Bruckner in Vollendung – Christian Thielemann und die Wiener Philharmoniker perlen mit der Sechsten

Wiener Philharmoniker, Christian Thielemann, Camilla Nylund,  Großer Musikvereinssaal Wien, 1. Mai 2022

Foto: © Wolf-Dieter Grabner, Goldener Saal, Musikverein Wien

Anton Bruckner bescherte indes nicht die einzige Sternstunde an diesem Vormittag in einem der schönsten Konzertsäle der Welt. Ihm voraus ging ein ebenso berührender Vortrag von Strauss’ Vier Letzten Liedern.

Großer Musikvereinssaal Wien, 1. Mai 2022

Wiener Philharmoniker
Christian Thielemann Dirigent

Camilla Nylund, Sopran

Richard Strauss:
„Malven“, Lied für Sopran und Klavier, orchestriert von Wolfgang Rihm
Vier Letzte Lieder

Anton Bruckner:
Symphonie Nr. 6 A-Dur

von Kirsten Liese

Der  Bruckner-Zyklus der Wiener Philharmoniker unter Christian Thielemann hat für das Konzertpublikum kaum begonnen, da ist er fast schon zu Ende. Schließlich entstanden die meisten Live-Aufnahmen für Sony in den vergangenen beiden Jahren während diverser Lockdowns. Nur einige glückliche Wiener Journalisten durften unter Auflagen in den Saal.

Immerhin, die Siebte kam im Sommer vergangenen Jahres in Salzburg vor vollem Saal mit Publikum zu Ehren. Danach blieben nur noch zwei Werke übrig: Die Sechste, die nun an der Reihe war, und die Neunte, die  Ende Juli bei den kommenden Sommerfestspielen in Salzburg das Schlusslicht bilden wird. Seltsamerweise wird die Sechste  gemeinhin im Konzertleben stark vernachlässigt, wogegen leider auch der große Brucknerianer Sergiu Celibidache seinerzeit schon nicht ankam, der diese Sinfonie sehr liebte und sich für ihre Rezeption stark machte.

Unweigerlich fragte sich nun auch, wer Thielemanns geniale jüngste Einstudierung erlebte, warum die von herrlichsten Themen, Motiven und Melodien durchdrungene A-Dur-Sinfonie in ihrer Beliebtheit hinter der Achten, Vierten, Dritten und Siebten zurücksteht. Schon das erste markante, geniale Thema im Majestoso, mit „breit gezogen“ überschrieben, dem scharfen Auftakt, der Quinte abwärts und den anschließenden Triolen, das zum ersten Mal die Celli und Kontrabässe geheimnisvoll anstimmen, steht den Hauptthemen in den Eröffnungssätzen der anderen Sinfonien in nichts nach. Wie ein roter Faden zieht es sich durch das gesamte Gebilde in unterschiedlichsten Dynamiken, Färbungen und Stimmungen.

Dass diese Musik sich in aller Pracht entfalten konnte, hatte freilich auch mit der idealen Akustik im Musikvereinssaal zu tun. Golden, majestätisch und kompakt tönen da die Fortissimo-Klänge unter großem Aufgebot an Hörnern, Posaunen und Trompeten. Eine vergleichbare ehrwürdige Klangqualität war im Bukarester Sala Palatului, einem klotzigen Bau des Kommunismus, vergleichsweise nicht zu haben, wo Thielemann vor einigen Jahren die Sechste innerhalb des Enescu-Festivals  mit der Sächsischen Staatskapelle Dresden brachte.

Der langsame Satz, das „sehr feierliche“ Adagio, wurde wie so oft bei Thielemann, zum Herzstück der Wiedergabe. Er soll ihn –  so höre ich aus den Reihen der Musiker – bei den Proben mit dem berühmten Adagietto aus Mahlers fünfter Sinfonie verglichen haben, und das erscheint angesichts der elegischen Stimmung und den sehr berührenden schwermütigen Seufzer-Melodien, eingeleitet von der Solo-Oboe,  sehr treffend. Langsam und intim konnte sich diese schmerzreiche Melodie berührend entfalten, aber auch die trostreicheren Motive in den Violinen ziselierte Christian Thielemann ungemein sublim in ihren Figürlichkeiten.

Da kam mir unwillkürlich Riccardo Muti in den Sinn, wie er einen Jungdirigenten in seiner Opernakademie einmal anwies: „Forma la musica!“ Also er solle die Musik in ihrem Wesen gestisch nachbilden. Der Schlag allein macht noch keine Musik. Und umso filigraner es zugeht, wie eben in dem feierlichen Adagio, bedarf es äußerst subtiler, zarter Bewegungen in Fingern und Hand. Eben das war hier in Vollendung zu erleben, wie sich die Musik in größter Plastizität in der Körpersprache vermittelte. Und wie Thielemann es so macht, ging er im Ersuchen um immer noch größere Nuancierungen in Piano- und Pianissimo-Regionen tiefer und immer noch tiefer in die Knie beim Feilen an kleinsten Stellschrauben, was nach sich zog, dass jeder Einzelne zutiefst beseelt musizierte.

Das Blech hatte dann freilich im Scherzo und im Finalsatz  seine großen Auftritte: Makellos, golden, majestätisch, stolz und brillant tönten Hörner, Trompeten und Posaunen.

Christian Thielemann © Matthias Creutziger

Klanglich war das alles aufs Feinste ausbalanciert, etwa auch der von Bruckner so effektreich instrumentierte Dialog zwischen den leisen Pizzikati in den Violinen und den darauf kräftiger antwortenden Hörnern im Trio, Mittelteil des Scherzos.

Der Bruckner bescherte indes nicht die einzige Sternstunde an diesem Vormittag in einem der schönsten Konzertsäle der Welt. Ihm voraus ging ein ebenso berührender Vortrag von Strauss’ Vier Letzten Liedern.

Camilla Nylund, Foto: anna.s. ©

Camilla Nylund, eine von Thielemanns bevorzugten Sopranistinnen, habe ich schon vielfach gehört, sei es als Capriccio-Gräfin, Kaiserin in der Frau ohne Schatten, Eva in den Meistersingern, zwischenzeitlich auch als Jenůfa an der Berliner Staatsoper, oder mit Orchesterliedern von Richard Strauss. Ihre lyrischen Qualitäten blieben mir nie verborgen, wenngleich ihre Spitzentöne nicht immer eine Leuchtkraft besaßen wie ich sie von anderen legendären Strauss-Sängerinnen vergangener Jahrzehnte gewohnt war. Diesmal aber vernahm ich – und das auch schon in dem zur intimen Einstimmung gedachten Einzellied Malven – einen bis in höchste Regionen schlank geführten Sopran, der unter dem geforderten Einsatz der Kopfstimme eine überirdische Schönheit verströmte. Und mit dem von Konzertmeister Rainer Honeck ebenso sublim musizierten Violinsolo in dem Lied  Beim Schlafengehen  vorzüglich korrespondierte. So einzigartig hatte ich die Sängerin zuvor nie gehört, dies auch im Hinblick auf die Ausdeutung der von  Vergänglichkeit gezeichneten Texte, die mir vermutlich diesmal mehr denn je unter die Haut gingen, da mein geliebter Vater vor wenigen Tagen gestorben war.

Der Beifall jedenfalls wollte kein Ende nehmen, für Nylund nicht und später auch für Christian Thielemann nicht, den das mitgerissene Wiener Publikum nach seinem Bruckner gar nicht mehr gehen lassen wollte. Noch lange nachdem die Musiker schon den Saal verlassen hatten und sich wohl schon auf dem Nachhauseweg befanden, kam Christian Thielemann noch an die zehn Mal alleine unter stehenden Ovationen auf das Podium. Was für ein Fest!

Kirsten Liese, 2. Mai 2022, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Sächsische Staatskapelle Dresden, Christian Thielemann, Anton Bruckner, Neunte Sinfonie in d-moll, Semperoper Dresden, 13. Februar 2022

7. Opernakademie, Giuseppe Verdis Nabucco, Riccardo Muti, Fondazione Prada, Mailand, 21. Dezember 2021

Christian Thielemann, Denis Matsuev, Edvard Grieg, Richard Strauss, Salzburg, 01. November 2021

 

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