Hänsel und Gretel: Begeisterung vom Milchzahn- bis ins Erwachsenen-Alter

Engelbert Humperdinck, Hänsel und Gretel,

Volksoper Wien, 23. Dezember 2017
Engelbert Humperdinck, Hänsel und Gretel
Christof Prick, Dirigent
Karl Dönch, Regie
Toni Businger, Bühnenbild und Kostüme
Lucio Golino, Choreinstudierung
Martin Winkler, Vater
Elisabeth Flechl, Mutter
Manuela Leonhartsberger, Hänsel
Anja-Nina Bahrmann, Gretel
Ulrike Steinsky, Knusperhexe
Sofiya Almazova, Sandmännchen
Johanna Arrouas, Taumännchen

von Jürgen Pathy

Das zur Adventszeit in vielen Opernhäusern auf dem Programm stehende Märchenspiel in drei Bildern zählt zu den populärsten Opern und gilt auch als besonders kinderfreundlich. An der Volksoper Wien steht die spätromantische Oper seit dem ersten Nachkriegswinter 1945 regelmäßig auf dem Spielplan, seit 1985 in der legendären Inszenierung des 1994 verstorbenen Volksopern-Direktors Karl Dönch – an diesem Samstagabend bereits in der 208. Vorstellung. Und es scheint, als würde das Stück von Mal zu Mal besser werden!

Das Libretto zum „Kinderstuben-Weih-Festspiel“, wie der deutsche Komponist und Richard-Wagner-Intimus Engelbert Humperdinck seine spätromantische Oper ironisch bezeichnete, entstammt der Feder von Humperdincks Schwester Adelheid Wette und basiert auf dem gleichnamigen Grimm‘ schen Märchen.

Kurz vor Richard Wagners Tod assistierte Humperdinck seinem musikalischen Ziehvater am „Grünen Hügel“ und steuerte einige Ideen zu dessen Spätwerk bei. Trotzdem wäre es ungerecht Humperdinck „nur“ als Wagners Schüler zu betrachten, denn wie eigenständig und großartig dieses Märchenspiel ist, beeindruckte bereits Richard Strauss, der bei der Uraufführung am 23. Dezember 1893 im Weimarer Hoftheater am Pult stand: „Welch herzerfrischender Humor, welch köstlich naive Melodik, welche Kunst und Feinheit in der Behandlung des Orchesters, welche Vollendung in der Gestaltung des Ganzen, welche blühende Erfindung, welch prachtvolle Polyphonie und alles originell.

Zur Geschichte: Anstatt zu arbeiten, tollen Hänsel und Gretel vergnügt in der Küche herum. In ihrem Übermut verschütten sie die kostbare Milch, die zum Abendmahl bestimmt gewesen wäre, weshalb sie die erzürnte Mutter zum Beerensammeln in den Wald schickt. Bitterlich beklagt diese das Leid und die Armut der Familie. Gesanglich strahlend dargeboten von der österreichischen Mezzosopranistin Elisabeth Flechl – seit 2007/08 im Ensemble und seit 2016 Lehrbeauftragte an der Universität für Musik und darstellende Kunst in Wien.

Als der Vater von der höchst erfolgreichen Arbeit heimkehrt und von der Mutter erfährt, was vorgefallen ist, fürchtet er um seine geliebten Kinder, die sich bis zur bösen Hexe verlaufen könnten. Die Rolle des angeheiterten Familienoberhaupts verkörpert der in Bregenz geborene Bass-Bariton Martin Winkler mit einer glasklaren Artikulation und einem kräftigen, markanten Organ, dessen kerniges Timbre und  Beweglichkeit ein wahrer Segen sind. Seine goldene Kehle konnte er bereits erfolgreich in Frank Castorfs „Rheingold“ in Bayreuth 2013 zur Schau stellen und aktuell auch in der Neuinszenierung des „Rings“ im Theater an der Wien – jeweils in der Partie des Alberich.

Ein weiterer Höhepunkt des Abends ist mit Sicherheit die Darbietung des bezaubernden und idyllischen Abendsegens, dessen Melodik und Harmonik sich seit dem Vorspiel leitmotivartig durch das ganze Märchenspiel ziehen. Harmonisch wirkt nicht nur das Zusammenspiel der beiden Hauptprotagonisten, auch gesanglich können Hänsel und Gretel im überaus emotionalen Gebet Abends will ich schlafen gehen überzeugen – die Linzer Mezzosopranistin Manuela Leonhartsberger und die deutsche Sopranistin Anja-Nina Bahrmann, 37, erwecken das Geschwisterpaar glaubwürdig zum Leben. Bahrmann und der Komponist Humperdinck haben übrigens eines gemeinsam: Beide wurden in der Nordrhein-Westfälischen Kreisstadt Siegburg geboren.

Apropos Vorspiel, das circa acht Minuten lang dauert und einer symphonischen Dichtung gleicht: Zu beengt wirkten der Schutzengelchoral der Hörner und die folgenden Streicherklänge; etwas mehr sphärisches Legato wäre angebracht gewesen. Doch im Laufe des Abends lockerte der in Hamburg geborene Stabführer Christof Prick, 71, die Zügel und befreite das wunderbare Orchester der Volksoper von seinem einengenden Korsett. In der Traumpantomime wurden nicht nur Hänsel und Gretel in das wunderschöne Traumland verzaubert, sondern auch das anwesende Publikum. Das Weltklasse-Bühnenbild und die stimmig in Szene gesetzten Schutzengel (Kinderkomparserie) taten das Übrige – in diesen Belangen wie immer großes Lob an das Haus am Gürtel!

Doch kaum aus dem sicheren Traum erwacht, folgt sogleich der Albtraum: die hinterlistige Knusperhexe verzaubert die beiden und sieht in Hänsel gar schon den nächsten Festtags-Braten. Schauspielerisch und gesanglich großartig dargeboten von der Wiener Kammersängerin Ulrike Steinsky, 57 – neben Martin Winkler (Vater) und Anja-Nina Bahrmann (Gretel) ist sie die Dritte im Bunde, die, aus der durchwegs guten Besetzung, herausstechen können.

Doch all ihre hinterlistigen Zauberkräfte nutzen der Knusperhexe am Ende nicht – Gretel schnappt sich den Zauberstab der Hexe, entzaubert ihren Bruder und beide manövrieren das böse, Furcht einflößende Weib geschickt in den Ofen.

Großartig der Jugendchor der Volksoper Wien (Leitung: Lucio Golino), der den geschwächten, erwachenden Lebkuchenkindern wieder fröhliches Leben einhaucht.

Nicht nur der Rezensent war entzückt, sondern auch eine Menge junger Gäste im Milchzahn-Alter wurden durch ein atemberaubendes Bühnenbild, eine im Saal herumfliegende Hexen-Attrappe, hervorragendes Schauspiel, durch die Bank sehr guten Gesang und sphärische Klänge in eine ferne Märchenwelt versetzt. Erst der lautstarke Applaus ließ Jung und Alt wieder in der Gegenwart landen.

Und die Moral von der Geschichte: Das Böse geht unter, das Gute siegt!

Weitere Vorstellungen für Jung und Alt: am 28. Dezember 2017, am 4. Jänner 2018, und am 7. Jänner 2018.

Jürgen Pathy (klassikpunk.de), 25. Dezember 2017, für klassik-begeistert.at

 

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