Zum Tod von Hans Neuenfels: Abschied von einem Unbequemen

Zum Tod von Hans Neuenfels: Abschied von einem Unbequemen,  6. Februar 2022

Foto: Hans Neuenfels portraitiert von Oliver Mark ©, Berlin 2006 / wikipedia.de

von Peter Sommeregger

Wenige Theaterleute seiner Generation haben derart polarisiert, wie der 1941 in Krefeld geborene Hans Neuenfels. Seine Biographie ist zu gleichen Teilen geprägt von zahlreichen Preisen und Auszeichnungen, andererseits aber auch von nicht wenigen Theaterskandalen. Letztere ließen ihn zeitweilig zum Schrecken der Intendanten werden, für provokantes Sprech- und Musiktheater war er immer gut.

Neuenfels studierte Schauspiel und Regie zuerst an der Folkwang-Hochschule in Essen, später schloss er seine Studien am Reinhardt-Seminar in Wien ab, wo er auch seine spätere Ehefrau, die Schauspielerin Elisabeth Trissenaar, kennenlernte.

Am legendären Ateliertheater am Naschmarkt in Wien stellte Neuenfels ab 1964 eigene Inszenierungen vor. Nach Engagements an kleineren deutschen Bühnen ging er schließlich 1972 nach Frankfurt am Main, wo er mit seinen Inszenierungen für Aufsehen aber auch Zuspruch sorgte.

Seine erste Oper, Verdis „Troubadour“ inszenierte Hans Neuenfels in Nürnberg, mit seiner Inszenierung der „Aida“, 1980 am Frankfurter Opernhaus, sorgte er für einen großen Skandal, weil er die Titelheldin als Putzfrau auftreten ließ, was das damals noch konservative Opernpublikum in Rage brachte.

Speziell mit seinen Operninszenierungen polarisierte Neuenfels das Publikum. Man kann ihn mit Recht als einen der Begründer der neuen Musiktheater-Ästhetik bezeichnen, mit Konventionen der Opern-Regie hat er nachdrücklich, und zunächst auch richtungweisend, gebrochen, in späteren Jahren wurden seine Produktionen allerdings zunehmend schrill und abstrakt.

Neben seiner Theaterarbeit schrieb Neuenfels auch eigene Texte, Libretti und sogar Romane. Mehrfach inszenierte er an der Komischen Oper in Berlin, in Erinnerung bleibt hier eine etwas abstrakte „Zauberflöte“ in der seine Ehefrau Elisabeth Trissenaar in einer dazu erfundenen Rolle als eine Art Conférencier agierte. Das Ehepaar arbeitete häufig zusammen, was nicht selten zu eindrucksvollen Resultaten führte. Ich persönlich verdanke den beiden eines meiner stärksten Theatererlebnisse, nämlich Grillparzers „Goldenes Vlies“ 1993 am Wiener Burgtheater.

Furore machte nach anfänglicher Ablehnung seine „Lohengrin“-Inszenierung in Bayreuth. Er ließ den Chor als Ratten verkleidet auftreten, was das Stück als Versuchsanordnung im Labor darstellen soll. Nach ein paar Jahren wurde diese Inszenierung aber zum Kult, wie nicht selten in Bayreuth.

Neuenfels letzte Operninszenierung in Berlin war die „Salome“ von Richard Strauss, die beinahe einen mittleren Theaterskandal auslöste, und den Dirigenten Christoph von Dohnányi zum Ausstieg aus der Produktion veranlasste. Tatsächlich schien Neuenfels bei dieser Arbeit jedes Maß verloren zu haben und stellte Tableaus auf die Bühne, die an Geschmacklosigkeit nicht zu überbieten waren.

Neuenfels’ exzessiver Umgang mit Alkohol und Zigaretten war ein offenes Geheimnis, offenbar konnte er aber damit gut umgehen, und das stolze Alter von 80 Jahren erreichen. Gestern starb Neuenfels in seiner Wahlheimat Berlin. Er hinterlässt seine Witwe Elisabeth Trissenaar und einen Sohn, der erfolgreich als Kameramann arbeitet.

Trotz oder vielleicht gerade wegen seiner Exzentrik ist ihm ein Platz im Theaterhimmel sicher.

Peter Sommeregger, 7. Februar 2022, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

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