Foto: Orchestra and Choir Finan Jones © Nikolai Wolff_fotoetage
Musikfest Bremen: Schicksalslied und Lobgesang
Eine imponierende, sehr eindrucksvolle Darbietung von Constellation Choir & Orchestra, die vom gänzlich enthusiasmierten Publikum frenetisch gefeiert werden. Die Zugabe, das sensibel mezzopiano intonierte „Geistliche Lied“ op.30 von Johannes Brahms, sorgt final für ruhevolle, fast schon heimelige Stimmung, die mit dem gemütvoll gesungenen finalen „Amen“ besiegelt wird.
Johannes Brahms Schicksalslied für Chor und Orchester op. 54
Felix Mendelssohn Bartholdy Sinfonie Nr. 2 B-Dur op. 52 „Lobgesang“
Hilary Cronin und Sam Cobb Sopran
Jonathan Hanley Tenor
Finan Jones Dirigent
The Constellation Choir & Orchestra
Das Bremer Konzerthaus Die Glocke, 28. August 2026
von Dr. Gerd Klingeberg
Bis einige Tage zuvor bestehen, aus mehr oder weniger bekannten Gründen, noch Unklarheiten, ob das geplante Konzert tatsächlich stattfinden würde. Dann endlich heißt es: nicht, wie ursprünglich vorgesehen, Sir John Elliot Gardiner, sondern sein Stellvertreter Finan Jones wird The Constellation Choir & Orchestra dirigieren. Eine akzeptable, eine gute Entscheidung, wie sich an diesem Abend erweist.
Vereinnahmende Klangdichte und entfesseltes Inferno
Das „Schicksalslied“, Brahms‘ packende Vertonung eines Hölderlin-Gedichts, lässt Jones verhalten angehen, in einer Atmosphäre geheimnisvoller Erhabenheit. Allerdings weniger mystisch: für „glänzende Götterlüfte“ dürfte die Lautstärke getrost noch eine Spur dezenter ausfallen.

Der Chor besingt die „seligen Genien … droben im Licht“ zunächst wie demutsvoll, dann vergötternd kraftvoll in vereinnahmender, zugleich tiefsinnig anmutender Klangdichte. Bis urplötzlich das völlig entfesselte Inferno losbricht. Das Orchester spielt wie besessen, die schroffen Dissonanzen kommen wie schmerzhafte Schläge. Der Chor steigert sich zu aufbegehrendem Fortissimo-Geschrei, hart staccato „von Klippe zu Klippe geworfen … ins Ungewisse hinab“, Ausdruck grenzenloser Wut einer leidenden Menschheit. Ganz allmählich ebbt das Getöse ab, weicht melancholischer Schicksalsergebenheit. Und lässt zugleich in samtweichen Harmonien einen Vorgriff auf zukünftige paradiesische Seligkeiten erahnen. Versöhnliche Klänge markieren den Schluss einer rundum gelungenen, auf hochgradige Dramatik setzenden Interpretation.

Emphatischer Chorgesang
Mendelssohns „Lobgesang“ ist so gänzlich anders geartet. Das von den Posaunen maestoso-machtvoll geschmetterte Eingangsmotiv wirkt wie ein titulierendes, unmissverständliches Statement, das unter die Haut geht. In sportlich rasant drängendem Tempo geht es weiter, mitreißend bis turbulent, als Ausdruck überschäumender Freude, die in einem fulminanten Tutti gipfelt. Beim Allegretto unterstützt das stetig pulsierende Pizzicato der tiefen Streicher den etwas ruhigeren Fortgang. Herzerwärmend sanft erklingt dagegen das Adagio religioso; es bietet kurze Momente sinnender Nachdenklichkeit, ist zugleich aber die Vorbereitung zum kontrastierend emphatischen Choreinsatz: „Alles, was Odem hat, lobe den Herrn!“, bei dem die geballte Sangeskraft das nicht minder ambitioniert aufspielende Orchester nahezu übertönt. Ein wahrlich effektvoller Lobgesang, der diese Bezeichnung vollends verdient. Das ist grandiose britische Chorkultur irgendwo zwischen Elgars „Pomp and circumstances“ und Händels „Coronation Anthems“.
Allerdings für deutsche Ohren auch etwas gewöhnungsbedürftig: Fortissimos in maximaler Steigerung beherrschen die Briten wahrlich aus dem Effeff, vom Mezzopiano an abwärts bleibt aber noch einiges an Luft in Richtung Pianissimo.
„Nun danket alle Gott!“

Deutlich differenzierter erklingen die solistischen Partien. Hilary Cronin (Sopran) gefällt mit tragfähiger, klarer Stimmgebung; einfühlsam gerät ihr Duett mit Sopranistin Sam Cobb („Ich harrete des Herrn“). Ein gerüttelt Maß an Dramatik legt Tenor Jonathan Hanley in seine expressiv dargebotene Partie „Stricke des Todes hatten uns umfangen“. Doch dann, vom Chor unüberhörbar geschmettert, ist endlich „die Nacht vergangen, der Tag herbeigekommen“.

Ihren ultimativen Höhepunkt erreicht die groß dimensionierte Sinfonie – oder ist es doch eher eine Chorkantate? – im Choral „Nun danket alle Gott!“. Die erste Strophe, a cappella überschäumend laut angestimmt, hätte piano wohl noch deutlich intensivere Wirkung erzielen können, gerade auch im Kontrast zum dann vollen Tutti-Einsatz bei der zweiten Strophe.

Beim Schlusschor scheinen sich noch einmal alle Schleusen zu einem gewaltigen Klangschwall zu öffnen. Straff marcato vorgetragen, wird die universale Aufforderung, „dem Herrn Ehre und Macht“ zu bringen, für jeden mit maximalem Nachdruck bekräftigt. Nach der sauber ausgeführten Fuge steigern sich Chor und Orchester zu einem letzten, über die Maßen fulminanten „Alles was Odem hat, lobe den Herrn!“
Eine imponierende, sehr eindrucksvolle Darbietung von Constellation Choir & Orchestra, die vom gänzlich enthusiasmierten Publikum frenetisch gefeiert werden. Die Zugabe, das sensibel mezzopiano intonierte „Geistliche Lied“ op.30 von Johannes Brahms, sorgt final für ruhevolle, fast schon heimelige Stimmung, die mit dem gemütvoll gesungenen finalen „Amen“ besiegelt wird.
Dr. Gerd Klingeberg, 29. August 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
Musikfest Bremen: Orfeo son io, Rolando Villazón Bremer Konzerthaus Die Glocke, 18. August 2026