Jonathan Stockhammer © Marco Borggreve
Meine Tätigkeit für Andreas Schmidt, den Herausgeber von klassik-begeistert, ist pro bono. Selbst Pressekarten nehme ich in der Regel nicht in Anspruch. Das hat einen riesigen Vorteil: Ich kann ein Konzert einfach nur genießen ohne Angst vor dem großen leeren weißen Blatt Papier. Schon gar nicht muss ich eine allen gefallende klassische Konzertkritik schreiben, sondern kann die erlebten künstlerischen Aussagen in eine Glosse verpacken.
Richard Strauss / Ein Heldenleben – Tondichtung für großes Orchester op. 40
und andere Werke …
Symphoniker Hamburg
Jonathan Stockhammer / Dirigent
Laeiszhalle, Großer Saal, 22. März 2026
von Jörn Schmidt
Damit macht sich gewiss nicht immer Freunde. Aber da halte ich es mit Horaz: „Lieber einen Freund verlieren als einen guten Witz.“ Das ist meiner Einschätzung nach desgleichen ein guter Rat für Journalisten. Horaz (65 – 8 v. Chr.) hieß eigentlich Quintus Horatius Flaccus und war ein römischer Satiriker und Dichter. Ihm werden viele weitere Aphorismen zugeschrieben, die von größerem Nutzen sind als jeder Lebenshilfe-Ratgeber. Carpe diem zum Beispiel.
Nach drei Jahren muss Ihr Auto erstmals zum TÜV, danach alle zwei Jahre. Aber nicht nur Autos ereilt das. Los ging’s 1866 mit Dampfkesseln, da hieß das DÜV. Heute prüft der TÜV-Aufzüge, Rolltreppen, Industrieanlagen, Häuser, Spielzeug, Haushaltsgeräte, Schienenfahrzeuge … Sogar IT-Systeme und Managementsysteme werden geprüft, so kann zum Beispiel der Vorstand einer Aktiengesellschaft sein Compliance Management System vom TÜV zertifizieren lassen. Manche Menschen sprechen sogar vom TÜV, wenn Sie beim Arzt waren.
Nun hat es die Symphoniker Hamburg getroffen, in Abarbeitung von Standard DK HaSy 1a, herausgegeben vom klassik-begeistert-TÜV, musste Richard Strauss’ Ein Heldenleben mit Bravour absolviert werden. Ein Heldenleben ist der perfekte Prüfstandard, denn:
Das Werk ist eine von Richard Strauss’ zentralen sinfonischen Dichtungen und erfordert ein sehr großes Orchester – damit ist sichergestellt, dass sich niemand drücken kann
Dem ausgedehnten Violinsolo kommt technisch und inhaltlich große Bedeutung zu – und ist damit bestens geeignet, die Leistungsfähigkeit des Konzertmeisters zu überprüfen
Das Werk dauert so um bei 50 Minuten – die perfekte Länge, um die Kondition des Orchesterapparates zu testen
Dem Orchester war nachgelassen, sich zum TÜV einen Dirigenten zur Seite stellen zu lassen. Nachdem Chang Han-Na erkrankt war, entschied sich Daniel Kühnel, der Intendant der Symphoniker, für Jonathan Stockhammer. Ebenso war nachgelassen, sich mit Edvard Grieg, Peer Gynt Suite Nr. 1 op. 46, und Jörg Widmann, Trauermarsch für Klavier und Orchester, warmzuspielen. Solist war Anton Gerzenberg.
Im Rahmen des TÜV wurde keinerlei Mängel festgestellt, alle Instrumentengruppen spielten weitestgehend fehlerfrei. Der Konzertmeister zeigte, dass er für sein Amt immer noch bestens qualifiziert ist. Und nach 50 Minuten hätte jeder noch genügend Körner gehabt für einen weiteren Durchgang. Was aber viel wichtiger ist und sich jedem Prüfschema entzieht:
Stockhammer und Orchester haben das Werk in eine perfekte Balance gebracht: Brilliant-durchhörbar wo erforderlich, opulent-schwelgend, wo erlaubt. Sein Dirigat folgte Strauss’ Storyline wie ein Psychiater, bei dem Richard Strauss gerade auf der Couch lag und über seine Stimmungsschwankungen berichtet hat. Sowas geht gerne mal zu Lasten der Kondition und dann bleiben in dem Bestreben, dem Chef am Pult alles recht zu machen, die Emotionen auf der Strecke. Sie merken das spätestens auf dem Heimweg – wenn Sie gedankenlos das Autoradio anstellen und nicht mehr ans Konzert denken.
Jonathan Stockhammer dagegen hatte offensichtlich ein Mittel gefunden, dass die Musiker für ihn und Strauss’ Partitur die Extrameile gingen. Und so viel individuellen Ausdruck in ihr Spiel legten, dass es einen berührt. Heldenhaft intensiv war das.
Jörn Schmidt, 23. März 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
Sir Simon Rattle Mahler, Sinfonie Nr. 2 c-Moll, Auf den Punkt 85 Elbphilharmonie, 21. März 2026
Meine Lieblingsmusik 70: Richard Strauss „Ein Heldenleben“ (1898)