphmarsch, der an und für sich eine feierliche Musik mit Ohrwurmcharakter ist. Dass er wirksam ist, beweist auch eine mannigfaltige Verwendung in Film und Fernsehen. Doch diese auf ewig wirksame Verbindung mit einem Übermaß an Produktionsaufwand und einem einzigartig angefertigten Instrument, das nicht einmal klanglich heraussticht, stellt einen Umstand dar, über den man sich genauso gut auch lustig machen kann. Dass der Gag nicht nur bei der Optik endet, beweisen dann Spaßaufnahmen in Cartoons, oder auch Beispiele, wie diese Einspielung auf Gartenschläuchen:

Alles in allem muss man also sagen, dass Verdi hier einen Gag produziert hat, der über das Ziel hinausgeschossen ist. Hätte er sich eines historisch informierten und traditionellen Instruments bedient, wäre seine Oper verdient womöglich als eine wahre Sternstunde der Operngeschichte in Erinnerung geblieben. So aber haftet ihr der Makel von Übermut, Verschwendung und Größenwahn an. Die Spezialanfertigung der Aida-Trompete hätte es jedenfalls nicht gebraucht, um diese Oper so eindrucksvoll zu hinterlassen, wie sie musikalisch ist. Dass Verdi trotzdem darauf bestand, lässt sich nur mit einem Wort bezeichnen: Dekadenz.

Daniel Janz, 22. Oktober 2021, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Ladas Klassikwelt (c) erscheint jeden Montag.
Frau Lange hört zu (c) erscheint jeden zweiten Dienstag.
Schweitzers Klassikwelt (c) erscheint jeden zweiten Dienstag.
Sommereggers Klassikwelt (c) erscheint jeden Mittwoch.
Hauters Hauspost (c) erscheint jeden zweiten Donnerstag.
Radek, knapp (c) erscheint jeden zweiten Donnerstag.
Pathys Stehplatz (c) erscheint jeden zweiten Donnerstag.
Daniels Antiklassiker (c) erscheint jeden Freitag.
Spelzhaus Spezial (c) erscheint jeden zweiten Samstag.
Der Schlauberger (c) erscheint jeden Sonntag.
Ritterbands Klassikwelt (c) erscheint jeden zweiten Sonntag.
Posers Klassikwelt (c) erscheint jeden zweiten Sonntag.

Daniel Janz, Jahrgang 1987, Autor, Musikkritiker und Komponist, studiert Musikwissenschaft im Master. Klassische Musik war schon früh wichtig für den Sohn eines Berliner Organisten und einer niederländischen Pianistin. Trotz Klavierunterricht inklusive Eigenkompositionen entschied er sich gegen eine Musikerkarriere und begann ein Studium der Nanotechnologie, später Chemie, bis es ihn schließlich zur Musikwissenschaft zog. Begleitet von privatem Kompositionsunterricht schrieb er 2020 seinen Bachelor über Heldenfiguren bei Richard Strauss. Seitdem forscht er zum Thema Musik und Emotionen und setzt sich als Studienganggutachter aktiv für Lehrangebot und -qualität ein. Seine erste Musikkritik verfasste er 2017 für Klassik-begeistert. Mit Fokus auf Köln kann er inzwischen auch auf musikjournalistische Arbeit in Österreich, Russland und den Niederlanden sowie Studienarbeiten und Orchesteraufenthalte in Belgien zurückblicken. Seinen Vorbildern Strauss und Mahler folgend fragt er am liebsten, wann Musik ihre angestrebte Wirkung und einen klaren Ausdruck erzielt.

Daniels Anti-Klassiker 33: Rimski Korsakow – „Scheherazade“ (1888)

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.