„Die Suche nach dem Weg ist die Suche nach dem Ich“

Christoph Buck, Die große Hoffnung – Eine Traumfuge  klassik-begeistert.de, 10. Juni 2026

Buchbesprechung:

Die Geschichte selbst geht zu Herzen; sie ist wegen ihres psychologischen Tiefgangs für die älteren Leser ebenso geeignet, wie aufgrund ihrer klaren Verständlichkeit auch für die jungen. So etwas findet man selten.

Christoph Buck, Die große Hoffnung – Eine Traumfuge

Vindobona-Verlag, Neckenmarkt 2026, 139 S., € 24,90
ISBN: 978-3-903579-96-5.

von Dr. Andreas Ströbl

Märchen kommen niemals aus der Mode, zum Glück. Und wenn man neue schreibt, dann muss man gut erzählen können, spannend und gehaltvoll; man kann mit alten Bekannten und Archetypen spielen, gescheite Querverweise und Zitate einbauen, und man sollte vor allem eine Botschaft vermitteln, die zeitlos und fernab von Klischees aus der reinen Erzählung destilliert wird. Das kann und tut Christoph Buck mit seinem Buch „Die große Hoffnung“, das den Untertitel „Eine Traumfuge“ trägt.

Dies wäre dann auch schon der erste Hinweis darauf, dass der Autor ein großer Musikliebhaber ist. Das Titelbild zeigt einen Knaben mit Stab und Laterne, der auf eine hochaufragende Burg mit vielen Türmen zuwandert. Inmitten des stolzen Baus strahlt ein Licht. Wer da die Gralsglocken aus Wagners „Parsifal“ in seinem Inneren schlagen hört, der liegt genau richtig. Dr. Christoph Buck ist Sportmediziner und Mannschaftsarzt des SSV Ulm 1846, vor allem aber begeisterter Wagnerianer. Wenn man nach der nächtlichen Rückkehr vom „Grünen Hügel“ einen kenntnisreichen Gesprächspartner zur Erst-Besprechung der eben erlebten Aufführung bei einem Glas „Bayreuther Hell“ sucht, dann findet man ihn in dem sympathischen Ulmer Orthopäden.

In dem Buch geht es, knapp gesagt, um den Weg des Waisenjungen Pess durch märchenhafte Abenteuer, aber auch Trauer und Selbsterkenntnis zu tatsächlicher Reife. Fernab seiner Heimat und seiner Lieben, erwacht der Junge in einem ihm unbekannten Land. Allmählich kehrt die Erinnerung zurück, und Pess beginnt die Suche nach seinen Freunden und, was er da noch nicht begreift, zu sich selbst. „Die Suche nach dem Weg ist die Suche nach dem Ich“, lernt der Junge, und was sich nach zuerst nach einer Binsenweisheit anhört, erreicht gerade im Finale, um in der Sprache der Musik zu bleiben, eine erweiterte Dimension.

Das Erleben von Freundschaft, die Wahrnehmung der Menschlichkeit und das Erkennen zerstörerischer Macht, vor allem aber das Auf-sich-Nehmen von Verantwortung prägen seinen Weg zu sich selbst. Die „Parsifal“-Bezüge streut Buck hier inhaltlich ein; aber auch durch solche Elemente, wie einen „Gral der Weisheit“ oder fast wörtliche Zitate, wie beispielsweise „Wie hold ihr duftet! Seid ihr Blumen?“, die Kapitelüberschrift „Aus Mitleid wissend“ oder ein Reich, in dem die Zeit zum Raum wird, ergeben sich sofort Verweise auf Wagners letzte Oper.

Eine Schwanenfeder am Hut des Jungen streichelt assoziativ den „Lohengrin“, aber auch an „Herzog Blaubarts Burg“ darf man denken, da der finstere Herrscher Nonam über eine tote Welt befiehlt. Da grüßt Bartók herein, und wenn man den Namen des Tyrannen rückwärts liest, entsteht „Manon“, die auch, als eine Art Kundry-Schwester, den Jungen auf seiner abenteuerlichen Reise zu verführen versucht.

Wie im „Parsifal“ ist auch hier ist das Erwachsen-Werden zentrales Thema, aber ebenso das in mancher Hinsicht Kind-bleiben-Dürfen oder das Wiedererringen kindlicher Klarheit und hoffnungsvollen Träumens. „Auch Kinder, wie du eines bist, müssen lernen, in Abgründe zu blicken, ohne das Herz vor dem Wesentlichen zu verschließen“, heißt es einmal. So lernt Pess und vielleicht der eine oder andere junge Leser, dass eben Tränen und Trauer zum Leben gehören, auch das Abschiednehmen und das Gewärtigwerden echter Angst. „Trauer kann dir Tore öffnen, die ewigen Siegern auf immer verschlossen bleiben“, ist ein weiterer dieser Sätze, die offenbar werden lassen, dass der bewusste Umgang mit Grenzsituationen zu echter Reife führt.

Ein Präludium, die Durchführung, zwei Intermezzi und schließlich die Reprise/Coda strukturieren die Geschichte, und verweisen natürlich auch auf das Grundgerüst eines klassischen Sonatensatzes. In einigen Namen verbergen sich Hinweise oder Charakterisierungen, wie im Land „Esporia“, das mit dem französischen Wort für „Hoffnung“ spielt – diese Tugend hat ohnehin eine zentrale Rolle in der Geschichte inne, die ja auch nach ihr benannt ist. „Otama“ ist ein wichtiger Gegenstand, der den Jungen auf seinem schwierigen Weg begleitet, und Kenner romanischer Sprachen erkennen hier sofort „amato“, also den Geliebten. Ja, auch um Liebe dreht es sich hier, und um Wahrheit.

Da Pess diesen Stein, der später auch eine abgebrochene Speerspitze sein wird (weitere Parsifal-Assoziationen sind willkommen) um den Hals trägt, und auf dem Weg zum Zentrum einer düsteren Macht ist, alle Menschen zu unterjochen und ihrer Lebensfreude zu berauben, denkt man unweigerlich auch an Tolkiens „Herr der Ringe“ und den einen Ring, „sie zu knechten, sie alle zu finden, ins Dunkel zu treiben und ewig zu binden“. Von Alberich zu Nonam (er hätte auch „Rosgnilk“ heißen können) und Sauron ist’s nur ein Elfensprung. Und wer hört nicht bei „Nie sollst du ihn besitzen, ihn, meinen Schatz“ den gefallenen Hobbit Gollum, ebenso, wie einen der beiden gierigen Brüder Fasolt und Fafner drohen?

Mit all diesen teils augenzwinkernden, teils inhaltschweren Querverweisen, von denen noch weit mehr im Buch zu entdecken sind, würzt Buck eine zauberhafte Märchenerzählung mit intelligenten Referenzen zu anderen Werken, vor allem aber der Oper, insbesondere Wagners Schaffen.

Die Geschichte selbst geht zu Herzen; sie ist wegen ihres psychologischen Tiefgangs für die älteren Leser ebenso geeignet, wie aufgrund ihrer klaren Verständlichkeit auch für die jungen. So etwas findet man selten.

Dr. Andreas Ströbl, 10. Juni 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

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