30 Jahre Classic Open Air Berlin: Mittelmeer trifft Spreemetropole

30 Jahre Classic Open Air 2022, Opernzauber unter Sternen, Mediterrane Opernhits von Verdi bis Bizet  Berlin, Gendarmenmarkt, 8. Juli 2022

Es beschließt sich ein insgesamt sehr gelungener Abend, der ohne Frage vom dem ein oder anderen Vollblut-Opernfan als ein wenig stumpf eingeordnet werden könnte, jedoch bei jedem Stückbeginn etwa 5500 Lächeln auf die Gesichter zaubert und somit den Nerv des Publikums zu hundert Prozent trifft.

Foto: Classic Open Air © 

Berlin, Gendarmenmarkt, 8. Juli 2022

30 Jahre Classic Open Air 2022 –

Opernzauber unter Sternen
Mediterrane Opernhits von Verdi bis Bizet

Lena Langenbacher, Natalija Cantrak, Aleksandr Nesterenko, Grzegorz Sobczak

Chor des Jungen Ensembles Berlin

Norddeutsche Philharmonie Rostock
Marcus Merkel, Dirigent
Hans-Jürgen Mende, Moderation

von Elisabeth Tänzler

An diesem, dem Berliner Stadtbild durchaus angepassten, grau verhangenen Freitag, lässt sich die versprochene Mediterranität vom vielleicht am wenigsten mediterranen Orchester – der Norddeutschen Philharmonie Rostock – zunächst nur erahnen. Bis sich pünktlich zu Konzertbeginn die Sonne erbarmt und den Weißweinverbrauch auf dem Gelände, wie auch rings herum zwischen Dachterrassen und Picknickdecken, auf Hochtouren laufen lässt.

Das jährlich stattfindende Classic Open Air feiert in diesem Jahr
30. Jubiläum und lässt den prachtvollen Gendarmenmarkt in Mitten des Deutschen und des Französischen Doms sowie des Berliner Konzerthauses in diesen Tagen in besonderer Scheinwerferstrahlung erleuchten. Rund 6000 Zuschauer finden um die über den Eingangstreppen der Kulturstätte gespannten Bühne ihren Platz. Die wohl beste Sicht behält dabei der marmorne Friedrich Schiller – schade, dass er den Musizierenden stets den Rücken zuwendet.

Nach verregnetem Auftakt der Berliner Symphoniker am 7. Juli, lädt der folgende „Opernzauber“ in die wärmenden Gefilde des Mittelmeerraums. Drei größere Programmblöcke Mozart – Verdi – Puccini bestimmen dabei den Rahmen des ausgewählten „Gassenhauer-Programms“, das durch Hans-Jürgen Mende, Journalist und Kult-Moderator bei NDR Kultur, stets mit treffenden, wohltimbrierten Worten publikumsnah erläutert wird und mit einer Live-Befragung des eingesprungenen und so energetischen Dirigenten Marcus Merkel auch Antworten rund um das Musikerdasein liefert.

„Wenn ich in die Oper gehe, warte ich meist mehrere Stunden auf die bekannten Partien, doch heute Abend liefern wir sie Ihnen am laufenden Band“, sagt Mende zur Begrüßung. Bereits während der spannungsgeladenen Ouvertüre zu Mozarts „Idomeneo“ wird deutlich – die Tonmeister haben an diesem Abend alle Arbeit geleistet, lassen die Norddeutsche Philharmonie in ausgewogenem Klang ertönen und auch die Straßen bis zur knapp 700 Meter entfernten Museumsinsel ebenfalls daran teilhaben.

© dpa

Lena Langenbacher, Sopranistin und fester Bestandteil des Volkstheater-Ensembles, begrüßt als troianische Prinzessin Ilia um schlagartig in die Rolle der Susanna zu springen und gemeinsam mit Grzegorz Sobcz als Graf Almaviva die mozartsche Hitparade weiterzuführen. Beachtlich bleibt dabei, geltend für den weiteren Abend und ausnahmslos alle Solistinnen und Solisten, wie jede Partie trotz der Akt-, Opern- und nicht zuletzt Rollensprünge ihre Tiefe behält.

Die einzelnen Fragmente, die im Programm leider eher bekanntheitslinear als chronologisch angeordnet werden, besitzen dabei jene Strahlkraft, die mit einleitender Erzählung leichter zu erreichen wäre. Doch wenn sich Natalija Cantrak und Aleksandr Nesterenko als Violetta und Alfredo ihren optimistischen, jedoch durch Krankheit bestimmten und somit aussichtslosen Zukunftsplänen hingeben, fühlt es sich an, als hätten bereits zwei Stunden „La traviata“ auf die Zuhörer eingewirkt.

Ein besonderes Geschenk an diesem Abend ist Rodolfo, halbszenisch dargestellt durch Aleksandr Nesterenko, die Mimìs so eiskaltes Händchen bei fortschreitender Konzertdauer und somit ebenfalls fallenden Berliner Temperaturen einfühlsam besingt und sich die innerliche Wärme unter den Zuhörenden ausbreiten lässt. Dieser Auftritt verspricht ein Opernerlebnis der kommenden Spielzeit am Volkstheater Rostock, wenn Nesterenko mit „La Bohème“ an der Warnow Premiere feiert.

© dpa

Allein der Chor des Jungen Ensembles Berlin gerät bei diesem Konzert ein wenig ins Hintertreffen, nicht etwa durch die erbrachte Leistung, doch eher als zu wenig eingesetzte Variable des Gesamtkonzepts. Neben Auftritten in Verdis „Coro degli zingari“, als Gefangenenchor der Oper „Nabucco“ oder mit überschaubaren Einsätzen in Escamillos „Toréador“ aus Bizets „Carmen“, bleiben weitere Einsätze in diesem sich anbietenden Programm dennoch aus und auch die Möglichkeit, alle Beteiligten dieses Abends in einem der Fragmente zu vereinen, wird leider nicht ergriffen.

Dennoch beschließt sich ein insgesamt sehr gelungener Abend, der ohne Frage vom dem ein oder anderen Vollblut-Opernfan als ein wenig stumpf eingeordnet werden könnte, jedoch bei jedem Stückbeginn etwa 5500 Lächeln auf die Gesichter zaubert und somit den Nerv des Publikums zu Hundert Prozent trifft.

Elisabeth Tänzler, 9. Juli 2022, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Berliner Philharmoniker, Berliner Philharmoniker Kirill Gerstein, Klavier, Kirill Petrenko, Dirigent Waldbühne Berlin, 25. Juni 2022

Klassik am Odeonsplatz 2018, Diana Damrau, Odeonsplatz, München

Martha Argerich Festival 20. – 29. Juni 2022, Hamburg Laeiszhalle Hamburg, 25. Juni 2022 (Kleiner Saal)

 

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