„Müde liegt er, von Weges Müh'n…“ – die Bayreuther „Walküre“ erschöpft ... und begeistert!

Richard Wagner, Die Walküre, Klaus Florian Vogt, Chr. Thielemann  Bayreuther Festspiele, 28. Juli 2026

Bayreuther Festspiele, 28. Juli 2026
Richard Wagner, Die Walküre

Christian Thielemann, Dirigent
Klaus Florian Vogt, Tenor
Mika Kares, Bass
Michael Volle, Bariton
Elza van den Heever, Sopran
Camilla Nylund, Sopran
Anna Kissjudit, Mezzosopran
Martina Welschenbach, Sopran
Brit-Tone Müllertz, Sopran
Karis Tucker, Mezzosopran
Freya Apffelstaedt, Alt
Magdalena Hinterdobler, Sopran
Alexandra Ionis, Mezzosopran
Natalia Skrycka, Mezzosopran
Marie Henriette Reinhold, Mezzosopran
Festspielorchester Bayreuth
Marcus Lobbes und Nils Corte, Kuratorium /
künstlerisch-technische Konzeption

von Dr. Andreas Ströbl

Die „Walküre“ hielt, was das „Rheingold“ versprach – in doppelter Hinsicht. Auch der erste Tag der „Ring“-Tetralogie am 28. Juli 2026 im Bayreuther Festspielhaus war eine optische Herausforderung mit glücklicherweise glanzvollen musikalischen Leistungen.

Was zu viele Bilder mit dem Gehirn machen

Fragt man Neurologen, was eine stundenlange Bilderflut in rascher Abfolge mit dem menschlichen Gehirn anstellt, so ist die Antwort eindeutig: Es kommt durch die Reizüberflutung zu kognitiver Erschöpfung und einem merklichen Konzentrationsverlust. Die Überlastung des visuellen Systems führt zu Ermüdung, das Belohnungssystem gerät durch beständige Kurzreize aus dem Takt und die Dopamin-Regulation wird unregelmäßig. Und so geht es auch belastbaren Wagnerianern wie dem erschöpften Siegmund: „Müde liegt er, von Weges Müh’n…“ ja, müde sitzt man, von der Bilder Flut des Kuratoren-Duos Marcus Lobbes und Nils Corte erschlagen.

Gut, an diesem Abend entstehen durch den verstärkten Einsatz figuraler Elemente mehr Bezüge. Nicht ohne Reiz sind die Walküren-artigen speerbewehrten Gestalten, die sich in so etwas wie Raben oder zumindest dunkle Vogelwesen verwandeln. Auch eine Art Esche gibt es, mit starken borkenrauhen Ästen, sogar ein Walkürenross, das sich in seiner Schwärze schlierig auflöst.

Der Rest besteht wieder aus Zitaten, unter anderem mit Harry Kupfer-Lasern und reichlich herablaufendem Hermann Nitsch-Blutrot (wahrscheinlich rechtebedingt nicht oder kaum schlierig verfälscht, weil erst von 2021). Zwischendrin grüßt „Wälsungenblut“-Autor Thomas Mann kurz herein, Lenin ist auch zu sehen, dann kurz Wilhelm II. und abgemagerte Hereros. Ja, das gab es alles in den letzten 150 Jahren, wissen wir: Revolutionen, Kolonialismus, Regimes und natürlich – ausgerechnet in der sensibelsten Szene des Stücks, nämlich Wotans Abschied – Hitler und der Rest der Nazi-Führung, Aufmärsche schließlich Wehrmachtshelme auf dem Reichsparteitagsgelände. Ja, Herr Lehrer, haben wir verstanden und auch schon gewusst.

Durch die erneut verschwimmenden, changierenden Wechselbilder, die manchmal an kitschige Restaurant-Deko-„Kunst“ erinnern, entsteht ein Größtmaß an Beliebigkeit, und selbst glühenden Wagner-Verehrern fallen immer wieder die Augen zu, die schlichtweg lieber weniger sehen wollen. Bei der angesprochenen Finalszene gibt es auch ein paar schöne Momente mit an Wieland Wagner gemahnender Reduktion, das tut wohl. „Chinesische Wasserfolter mit Bildern“ nennt ein Kollege ansonsten das enervierende Konzept.

Wer nicht sehen will, darf wenigstens hören

Gehört man nicht zur schreibenden Zunft, die ja die Augen offen halten muss, um das Wirre zu würdigen, kann man dem Motto „Augen zu und durch!“ folgen; dann erlebt man immer wieder beglückende Momente.

Christian Thielemanns Dirigat folgt interessanterweise der Dreiteilung der Oper: Akt 1 ist auffallend rasch geführt (das Vorspiel gerät, inhaltlich gelungen, mitreißend atemlos), der zweite Akt zieht sich etwas. Im Finalakt ist das Tempo optimal; der Dirigent gewährt den Sängerinnen und Sängern in bewährter Weise ausreichend Raum auch an den Forte-Stellen.

Füllig-farbenreich und in den entsprechenden Passagen transluzid spielt das Bayreuther Festspielorchester. Thielemann neigt ja glücklicherweise dazu, auch so manches Soloinstrument zu würdigen, das sonst eher im Hügel-Mischklang untergeht, und so nimmt man zum Beispiel Klarinette oder Harfe da wahr, wo man sie bislang kaum hörte.

Klaus Florian Vogt ist einfach kein Heldentenor, aber sein Textverständnis ist hervorragend, ebenso seine Präsenz, soweit das die nicht vorhandene Dramaturgie zulässt. Seine Brautschwester singt Elza van den Heever, die vor allem im zweiten Akt an Fülle gewinnt und in den Höhen brilliert. Mika Kares ist ein wuchtiger Hunding mit prallem Bass; der ist als Gegner nicht zu unterschätzen.

Michael Volle macht seinen Wotan zu einem respektheischenden, aber eben auch angreifbaren Göttervater. Sein Hang zum Vibrato ist an diesem Abend eher reduziert, was der Natürlichkeit der stimmlichen Rollengestaltung ausgesprochen guttut. Sein „Geh!“ an Hunding lässt einem das But in den Adern gefrieren. Die Entwicklung vom zornentbrannten Wutgott zum innerlich brüchigen, liebenden Vater vollführt er mit berückender Glaubwürdigkeit und feiner psychologischen Gestaltung.

Mit seiner wütenden Gattin Fricka, der Anna Kissjudit eine beeindruckende Zorneskraft gibt, möchte man sich nicht anlegen. Die Mezzosopranistin singt kraftvoll und ebenfalls gut textverständlich. Jeder versteht, dass „der Alte“ da einknickt.

Eine berückende Titelheldin ist Camilla Nylund, deren Sopran eigentlich etwas zu lyrisch für das wilde Wunschmädchen ist. Aber vor allem die emotional anspruchsvollen Stellen formt sie mit zauberhafter Finesse. Der Abschied vom geliebten Vater, der sein Ein und Alles verbannen muss, wird zum musikalischen Glanzpunkt des Abends. Da dürfen endlich auch mal Tränen kullern, oder, um mit Thomas Mann zu sprechen, die Zähren rinnen. Eine brennende KI-Stadt sorgt wenigstens für ordentlich Feuer.

Die wilden Walküren-Geschwister sind Martina Welschenbach, Brit-Tone Müllertz, Karis Tucker, Freya Apffelstaedt, Magdalena Hinterdobler, Alexandra Ionis, Natalia Skrycka und Marie Henriette Reinhold. Alle singen mit Verve, vor allem im Disput mit Wotan und dem innigen Bitten um Gnade für Brünnhilde. Schön, dass ihre Stimmen durch die gemessene Orchester-Dynamik hier gut voneinander unterscheidbar sind, wenn schon die Kostümierung von Pia Maria Mackert die wilde Schar und alle anderen zu einer gleichförmigen Ansammlung von Nebelkrähen macht (warum haben Siegmund und Hunding eigentlich solche albernen Flügelchen? Aber so erkennt man wenigstens die beiden auch noch von den oberen Reihen aus).

Tobend und heftig fußtrappelnd fällt der Beifall für Sängerinnen und Sänger sowie den Dirigenten aus. Die Buhs gelten der Konzeption, da darf man sich auf Schlimmes nach der „Götterdämmerung“ gefasst machen. Zum Glück klingt das berückende Feuer-Finale in den Herzen nach. „Leb wohl…“

P.S.: Die Bilder in dieser Besprechung entsprechen nur in Teilaspekten denen aus der Aufführung, da immer andere generiert werden.

Dr. Andreas Ströbl, 29. Juli 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Richard Wagner, Die Walküre, Regie Tobias Kratzer Nationaltheater München, 28. Juni 2026

Richard Wagner, Die Walküre Wiener Staatsoper, 7. Juni 2026

Richard Wagner, Die Walküre Bayreuther Festspiele, 27. Juli 2025

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