Tobias Gravenhorst © sagmalspaghetti
Karfreitag-Domkonzert: Johannespassion
Johann Sebastian Bach Johannespassion BWV 245, Instrumentierung von Robert Schumann
Veronika Winter Sopran
Dorothea Zimmermann Alt
Clemens Löschmann Tenor (Evangelist)
Raimund Nolte Bass (Pilatus)
Julian Redlin Bass (Jesusworte)
Bremer Domchor
Bremer Philharmoniker
Stephan Leuthold Hammerklavier
Tobias Gravenhorst Leitung
St. Petri-Dom Bremen, Karfreitag, 3. April 2026
von Dr. Gerd Klingeberg
Zum ruhig fließenden Pulsieren des kleinen, aus Mitgliedern der Bremer Philharmoniker zusammengestellten Kammerorchesters setzt der Chor kraftvoll adorierend ein mit dem Eingangschor „Herr, unser Herrscher, dessen Ruhm in allen Landen herrlich ist!“. Dieser Text – der sich nicht im biblischen Johannesevangelium findet, mit dem Johann Sebastian Bach jedoch bewusst chorisch markant seine Johannes-Passion beginnen lässt – verdeutlicht eindrucksvoll, dass die Passion Christi nicht Endpunkt aller Hoffnungen, sondern eine nur kurze, wenngleich bedeutsame Zwischenstufe der endgültigen Herrschaft Christi darstellt.
Die vielfachen Figurationen dieses grandiosen Satzes in Sing- und Instrumentalstimmen erfolgen rhythmisch punktgenau, bei eher moderatem Tempo, was in der nicht ganz einfachen Akustik des großen Kirchenraums ein größtmögliches Maß an Transparenz bewirkt.
Hammerklavier anstelle der Orgel
Bei dem dann einsetzenden, streng der biblischen Textvorgabe folgenden Rezitativ wird erstmals die von Robert Schumann bearbeitete Instrumentierung ohrenfällig: Die Begleitung erfolgt hier nicht durch liegende Orgelakkorde, sondern durch Hammerklavierklänge, bei denen durch arpeggierte Akkorde eine ungewohnte, aber durchaus passende Lebhaftigkeit erzeugt wird als hintergründige Betonung des gesungenen Evangelistentextes, den Tenor Clemens Löschmann mit erzählend energischer Eindringlichkeit, nicht selten auch ausgeprägter, dem jeweiligen Wortlaut angemessener Dramatik in sehr bildhaften Schilderungen des Geschehens vorträgt.

Als ungünstig erweist sich hingegen die instrumentale Begleitung der ersten, von Altistin Dorothea Zimmermann mit warmem, tragfähigem Timbre intonierten Arie „Von den Stricken meiner Sünden“: Die vom Fagott gespielte Basslinie erklingt hier leider allzu dominierend.

Was glücklicherweise in den nachfolgenden Arien nicht mehr der Fall ist. So etwa bei dem agil und mit frischen, klaren Höhen gesungenen „Ich folge dir gleichsam mit freudigen Schritten“, einer Partie wie gemacht für die ungekünstelte, geschmeidig helle Stimme von Sopranistin Veronika Winter, die später auch gleichermaßen intensiv ihre Arie „Ach mein Sinn, wo will ich endlich hin“ wie einen verzweifelten Ruf nach Hilfe vorträgt.

Mit seinem sonoren, volumenstarken, mitunter indes nachdenklich anmutenden Bass imponiert Raimund Nolte in der Pilatus-Rolle. Jesuanische Vollmacht und Autorität lässt Bassbariton Julian Redlin dagegen anklingen in seinem markanten Vortrag der Aussagen Jesu, die in den letzten drei so bedeutungsvollen Worten „Es ist vollbracht!“ gipfeln.

Die unterstreichende Alt-Arie, die diesen Wortlaut aufnimmt und die „Trauernacht“ zum Siegesjubel wandelt, intoniert Altistin Zimmermann mit expressiver Kontrastierung.

Choräle als tiefinnige Ruhemomente
Für ausgeprägt emotionale Momente sorgt dazu auch immer wieder der Domchor. Da sind die präzise ausgeführten, überaus packenden Einwürfe der Turba-Chöre, etwa das nervenzerreißende Fortissimo des „Kreuzige ihn!“. Oder das geradezu swingende „Lasset uns den nicht zerteilen“.
Aber vor allem sind es die wunderschönen, tiefinnigen Choräle, Momente des Nachsinnens und tiefer Kontemplation, zugleich berührende Anker der Ruhe im aufwühlenden Geschehen. Mit dezidiertem Dirigat akzentuiert Tobias Gravenhorst jede einzelne Zeile, jedes einzelne Wort der Choraltexte. Und sowohl der Chor als auch die Bremer Philharmoniker nehmen jede Nuance auf, setzen sie einfühlsam um. Das bewegt die Herzen, das rührt zu Tränen. Aber es hat auch etwas zutiefst Tröstliches, ganz besonders beim Schlusschoral, der wie eine finale Klammer den umfassenden Lobpreis des Eingangschores in jetzt ganz persönlichen Worten untermauert.
Insgesamt hat das Publikum sehr diszipliniert zugehört. Und der im Programmheft geäußerten Bitte, auf Applaus zu verzichten, wird minutenlang auch entsprochen. Aber dann scheint es, als könnten einige Zuhörende die innere Spannung nicht weiter aushalten; ihr Beifall dauert indes nur kurz. Für das Gros der Anwesenden ist es eine Selbstverständlichkeit, dass nach einem derart ergreifenden Gottesdienst – und nichts anders ist dieses zweistündige Konzert! – vielmehr andachtsvolle Ruhe geboten ist.
Dr. Gerd Klingeberg, 4. April 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
Ludwig van Beethoven, Missa solemnis Dom St. Petri in Bremen, 31. Oktober 2025
Le Concert Spirituel, Hervé Niquet Dirigent St. Petri Dom Bremen, 2. September 2025