John Neumeiers tiefsinniges Ballett „Die Möwe“ fesselt je öfter man es sieht, desto mehr

Die Möwe, Ballett von John Neumeier  Hamburgische Staatsoper, Hamburg Ballett, 3. Juli 2026

Daniele Bonelli (Star der Revue), Greta Jörgens (Star der Revue), Lennard Giesenberg (Semjon Semjonowitsch Medwedenko, Lehrer), Xue Lin (Mascha, Tochter des Gutsverwalters), Aleix Martínez (Pjotr Nikolajewitsch Sorin, Gutsherr), Ana Torrequebrada (Nina Michajlowna Saretschnaja, junges Mädchen), Louis Musin (Konstantin [Kostja] Gawrilowitsch Trepljow), Anna Laudere (Irina Nikolajewna Arkadina, Schwester Sorins und Mutter Kostjas, Primaballerina), Matias Oberlin (Boris Alexejewitsch Trigorin, Choreograph), Joaquin Angelucci (Jewgenij Sergejewitsch Dorn, Arzt), Ida Stempelmann (Polina Andrejewna, Frau des Gutsverwalters), Florian Pohl (Ilja Afanassejewitsch Schamrajew, Gutsverwalter bei Sorin) (Foto: RW)

Oberlins Auftritt mit der unverändert fulminant tanzenden Anna Laudere als Irina war große darstellerische Tanzkunst. Damit meine ich den Pas de deux, in dem Irina ihren abtrünnigen Liebhaber erst umgarnt, er sie abweist, sie ihn anfleht und sie bei ihm, bevor sie seelisch zerbricht, sinnbildlich, wieder unterkriechen darf.

Die Möwe, Ballett von John Neumeier nach Anton Tschechow

Choreographie, Licht, Bühnenbild und Kostüme: John Neumeier

Musik: Schostakowitsch, Tschaikowsky, Skrjabin und Evely Glennie

Philharmonisches Staatsorchester Hamburg, Leitung Nathan Brock

Klavier: Petar Kostov, Violine: Konradin Seitzer, Violoncello: Clara Grünwald

Hamburgische Staatsoper, Hamburg Ballett, 3. Juli 2026

51. Hamburger Ballett-Tage

von Dr. Ralf Wegner

Zum wievielten Mal haben wir John Neumeiers Möwe gesehen? Es war das 12. Mal von insgesamt 55 Vorstellungen seit der Premiere am 16. Juni 2002. Aber erst seit der 5. Aufführung sind wir jedes Mal erneut überwältigt von der tiefsinnigen, genialen Choreographie John Neumeiers über die Varianten der Liebe und vom Leben überhaupt. Anfangs erschien es zu lang, zu wenig spektakulär. Das lag aber an unserer begrenzten Einfühlung, nicht an Neumeiers choreographischer Umsetzung des melancholisch-tragischen Bühnenstücks von Anton Tschechow.

Erst mit der Wiederaufnahme der Möwe im Jahre 2017 (davor zuletzt 2008), damals mit der unvergleichlich präsenten Emilie Mazon als Nina, ändertes sich das. Mittlerweile spielt es fast keine Rolle mehr, wer welche Partie tanzt; und es sind insgesamt 10 Personen, die mit darstellerisch herausragenden und tänzerisch prägnanten Tänzerinnen und Tänzern besetzt werden müssen. Nichts davon ist auf den ersten Blick technisch spektakulär. Nur die Szenen im Moskauer Revuetheater sowie im Kaiserlichen Theater entsprechen dem klassischem Erwartungshorizont. Neumeier bricht das zwar ironisch, er lässt aber auch ggf. spektakuläres Können zu.

Matias Oberlin (Trigorn) und Anna Laudere (Irina) (Foto: RW)

So hatte Daniele Bonelli bei einer der vorhergehenden Aufführungen bei Trigorins Auftritt als Jäger durchaus gezeigt, was die Rolle technisch-artistisch hergibt. Bei der gestrigen Aufführung legte es Matias Oberlin eher scherzhaft augenzwinkernd an, so als ob Sprünge und Drehungen etwas Altmodisches, Abzulegendes seien. Dafür war er als Geliebter Irinas und Liebhaber Ninas mit dem ihm eigenen ironischen Charme sehr überzeugend.

Oberlins Auftritt mit der unverändert fulminant tanzenden Anna Laudere als Irina war sicher einer der Höhepunkte des ersten Aktes. Damit meine ich den Pas de deux, in dem Irina ihren abtrünnigen Liebhaber erst umgarnt, er sie abweist, sie ihn anfleht und sie bei ihm, bevor sie seelisch zerbricht, sinnbildlich, wieder unterkriechen darf. Das war große darstellerische Tanzkunst.

Ana Torrequebrada (Nina) und Louis Musin (Kostja) (Foto: RW)

Ihr Sohn Kostja, der sich in eine moderne abstrakte Ballettwelt flüchtet und damit wenig Anerkennung findet, vor allem nicht von seiner auf sich selbst bezogenen Mutter, liebt Nina; vielleicht nicht so heftig, wie seine Ballett-Träume. Er erfährt auch von ihr eine Abfuhr. Nina (Ana Torrequebrada) verlässt ihn für Trigorin und kehrt auch nach dem Aus dieser Beziehung nicht zu Kostja zurück.

Louis Musin ist als Kostja ein brillanter Tänzer, ein hervorragender Darsteller und vor allem ein schauspielerischer Melancholiker, wie er im Buche steht. Bereits vorgestern hatte er in Ratmanskys Ballett Wunderland als falsche Schildkröte diesen Charakterzug zum Ausdruck gebracht.

Aleix Martínez tanzte mit Bravour Kostjas Onkel Sorin, der sich für dessen Kunstauffassung einsetzt und wohl auch mal über den Durst trinkt, wenngleich die Altersreife von Alexandre Riabko oder früher von Lloyd Riggins seiner Darstellung naturgemäß noch etwas abgeht.

Joaquin Angelucci (Dorn) und Ida Stempelmann (Polina) (Foto: RW)

Ida Stempelmann erwies sich wieder als eine herausragende Tänzerdarstellerin. Sie zog mit ihrer Rollengestaltung der untreuen Gutsverwaltersfrau Polina sofort alle Blicke auf sich. Schon wie sie mit leicht wirrem Haar auftritt, wie aus der Waschküche erhitzt, belegt ihren erotischen Exkurs mit dem Arzt Dorn (Joaquin Angelucci). Später im zweiten Akt versteht sie ihre Tochter Mascha (Xue Lin) nur zu gut, nachdem sich diese gerade mit dem ungeliebten Lehrer Medwedenko (Lennard Giesenberg) vermählt hat. Mascha sehnt sich weiter nach Kostja, den sie nicht vergessen kann. Polina sieht diese innere Zerrissenheit ihrer Tochter. Neumeiers Choreographie spiegelt diese in dem Kartenspiel mit ihrem Gatten Schamrajew (Florian Pohl) und dem Arzt Dorn wider.

Das alles ist genial choreographiert. Bei jedem neuen Sehen der Möwe fällt anderes auf. Neumeier konzentriert sich nie auf nur eine Handlungsebene. Meist werden gleichzeitig zwei oder drei Beziehungen zwischen den Personen des Stücks gezeigt, selbst wenn, wie in der Möwe, alle mit Anderweitigem bzw. mit Kartenspielen beschäftigt sind. Und alles steht im Gleichklang mit der Musik. Man muss nur ein Auge und ein Ohr dafür entwickeln.

Die Begeisterung des Publikums war am Ende grenzenlos. Zahlreiche Vorhänge sowie diverse Blumenwürfe, allein drei für Ana Torrequebrada, beendeten einen wunderbaren Ballettabend.

Dr. Ralf Wegner, 4. Juli 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Nijinsky, Ballett von John Neumeier, Hamburger Ballett-Tage Hamburgische Staatsoper,  24. Juni 2026

51. Hamburger Ballett-Tage, Ballettschule Hamburg Ballett Hamburgische Staatsoper, 22. Juni 2026

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