Tosender Applaus für Sol Gabetta in Wien

Wiener Symphoniker, Sol Gabetta, Jukka-Pekka Saraste,  Wiener Konzerthaus

© Julia Wesely
Wiener Symphoniker
Sol Gabetta Violoncello
Jukka-Pekka Saraste Dirigent
Dmitri Schostakowitsch, Konzert für Violoncello und Orchester Nr. 1 Es-Dur op. 107
Jean Sibelius, Symphonie Nr. 2 D-Dur op. 43
Wiener Konzerthaus, Großer Saal, 5. Mai 2017

von Mirjana Plath

Der Freitagabend im Wiener Konzerthaus bietet ein erfrischendes Musikerlebnis. Das Format „Fridays@7“ reiht nicht endlose Orchesterwerke aneinander. Stattdessen präsentieren die Wiener Symphoniker ein etwa einstündiges Programm ohne Pause. In der letzten Ausgabe war Sol Gabetta zu Gast bei den Symphonikern, die musikalische Leitung übernahm der finnische Dirigent Jukka-Pekka Saraste. Zusammen spielten sie Dmitri Schostakowitschs erstes Konzert für Violoncello und Orchester in Es-Dur, als zweites Werk führte das Orchester die Symphonie Nr. 2 in D-Dur von Jean Sibelius auf.

Die Erwartungen an Sol Gabetta sind groß. Sie eröffnet das Konzert mit prägnanten Staccato-Vierteln, bevor das Orchester im nächsten Takt mit seiner Marschbegleitung einfällt. Die vielen Doppelgriffe, Akkorde über mehrere Saiten und der beträchtliche Tonumfang machen das Werk für die Cellostimme sehr anspruchsvoll. Für Gabetta scheint das jedoch keine Herausforderung zu sein. Sie agiert konzentriert und klar auf der Bühne. Es kommt aber nicht zu einem völlig freien Spiel.

Jukka-Pekka Saraste schöpft leider nicht das volle Potential der Komposition aus. Er wirkt wie gefangen von den Noten und dirigiert statisch, wodurch die Musik an Schwung verliert. Außer dem Cello tritt auch das Horn solistisch hervor. Das Blasinstrument klingt im Dialog mit dem Cello solide, zeigt aber auch einen kurzen Moment der Unsicherheit.

Der zweite Satz schlägt sanftere Töne an und hebt ein kantables Hauptthema hervor. Sol Gabetta vertieft sich ganz in den lyrischen Charakter der Musik und empfindet in ihren Pausen auch sichtbar den Melodiefluss der anderen Musiker nach. Der Einsatz der Celesta in diesem Satz erweitert den Facettenreichtum und lockert die konzentrierte Anspannung auf. Der Klang des Instruments, der an ein Glockenspiel erinnert, harmoniert schön mit den flötenhaften Flageoletttönen des Cellos.

Die weltbekannte Cellistin spielt zweifellos auf hohem Niveau, das beweist sie vor allem im dritten Satz des Konzertes. Den mit „Cadenza“ überschriebenen Werkabschnitt bestreitet sie vollkommen alleine, während das Orchester schweigt. Gabetta interpretiert das Tempo in ihrer Kadenz sehr frei. Die Pausen zwischen den Pizzicato-Akkorden, die gleich zu Beginn des Satzes erklingen, kostet sie lange aus. Diese Stille bündelt die Aufmerksamkeit im Konzertsaal neu auf die kontrastreiche Musik. Kaum befreit von Sarastes Leitung, fesselt sie augenblicklich das Publikum und zieht es in ihren Bann. Dabei führt sie mühelos alle Spieltechniken vor, die Schostakowitsch in den Satz eingebaut hat. Klar grenzt sie die verschiedenen Stimmen, die teilweise gleichzeitig in Doppelgriffen verlaufen, voneinander ab.

Die Solokadenz geht fließend in den Finalsatz im Allegro con moto über. Die Streicher hämmern eine energiegeladene Grundlage mit prägnant-scharfen Pizzicati für die Cellomelodie. Die Tonhöhen der Holzbläser schrauben sich immer weiter nach oben und erhalten durch die Piccoloflöte eine grelle Klangfarbe, die den Musikverlauf weiter dramatisiert. Ausdrucksvoll endet der vierte Satz mit massiven Akkordrepetitionen im Cello und einer letzten Motivwiederholung in den Bläsern, untermalt vom Trommelwirbel der Pauke. Die Zuhörer sind hingerissen. Sie holen die Solistin mit tosendem Applaus und begeisterten Bravorufen mehrmals auf die Bühne zurück.

Auch der Dirigent scheint beflügelt von dem Beifall. Saraste wirkt befreit, als er den Einsatz zum zweiten Werk des Abends gibt. War er vorher noch von der Partitur eingeschränkt, dirigiert er nun auswendig die Komposition seines Landmannes Jean Sibelius. Euphorisch feuert er das Orchester zu einem wuchtigen Spiel an. Er legt viel Wert auf starke Crescendi, die in massiven Fortissimi gipfeln.

Im dritten Satz kommt eine differenziertere Ausdrucksweise zum Vorschein. Die Oboe zeichnet in ihrem Solo eine feine Melodielinie und geht einen lyrischen Dialog mit der melancholischen Cellostimme ein. Plötzlich fällt das Orchester wieder ein und unterbricht lautstark die getragene Episode. Immer wieder schwellt die Musik zu dramatischen Höhepunkten an. Die Pauken grummeln bedrohlich und die Blechbläser stechen markant aus dem Streichergeflecht heraus. Große Kontraste prägen den Satz, der im Vivacissimo beginnt und ohne Halt in das Finale läuft.

Die Streicher spielen ihr Hauptthema im letzten Satz sehr dicht und kosten mit vollen Bogenlängen die breiten Noten aus. Die schnellen Aufwärtsläufe erinnern stark an Tschaikowskys schwülstige Orchesterbehandlung. Dazu setzen die Blechbläser heroische Akzente. Im Tutti und Fortissimo beenden die Wiener Symphoniker strahlend das Konzert und lassen ein überwältigtes Publikum zurück.

Was Jukka-Pekka Saraste bei Schostakowitsch noch hemmt, schlägt bei Sibelius in losgelöste Euphorie um. Durch die ständige Steigerung zum Ultimativen kommt die Musik kaum zur Ruhe und eilt von Höhepunkt zu Höhepunkt. Der Dirigent reißt in seiner Begeisterung das gesamte Orchester mit sich und holt die größtmöglichen Effekte aus der Komposition heraus. Er überrollt dadurch einige feine Passagen, hinterlässt aber einen bleibenden Eindruck bei den Zuhörern. Noch lange hallen die majestätischen Klänge im Kopf nach.

Mirjana Plath, 7. Mai 2017 für
klassik-begeistert.at

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