Foto: Rheingold 2026 (c) Wiener Staatsoper Michael Pöhn
Wenn Götter bauen, wird es teuer. Im Rheingold müssen die Herrscher Walhalls bald erkennen, dass selbst göttliche Macht nicht vor offenen Rechnungen schützt. Was als Streit um den Lohn für eine Burg beginnt, setzt jene Katastrophe in Gang, die den gesamten Ring des Nibelungen bestimmen wird. In der Wiener Staatsoper wurde dieser Auftakt nun mit langem Applaus bedacht – und das durchaus verdient. Denn die Aufführung erwies sich als musikalisch packender Einstieg in Wagners monumentalen Kosmos.
Richard Wagner, Das Rheingold
Wiener Staatsoper, 6. Juni 2026
von Kathrin Schuhmann
Das Rheingold ist keine Oper im herkömmlichen Sinn. Es gibt keine Arien, keine Liebesduette, keine Momente, in denen die Handlung stillsteht, damit ein Sänger seine große Nummer präsentieren kann. Stattdessen entfaltet Wagner ein dichtes musikalisches Gewebe, das die Geschichte unaufhaltsam vorantreibt. Umso wichtiger sind Dirigat, Ensembleleistung und die Fähigkeit, die vielen Figuren plastisch werden zu lassen. Genau hier lagen die Stärken dieser Aufführung in der Wiener Staatsoper.
Bereits die berühmten ersten Takte aus den Tiefen des Orchesters entfalteten jene geheimnisvolle Atmosphäre, aus der sich die Welt des Ringes langsam erhebt. Unter der Leitung von Pablo Heras-Casado entwickelte das Orchester einen transparenten, detailreichen Wagner-Klang. Die großen orchestralen Steigerungen besaßen Kraft und Glanz, zugleich behielten die einzelnen Instrumentalstimmen ihre individuelle Ausdruckskraft. Besonders beeindruckend gelang die Balance zwischen dramatischer Spannung und klanglicher Durchhörbarkeit – keine Selbstverständlichkeit in einem Werk, das häufig als bloße Materialschlacht missverstanden wird.

(c) Javier Salas
Im Zentrum des Abends stand ein eindrucksvoller Wotan. Michael Volle verlieh dem Göttervater jene Mischung aus Autorität, Charisma und unterschwelliger Unsicherheit, die die Figur so faszinierend macht. Sein Wotan erscheint nicht als allmächtiger Herrscher, sondern als Politiker auf dünnem Eis: machtbewusst, rhetorisch geschickt und doch bereits gefangen in den Folgen eigener Entscheidungen. Volles Präsenz dominierte die Bühne, ohne dabei jemals aufgesetzt zu wirken.

Mindestens ebenso stark geriet Georg Nigls Alberich. Seinen Wandel vom gedemütigten Außenseiter zum von Machtgier besessenen Tyrannen gestaltete er mit großer Intensität. Besonders in der berühmten Fluchszene bündelte sich die Energie des gesamten Abends. Hier zeigte sich, dass Alberich weit mehr ist als bloßer Gegenspieler der Götter: Er ist ihr Spiegelbild, vielleicht sogar die ehrlichere Figur, weil er seine Machtgelüste zumindest offen ausspricht.

(Foto: Anita Schmid)
Auch die übrigen Partien waren durchwegs hochwertig besetzt. Loge brachte die notwendige Mischung aus Ironie, Beweglichkeit und Distanz in das Geschehen, während die Riesen nicht nur als grobschlächtige Bauunternehmer erschienen, sondern als Figuren mit durchaus menschlichen Zügen. Insbesondere Fasolts unerfüllte Liebe zu Freia schien zwischen all den Machtspielen besonders berührend auf.
Wenn am Ende die Götter triumphierend nach Walhall ziehen und das Orchester den Saal mit einem der berühmtesten Schlussaufstiege der Operngeschichte erfüllt, ahnt man bereits, dass dieser Triumph nicht von Dauer sein wird. Der Schluss wirkt trotz seines Glanzes als Beginn einer Katastrophe – einer Katastrophe, die das Publikum nach diesem überzeugenden Rheingold nur allzu gern weiterverfolgen möchte. Die nächste Etappe dieser faszinierenden Abwärtsspirale folgt bereits am Sonntag mit der Walküre.
Die Wiener Staatsoper präsentierte mit diesem Rheingold einen musikalisch überzeugenden, hervorragend besetzten und durchwegs mitreißenden Auftakt des Ringes. Ein Abend, der nicht nur Wagner-Kenner begeisterte, sondern auch jenen den Zugang erleichterte, die sich zum ersten Mal auf diese gewaltige musikalische Welt einlassen wollten. 🎭✨
Kathrin Schuhmann, 7. Juni 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
Richard Wagner, Das Rheingold, Pablo Heras-Casado Wiener Staatsoper, 19. Mai 2026
Richard Wagner, Die Walküre, Pablo Heras-Casado Wiener Staatsoper, 25. Mai 2026
Richard Wagner, Siegfried (1876) Wiener Staatsoper, 30. Mai 2026
Richard Wagner, Götterdämmerung Wiener Staatsoper, 4. Juni 2026