John Neumeier hat uns tief geprägt

kb im Gespräch mit Anna Laudere und Edvin Revazov, Erste Solisten  Hamburgische Staatsoper, 29. Mai 2026

Anna Laudere und Edvin Revazov mit Hündchen Chaplin nach dem Interview im Ballettzentrum John Neumeier am 28. Mai 2026 (Foto: RW)

Interview mit Anna Laudere und Edvin Revazov, Erste Solisten beim Hamburg Ballett

 Als John (Neumeier) mich für die Kreation der Anna (Anna Karenina nach Tolstoi) benannte, fehlten mir die Worte. Ich war emotional sehr berührt und hatte Tränen in den Augen. Es war so schön, mit John über mehrere Monate diese Partie zu entwickeln. Es war ein unglaubliches Erlebnis. Ich habe nie an einen Wechsel gedacht, ich habe immer für John tanzen wollen.

 Edvin Revazov wurde 1983 in der Ukraine, in Sewastopol, geboren. Er wurde in Moskau und später in der Ballettschule des Hamburg Ballett zum Tänzer ausgebildet. 2003 wurde er in das Ensemble aufgenommen, seit 2007 tanzte er als Solist und seit 2010 als Erster Solist. Seit 2011 ist er auch als Choreograph tätig. 2023 gründete er zusammen mit Isabelle Rohlfs das Hamburger Kammerballett.

Anna Laudere wurde ebenfalls 1983 geboren, sie stammt aus dem lettischen Rigulda. Sie wurde in Riga und später an der Ballettschule des Hamburg Ballett ausgebildet. 2001 wurde sie in das Ensemble aufgenommen, 2008 zur Solistin und 2011 zur Ersten Solistin befördert.

Edvin Revazov und Anna Laudere sind seit 2012 verheiratet. Beide erhielten zahlreiche Preise wie u.a. 2007/2008 in Hamburg den Dr.-Wilhelm-Oberdörffer-Preis für Nachwuchskünstler und 2018 gemeinsam in Italien den international renommierten Premio Positano Léonide Massine.

von Dr. Ralf Wegner

klassik-begeistert: Liebe Frau Laudere, können Sie uns etwas über Ihren tänzerischen Werdegang berichten? Wie kamen Sie zum Ballett und was war der Anlass, an die Ballettschule des Hamburg Ballett zu gehen?

Anna Laudere: Meine erste Berührung mit Tanz erhielt ich über meine Großmutter, die mich als Vierjährige zum Folkloretanzen mitgenommen hatte. Meine Eltern waren in künstlerischen Berufen tätig, mein Vater als Schmuckdesigner und meine Mutter als Malerin. Auch ich konnte gut malen, interessierte mich aber ebenso für klassisches Ballett. Als ich 10 Jahre alt war, stand für mich die Entscheidung an, entweder eine Kunstschule zu besuchen oder klassischen Ballett-Unterricht zu nehmen. Da ich auf die Kunstschule ein Jahr hätte warten müssen, begann ich mit der Ballettausbildung.

Als ich 16 Jahre alt war, berichtete mein Vater mir von dem guten Ruf der Hamburger Ballettschule. Ich habe mich dann dort beworben und wurde nach einem Vortanzen angenommen. Ich wohnte gleich im Ballettinternat, fühlte mich anfangs aber doch noch  einsam, denn ich sprach nur Lettisch und Russisch. Ich hatte zunächst auch keine Ahnung von John Neumeiers Ballettstil. Ich habe mich aber schnell eingewöhnt und mich als Ballettschülerin in Hamburg schließlich sehr wohl gefühlt.

klassik-begeistert: Das erste Mal sahen wir Sie auf der Hamburger Opernbühne am 03. Mai des Jahres 2000. Sie traten mit der Ballettschule in „Erste Schritte“ auf. Haben Sie daran noch eine Erinnerung?

Anna Laudere: Ich erinnere mich daran sehr gut. Ich hatte viel mit Kevin Haigen und Irina Jakobson geprobt. Ich durfte in der Rolle der Louise im Nussknacker, gleich zu Beginn des zweiten Aktes, an der Stange auftreten. Für mich ging bereits damals ein Traum in Erfüllung.

 klassik-begeistert: Danach haben wir sie in mehr als 120 Aufführungen gesehen, auch 2019 zusammen mit ihrem Mann in München in Kameliendame. Sie gehörten zu den Königinnen des Hamburger Balletts. Wie blicken Sie auf diese Zeit zurück?

 Anna Laudere: Das Gefühl, eine Ballettkönigin zu sein, lag mir fern. Ich fühlte mich nie wie eine Diva. Im Ballett gibt es für mich keine Grenze nach oben, man kann immer noch etwas dazu lernen. Mit Hélène Bouchet und Silvia Azzoni habe ich mich immer gut verstanden. Silvia und Sascha (Alexandre Riabko) waren für mich wegen ihrer Liebe zum Tanz und ihrer herausragenden Disziplin immer ein Vorbild, ebenso die frühere Erste Solistin Heather Jurgensen. Ich habe aber nie versucht, solche Vorbilder zu kopieren. Für uns war es wichtig, eigene Rolleninterpretationen zu entwickeln.

Anna Laudere 2003, 2013 und 2021 (Fotos: Holger Badekow und Kiran West)

klassik-begeistert: Lieber Herr Revazov, der Anteil männlicher, in Deutschland geborener Tänzer bei den hiesigen Ballettcompagnien ist eher klein. Das betrifft wohl auch die Ballettschulen. Welche Unterschiede gibt es da zu der Ausbildung in Russland bzw. der Ukraine?

Edvin Revazov: Im Vergleich zu Ländern wie Russland, Frankreich oder Italien ist Ballett in Deutschland eine eher junge Kunst. Hier stand und steht mehr der Ausdruck, die Kreativität im Vordergrund, also das Schaffen von Neuem, während in den anderen Ländern die Tradition hochgehalten wird. In Deutschland ist das Tanzen in der Allgemeinbevölkerung auch nicht so verwurzelt wie in der Ukraine. Das bekannte Stereotyp, dass Tanz eher weiblich sei, gilt aber über alle Ländergrenzen hinweg.

Mittlerweile rekrutieren sich bei uns die männlichen Tänzer aus der ganzen Welt. Für Männer, die dem klassischen Tanz offen gegenüber stehen, spielt es meiner Meinung nach aber auch eine Rolle, für eine spätere Familiengründung einen Beruf mit genügendem Einkommen zu ergreifen. Deshalb steht der Beruf des Tänzers bei Männern stärker im Hintergrund als bei Frauen.

klassik-begeistert: Wie verlief Ihre Ballett-Ausbildung und was hat sie an die Ballettschule nach Hamburg geführt?

 Edvin Revazov: Auch mein Beginn liegt beim Volkstanz. Bis ich dreizehn war, habe ich in Sewastopol Folklore getanzt. Danach gelangte ich nach Moskau und besuchte eine klassische Ballettschule. 2001 nahm ich am berühmten Tanzwettbewerb in Lausanne teil. Dort sah mich John Neumeier und lud mich ein, nach Hamburg in seine Ballettschule zu kommen. 2003 bin ich dann von der Ballettschule in das Ensemble übernommen worden.

Edvin Revazov 2004 mit Lloyd Riggins in John Neumeiers Tod in Venedig (Foto: Holger Badekow)

klassik-begeistert: Von den vielen von John Neumeier für Sie kreierten Rollen sind mir vor allem zwei in Erinnerung geblieben, Tadzio 2004 in Tod in Venedig und Graf Wronsky 2019 in Anna Karenina, beides Ballette von John Neumeier. Tadzio fand ich so überzeugend, weil durch die Besetzung der Rolle mit Ihnen, einem 19-jährigen jungen Mann (und nicht wie in der Novelle von Thomas Mann einem 14-Jährigen) und ihrem damals erst 34-jährigen Partner Lloyd Riggins als Aschenbach der von Mann geschilderte problematische Altersunterschied von 40 Jahren keine Rolle mehr spielte. Wie empfanden Sie damals diese Rolle und welche Sicht hatten Sie später auf dieses Ballett, als Sie den Part des Aschenach übernahmen?

Edvin Revazov: Ich habe damals noch nicht registriert, welche große Bedeutung der Tadzio für mich haben würde. Der Hintergrund, also die Novelle von Thomas Mann, war mir auch noch nicht so bewusst. Für mich war vor allem die Möglichkeit bedeutend, mit John Neumeier an einer Rolle zu arbeiten. Aus meiner Sicht besteht die Rolle des Aschenbach in John Neumeiers Ballett darin, dass er durch Tadzio an seine eigene Vergangenheit erinnert wird. Aschenbach fragt sich: Was habe ich in meinem Leben eigentlich verloren, was besaß ich einst? Der erotische Aspekt der Rolle ist für mich nicht vordergründig. Neumeier hat in meinen Augen eine sehr differenzierte Sicht auf die Novelle von Thomas Mann eingebracht.

 klassik-begeistert: Eine andere unvergessliche Rolle war ihre Interpretation des Grafen Wronsky in John Neumeiers Ballett Anna Karenina. Wie auch bei manchen anderen Ihrer Rolleninterpretationen verlegten Sie die Dramatik eher nach Innen und wirkten äußerlich weicher als mancher andere Darsteller. Das passt sehr gut zu dem Tolstoi‘schen Charakter. Denn Wronsky ist in meinen Augen nicht extrovertiert, sondern eher melancholisch. Was denken Sie über seine Rolle und konnten Sie ihre eigene Ansicht bei der Rolleninterpretation mit einbringen?

 Edvin Revazov: Wronsky ist für mich eine sehr wichtige Rolle gewesen. Ich war damals schon erwachsen genug, um zu erkennen, welch Privileg und welche Lerngelegenheit der Prozess darstellen würde. John hatte jedoch seine Ideen und seine choreographischen Gedanken über die Rolle bereits festgelegt, und mit seiner Anleitung konnten wir sie formen. Wichtiger ist aber, dass John aus uns Tänzern etwas herausholte, was wir selbst nicht in der Lage waren zu erkennen.

Anna Laudere und Edvin Revazov 2019 im Italien-Pas de deux in John Neumeiers Ballett Anna Karenina (Foto: Kiran West)

klassik-begeistert: Ihrer beider Italien-Pas de deux in Anna Karenina gehört sicherlich zum schönsten, was John Neumeier choreographiert hat. Man spürt geradezu, wie sich ihr Inneres nach außen kehrt, wenn Wronsky Anna zu Beginn des Pas de deux ganz sanft berührt. Und wie Anna mit Wronsky im Tanz quasi zu einer Figur verschmilzt, ist ganz große Kunst. Welche Bedeutung hatte für Sie dieses Ballett?

Anna Laudere: Als John mich für die Kreation der Anna benannte, fehlten mir die Worte. Ich war in der Probe und wusste noch nichts davon, welche Rolle ich tanzen sollte. Als ich die Musik hörte und merkte, dass es die Anna sein sollte, war ich emotional sehr berührt und hatte Tränen in den Augen. Es war so schön, mit John über mehrere Monate diese Partie zu entwickeln. Es war für mich ein unglaubliches Erlebnis.

klassik-begeistert: Welche weiteren Rollen haben Sie, ich vermute neben der Anna, am liebsten getanzt und warum?

Anna Laudere: Einige meiner Lieblingsrollen waren die Marguerite in der Kameliendame, die Titania im Sommernachtstraum und die Odette im Schwanensee. Gern habe ich auch die Desdemona in Otello getanzt. Erwähnen möchte ich auch die Partie der Blanche in dem Ballett Endstation Sehnsucht, es war wohl eine der komplexesten Rollen, die ich tanzen durfte. Eine große Bedeutung hatte für mich auch die Partie der Maria im Weihnachtsoratorium, und ich liebe John Neumeiers Matthäuspassion und sein Mozart-Requiem.

 klassik-begeistert: Welche Rollen haben sich bei Ihnen nachhaltig eingeprägt?

Edvin Revazov: für meine tänzerische Entwicklung war der Engel in der Matthäuspassion sehr wichtig gewesen. Auch die Rolle des Konzipisten in Neumeiers Ballett Liliom hat mich in meiner Entwicklung wegen ihres Cartoon-haften, mehr expressiven Ausdrucks weiter vorangebracht. Das hat mir geholfen, um mich auf größere Rollen vorzubereiten. Von großer Bedeutung waren für mich natürlich auch die Rollen von Tadzio, Parzifal, Onegin (aus John Neumeiers Ballett Tatiana) und Armand.

klassik-begeistert: Im Paartanz ist das Vertrauen der Tänzerin darauf, nicht fallen gelassen zu werden, ja nicht zu unterschätzen. Bei Ihnen hatte man nie das Gefühl, dass so etwas passieren könnte. Welche auch physischen Vorbedingungen gibt es Ihrer Meinung nach, um ein guter Paartänzer zu werden?

Edvin Revazov: Vor allem braucht man eine gute Ausbildung. Das Vertrauen kommt durch häufige Zusammenarbeit. Zudem erfordert das Heben viel Kraft und damit eine gute Entwicklung der Oberkörpermuskulatur. Aber auch die Koordination spielt eine große Rolle.

 klassik-begeistert: Liebe Frau Laudere, welche Rollen hätten Sie gern getanzt, sind aber nie dazu gekommen?

Anna Laudere: Keine, ich habe alles tanzen können, was ich gern getanzt hätte.

klassik-begeistert: Herr Revazov, gibt es denn bei Ihnen Rollen, die sie noch gern getanzt hätten?

Edvin Revazov: Es gibt eine Rolle, die möchte ich aber lieber für mich behalten.

Edvin Revazov und Anna Laudere 2022 in Christopher Wheeldons Ballett Wintermärchen und 2023 in John Neumeiers Ballett Nussknacker (Foto: RW)

klassik-begeistert: Frau Laudere, hatten Sie jemals daran gedacht, in eine andere Ballettcompagnie zu wechseln? Ggf. warum oder warum nicht?

Anna Laudere: Nein, ich habe nie an einen Wechsel gedacht. Ich habe immer für John Neumeier tanzen wollen.

klassik-begeistert: Haben Sie bereits Pläne für die Zeit nach der aktiven Tänzerlaufbahn?

Anna Laudere: Ich würde gern in diesem beruflichen Umfeld bleiben. Habe aber noch keine konkreten Pläne.

klassik-begeistert: Sie verbrachten ja mittlerweile die längste Zeit Ihres Lebens in Hamburg. Haben Sie eine Beziehung zu dieser Stadt entwickelt?

Anna Laudere: Ich liebe Hamburg, es ist so grün, mir gefällt auch die vielfältige Architektur in den unterschiedlichen Stadtteilen, ich mag auch besonders die Backsteinarchitektur in Hamburg. Jeder Stadtteil hat seine eigene Energie. In Blankenese fühle ich mich manchmal wie in Spanien.

Liebe Frau Laudere, lieber Herr Revazov, klassik-begeistert bedankt sich ganz herzlich für dieses ausführliche, sehr viel Einblick in das Ballettgeschehen gebende Interview mit Ihnen. Und wir hoffen, Sie auch zukünftig noch oft auf der Hamburger Ballettbühne sehen zu dürfen.

Dr. Ralf Wegner, 29. Mai 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

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