Frauenklang 19: Amy Beach entfaltet ihr außergewöhnliches Talent trotz aller Widerstände

Frauenklang 19: Die Komponistin Amy Beach  klassik-begeistert.de, 9. Juli 2026

Photo von George Grantham Bain (1865 – 1944), WikiMedia Commons, public domain

Schon von frühester Kindheit an fiel Amy Beach (1867 – 1944) durch außergewöhnliche Musikalität auf. Doch aus den Konventionen der bürgerlichen Gesellschaft Amerikas war kein Entkommen. Sie wurde früh mit einem älteren, reichen Mann verheiratet und konnte kaum öffentlich wirken. Und doch schuf sie als weitgehende Autodidaktin einzigartige Werke, die heute mit Begeisterung wiederentdeckt werden.

von Dr. Lorenz Kerscher

Die sieben Seiten, die Raphaela Gromes in ihrem Buch Fortissima über Amy Beach schreibt, beginnen mit der anrührenden Geschichte von einem hochbegabten Mädchen, das schon als Einjährige 40 Melodien nachsingen konnte. Offensichtlich hatte sie das absolute Gehör, denn sie gab die Lieder immer in der Originaltonart wieder. Ihre Mutter war eine begabte Sängerin und Pianistin, die jedoch streng an gesellschaftlichen Konventionen festhielt, nach denen eine Frau keine Laufbahn als Musikerin einschlagen durfte. Doch Amy, der Musik ein wahres Lebenselixier war, setzte schließlich durch, dass sie von ihrer zunächst widerstrebenden Mutter unterrichtet wurde und bald auch mit Eigenkompositionen beeindrucken konnte.

Die Kleinstadt Henniker in New Hampshire, in der Amy Cheney, wie sie mit Mädchennamen hieß, 1867 als Tochter eines Papierhändlers geboren wurde, war nicht unbedingt das Milieu, in dem ein Ausnahmetalent eine angemessene Flughöhe erreichen konnte. Gottlob zog die Familie 1875 in die unmittelbare Umgebung von Boston. Auf der Suche nach einem passenden Klavierlehrer trafen sie auf einige Pianisten, die von Amys Klavierspiel so angetan waren, dass sie ihr einen Studienaufenthalt in Deutschland vermitteln wollten. Doch damit waren die Eltern nicht einverstanden. Immerhin wurde sie nun von erstklassigen Pianisten, darunter ein Schüler von Franz Liszt, unterrichtet und auch in Musiktheorie unterwiesen. Mit 16 Jahren begeisterte sie erstmals das Publikum der Boston Music Hall mit dem Klavierkonzert in g-moll von Ignaz Moscheles.

Doch ihre Karriere als Pianistin sollte nur zwei Jahre lang währen, denn im Alter von 18 Jahren wurde sie mit dem 24 Jahre älteren Arzt Henry Harris Aubrey Beach verheiratet. Diese „gute Partie“, die sich ihre Eltern so sehr für sie wünschten, war jedoch an die Bedingung geknüpft, dass sie nur noch zweimal im Jahr für wohltätige Zwecke konzertieren durfte. Doch sie konnte ungehindert komponieren, wenn auch ihr Ehemann verlangte, dass sie ihre Werke unter seinen Initialen, d. h. als Mrs. H. H. A. Beach veröffentlichte. Dass das in der gehobenen Gesellschaft Anerkennung brachte, war ihm wohl nicht unangenehm. So war ihm die hochmusikalische junge Frau eine willkommene Zierde seines bürgerlichen Salons.

Anders als Mélanie Bonis, die nach ihrer Eheschließung achtfache Mutterpflichten erfüllen musste und auf Jahre hinaus nur kleine Klavierstücke für den Hausgebrauch schreiben konnte, blieb Amy Beach kinderlos. So ging sie auch daran, für Orchester zu komponieren, und erwarb das Rüstzeug dafür im Selbststudium anhand der von Hector Berlioz verfassten Instrumentationslehre. 1890 entstand die gut einstündige Große Messe in Es-Dur für Soli, Chor, Orgel und Orchester op. 5, die 1892 von der renommierten Handel and Haydn Society in Boston mit großem Erfolg uraufgeführt wurde. Es lohnt sich, diesen Geniestreich der 23-jährigen Autodidaktin in YouTube abzurufen. So kann man feststellen, dass sie hier bei aller Verwurzelung in romantischen Klangwelten schon eine eigene Tonsprache entwickelt hat.

Stilistisch erinnert mich diese Messe ein wenig an Antonin Dvořák und tatsächlich kam der große tschechische Meister im Jahr 1892 für eine dreijährige Lehrtätigkeit in die Vereinigten Staaten. Er regte an, dass US-Komponisten die Musik der Native Americans und die Spirituals der afroamerikanischen Bevölkerung nutzen sollten, um eine nationale Identität zu erschaffen. Ein Beispiel dafür gab er mit seiner Symphonie aus der Neuen Welt. Amy Beach entgegnete, dass sie ihrer Herkunft entsprechend auf irische und schottische Volksweisen zurückgreifen wolle und zog aus dieser Meinungsverschiedenheit die Inspiration für ihre 1894 bis 1896 entstandene Gaelic Symphony, die heute ihr bekanntestes Werk ist.

Es ist die erste von einer Amerikanerin komponierte, herausgegebene und zur Aufführung gebrachte Symphonie. Auch in Klassik begeistert wurde sie schon gewürdigt: 2023 erschien eine Beschreibung dieses Werks durch Daniel Janz und 2025 besprach Peter Sommeregger die neu erschienene CD-Einspielung durch die Münchner Symphoniker unter Joseph Bastian. Diese abwechslungsreiche Symphonie hat wirklich alles, um das Publikum zu begeistern!

Amy Beach | Gaelic Symphony | SUN SYMPHONY ORCHESTRA | OCHANINE

Obwohl die Gaelic Symphony von Anfang an viel Lob erntete, lassen sich die Orchesterwerke von Amy Beach an einer Hand abzählen. Vielleicht nahm sie aufgrund der negativen Kritiken für ihr 1900 uraufgeführtes Klavierkonzert in cis-moll davon Abstand, ihr symphonisches Schaffen fortzusetzen. Hochwertige Aufzeichnungen aus verschiedenen Erdteilen, die man heute in YouTube findet, bestätigen diese anfänglichen Vorbehalte in keiner Weise. Vollgriffig und kraftvoll zupackend gleich zu Beginn, dann auch wieder zart melodisch und verträumt, dazwischen glitzernde Klanggirlanden bildend, bietet der Solopart des viersätzigen Werk Entfaltungsmöglichkeiten in alle Richtungen.

Der Orchesterpart ist klangfarbenreich und voller Kontraste und erzielt auch ganz feinfühlige Wirkungen, wenn etwa im ersten Satz die Solovioline in das lyrische Thema des Klaviers hineinspielt. Es folgt ein vom Orchester filigran umspieltes Perpetuum mobile als kurz gehaltenes Scherzo, bevor der elegische langsame Satz das emotionale Zentrum des Werks bildet und ein spritziges, virtuoses Finale zum mitreißenden Abschluss führt. Ich würde diesem Konzert einen ähnlichen Rang geben wie dem zeitgleich entstandenen, stilistisch verwandten, aber ungleich populäreren 2. Klavierkonzert von Sergej Rachmaninow.

Concerto for Piano, Amy Beach | São Paulo State Youth Orchestra | Ligia Moreno, piano solo

1910 starb der Ehemann von Amy Beach und kurz darauf ihre Mutter. Nun erfüllte sie sich ihren Jugendtraum und ging nach Deutschland, wo ihre Jugendfreundin Marcella Craft als gefragte Sopranistin an bedeutenden Opernhäusern tätig war. Sie brauchte zunächst Zeit, um sich selbst zu finden und gab dann mehr und mehr Konzerte mit eigenen Werken. Hier wurde auch ihr Klavierkonzert begeistert aufgenommen. Kurz nach Ausbruch des 1. Weltkriegs kehrte sie 1914 nach Amerika zurück, wo sie dieses Werk endlich auch mit Erfolg aufführen konnte und wachsende Anerkennung für ihr Schaffen erntete. Sie nutzte ihre Freiheiten für künstlerisches Wirken, Kontaktpflege und Reisen. Auch für Frauenrechte setzte sich nun ein, bis sie ab 1940 wegen einer Herzkrankheit kürzer treten musste. An dieser verstarb sie 1944 und hinterließ ca. 300 veröffentlichte Kompositionen.

In ihrem Werkverzeichnis überwiegen Klaviermusik, Lieder und sehr viele geistliche wie auch weltliche Chorwerke. Im Bereich der Instrumentalmusik schuf sie dagegen Unikate: eine Symphonie, ein Klavierkonzert, ein Klavierquintett, ein Klaviertrio, eine Violinsonate, ein einsätziges Streichquartett. Mit der Kammeroper Cabildo kam noch ein weiteres Einzelstück hinzu. War es der gesellschaftlichen Konvention geschuldet, dass sie sich damit begnügte, von jeder Gattung nur ein vollgültiges Werk vorzuweisen? So gibt es nicht genügend Auswahl, um ihrem Schaffen eine hohe Präsenz in den Konzertprogrammen zu ermöglichen. Doch es ist überfällig, ihre außergewöhnlichen Kompositionen in den Kanon der regelmäßig gespielten Musik aufzunehmen.

Dr. Lorenz Kerscher, 9. Juli 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Weiterführende Information:

Playlist mit bedeutenden Werken von Amy Beach in YouTube

Amy Beach in Wikipedia

CD-Besprechung: Amy Beach klassik-begeistert.de, 20. März 2025

Daniels vergessene Klassiker Nr 20: Amy Beach – Sinfonie in e-Moll – „Gaelische Sinfonie“

Frauenklang 18: Mélanie Bonis, Komponistin klassik-begeistert.de, 10. April 2026

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