Musikverein auf neuen Wegen

The Cleveland Orchestra, Franz Welser-Möst, Leos Janacek „Das schlaue Füchslein“,  Musikverein Wien

Leos Janaceks „Das schlaue Füchslein“ im Goldenen Saal konzertant und visuell

The Cleveland Orchestra
Singverein der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien
Wiener Sängerknaben
Franz Welser-Möst, Dirigent
Yuval Sharon, Regie
Martina Janková, Füchslein Schlaukopf
Alan Held, Förster
Jennifer Johnson Cano, Fuchs
Raymond Aceto, Harasta
Daryl Freedman, Lapák

Von Charles E. Ritterband

Eine „enorme technische Herausforderung“ nannte die Gesellschaft der Musikfreunde die „Inszenierung“ – denn dies war mehr als eine konzertante Aufführung von Leos Janaceks entzückender Oper „Das schlaue Füchslein“ mit synchroner Projektion eines Zeichentrickfilms, der die gesungene und vom Orchester in Musik umgesetzte Handlung auch visuell präsentierte.

Als „Konzert der Zukunft“ bezeichnete dies ein Freund begeistert, ja geradezu euphorisch – nicht irgendeiner, sondern der Kulturchef des um Niveau und Qualität in kulturellen Dingen erfolgreich bemühten österreichischen Fernsehens. Derartige Inszenierungen könnten, so schwärmte er, das tendenziell doch eher grauhaarige Konzertpublikum verjüngen, die Konzertsäle auch künftig füllen und dem Medium Konzert die Zukunft garantieren.

An diesem Abend war das Cleveland Orchestra in Hochform unter dem Dirigenten Franz Welser-Möst zu hören; Janaceks bilderbuchhafte Oper wäre in dieser teils gewaltigen, teils subtilen Interpretation mit einem stets ausgewogenen Klang auch zu Leben erwacht, wäre nicht gleichzeitig der entzückende, künstlerische und nur manchmal etwas in den Kitsch abgleitende Trickfilm (Walter Robot Studios – Bill Barminski und Christopher Louie) über die gewaltige Leinwand geflimmert, welche die gesamte Stirnwand des Musikvereinssaals einnahm.

Doch hier lag auch schon, wie meine Partnerin mit einiger Berechtigung monierte, das Problem: Der „Goldene Saal“ des Musikvereins in seiner üppigen Pracht – einer der schönsten und akustisch perfektesten Konzertsäle der Welt, 1870 vom Stararchitekten Theophil Hansen erbaut – ist ein weltweit einziger Rahmen, der visuell erfüllt. In dieser Umgebung eine Riesenleinwand aufzuspannen und einen (zugegebenermaßen perfekten) Film abzuspulen, der die Musik visualisiert, ist ganz einfach „too much“, wie meine Begleiterin sagte. Diese beiden überwältigenden visuellen Eindrücke konkurrierten fast bis fast zur Unerträglichkeit – optische Redundanz. Man hätte das Ganze viel lieber in einer neutralen Architektur gesehen – am besten in einem jener großen, in Wien noch erhaltenen Kinos aus den 1950er Jahren.

Aber großartig war das schon, und auch enorm humorvoll. Denn nicht nur wurde der sehr poetische Zeichentrickfilm auf das Halbrund der Leinwand projiziert – diese wies auch kleine runde Gucklöcher auf, in denen sich die zweidimensional projizierten Protagonisten (Füchslein und andere Tiere) plötzlich in dreidimensionale Figuren verwandelten, als nämlich die maskierten, geschminkten Köpfe der Darsteller durch die Fensterchen guckten und ihren Part sangen. Auch Türen gingen auf und die Darsteller traten aus dem Film dreidimensional auf die Bühne. Dieser Wechsel zwischen Filmrealität und Wirklichkeit, zwischen gezeichneten Figuren und menschlichen Darstellern war höchst raffiniert, oft überraschend und mit großem Humor (Regie: Yuval Sharon) gemacht – besonders, als beim Schlussapplaus der Dirigent Franz Welser-Möst auch aus der Leinwand trat und sich von einer gezeichneten Trickfilmfigur in den leibhaftigen Dirigenten verwandelte, der sich vor dem beigeisterten Publikum verbeugte.

Es war also keine konzertante Aufführung, wie man es gewohnt ist, sondern eine ganz neue Gattung, hinter der ein erstaunliches innovatives Konzept mit technisch perfekter Umsetzung steht – und die dem Musikbetrieb neue Frische verleiht. Für das „Füchslein“ mit ihrer parabelhaften Handlung, dem Kontrast zwischen der Tier- und Fabelwelt und der Sphäre der dümmlich-schwerfällig-brutalen Menschen ist jedenfalls diese Methode geeignet wie keine andere – Sänger in Tierkostümen mögen zwar putzig wirken, streifen jedoch, wenn nicht perfekt gemacht, stets die Lächerlichkeit. Mit dem künstlerischen Zeichentrickfilm ist das ganz anders, gewährleistet dieser doch die Abstraktion der Fabel.

Über das Ensemble, insbesondere auch den sehr starken Chor, kann man sich nur begeistert äußern. Richtigerweise wurde in Originalsprache gesungen, mit deutschen Obertiteln. Füchslein Schlaukopf wurde brillant von Martina Jankova verkörpert, der Fuchs ebenfalls hervorragend von Jennifer Johnson Cano und der Förster überzeugend von Alan Held. Zwei Wiener Sängerknaben waren in den Sopranpartien von Gille, Frosch und Heuschrecke zu hören – entzückend.

Die Produktion hatte bereits in den Vereinigten Staaten Furore gemacht und die Kritik, bis hin zur „New York Times“, war vorbehaltlos begeistert. Das Konzert war gewissermaßen das Geburtstagsgeschenk der „Clevelander“, die 2018 ihr hundertjähriges Bestehen feiern – das Cleveland Orchestra ist eines der fünf ganz großen Orchester der USA.

Am 24. und 25. Oktober 2017 treten Franz Welser Möst und das Cleveland Orchestra mit Ludwig van Beethoven und Igor Strawinsky (Dienstag) sowie mit Gustav Mahlers 6. Sinfonie (Mittwoch) in der Elbphilharmonie in Hamburg auf – klassik-begeistert.de wird von beiden Abenden berichten.

Der Journalist Dr. Charles E. Ritterband schreibt exklusiv für klassik-begeistert.at. Er war für die renommierte Neue Zürcher Zeitung (NZZ) Korrespondent in Jerusalem, London, Washington D.C. und Buenos Aires. Der gebürtige Schweizer lebt seit 2001 in Wien und war dort 12 Jahre lang Korrespondent für Österreich und Ungarn. Ritterband geht mit seinem Pudel Nando für die TV-Sendung „Des Pudels Kern“ auf dem Kultursender ORF III den Wiener Eigenheiten auf den Grund.