Die exzellente Darbietung Verdi‘scher Dramatik lässt die Stimmung hochkochen

 Musikfest Bremen: Verdi-Gala, Marko Letonja und Hulkar Sabirova  Bremer Konzerthaus Die Glocke, 26. August 2026

Musikfest Bremen, Verdi-Gala, Bremer Philharmoniker,
Hulkar Sabirova Sopran (anstelle von Nicole Chevalier), Marko Letonja Dirigent  (c) Nikolai Wolff/fotoetage

Musikfest Bremen: Verdi-Gala

Programm:
Giuseppe Verdi Ouvertüren und Arien aus „La forza del destino, „I vespri siciliani“ u.a.
Ottorino Respighi  Fontane di Roma

Hulkar Sabirova  Sopran (anstelle von Nicole Chevalier)
Marko Letonja  Dirigent
Bremer Philharmoniker

Bremer Konzerthaus Die Glocke, Großer Saal, 26. August 2026

von Dr. Gerd Klingeberg

Beim Musikfest Bremen anno 2019 war Sopranistin Nicole Chevalier kurzfristig eingesprungen für die erkrankte Patricia Petibon. Mit riesigem Erfolg. Und jetzt, wie bei einem Déjà-vu, musste Chevalier selbst nur wenige Tage vor ihrem Auftritt absagen. Eine Katastrophe für die Veranstalter, die erfreulicherweise von der deutschen Sopranistin Hulkar Sabirova eine spontane Zusage bekamen. Da hört man zu Beginn doch etwas skeptisch hin, ob denn allein schon die extrem knappe Vorbereitungszeit gemeinsam mit den Bremer Philharmoniker ausreichend gewesen sei für eine erfolgreiche Verdi-Gala. Klar, es gibt ein kleine, aber unwesentliche Retusche am Programm. Aber sonst?

Ausdrucksvoller Gesang und aufwühlendes Orchestergetöse

Kurz gesagt: Nach nur wenigen Takten der Arie „Pace, pace mio dio“ (aus „La forza del destino“) haben sich alle Vorbehalte komplett erledigt. Sabirova überzeugt mit ihrer in allen Lagen sehr kraftvollen, dennoch abgerundeten Sopranstimme. Wohl dosiert, niemals aufdringlich ist ihr Vibrato, Triller und Koloraturen werden gleichermaßen mühelos wie geschmeidig vorgetragen, Gesang und dezenter Gestus ergänzen sich in einer Darbietung, die die ungeheure Dramatik des Textes in ausdrucksvoller Dichte auf die Bühne bringt. Ein exzellenter Einstieg für die in Bremen noch eher unbekannte, indes längst auch in internationalen Opernszene tätige Sängerin!

Hulkar-Sabirova (c) Simon-Pauly

Für die passende Verdi-Stimmung haben zuvor die in großer Besetzung unter ihrem Chefdirigenten Marko Letonja angetretenen Bremer Philharmoniker gesorgt; das typisch italienische Verdi-Feeling hat sich prompt eingestellt bei den wuchtigen Bläserfanfaren eingangs der „La forza del destino“-Sinfonia. Wie schicksalshaft wechselt hier die Atmosphäre der packenden Musik zwischen ruhigen melodischen Partien und aufwühlendem Klanggetöse.

Letonjas eher sparsame Dirigierbewegungen reichen problemlos aus, die punktgenau agierenden Philharmoniker zu Höchstleistungen zu treiben; die Abstimmung der einzelnen Instrumentalgruppen erweist sich durchweg als optimal ausgewogen.

Letonja Marko (c) Caspar Sessler

Mit etwas weniger an Dramatik lässt das Orchester die Stimmung einer heiteren sizilianischen Vesper mit der Ouvertüre aus „I vespri siciliani“ erstehen. Die zunächst noch nahezu behaglichen Klänge lassen indes längst schon die immense unterschwellige Spannungsdichte des Geschehens erahnen. So auch bei der Arie der Elena „Mercè, dilette amiche“, die Sabirova in feiner Ausgestaltung vorträgt.

Bei „Tu che le vanità“, der Arie der Elisabeth aus „Don Carlo“, schaltet Sabirova wieder um in einen hochdramatischen Modus; die satten Blechbläsereinsätze haben dergleichen bereits angedeutet. Mit geballter Inbrunst, durchweg makellos intonierend, unterlegt von zart zitterndem Streicherflor, beklagt die Sängerin den Abschied von allem, was ihr je lieb gewesen; ihr tragisches „Addio“ geht tief unter die Haut, nimmt die Zuhörer direkt mit hinein in die düstere Szenerie des letzten Aktes.

Abwechslungsreicher Tagesausflug zu römischen Brunnen

Nach der Pause erst einmal kein Verdi. Sondern Respighi. Keineswegs unpassend, denn seine sinfonische  Tondichtung „Fontane di Roma“ inszeniert für die Zuhörer einen reizvollen Tagesausflug quer durch Rom, vorbei an den vier wichtigsten Brunnen der Stadt. Ausnehmend plastisch ist der schöne Sonnenaufgang beim munteren Plätschern der Fontane di Valle Giulia zu erleben. Die Fontane del Tritone erregt dagegen unüberhörbar Aufmerksamkeit mit lauten Hornfanfaren, die sich wie ein gewaltiger Wasserschwall zu donnerndem Tutti ausweiten, das indes beim grandiosen Trevibrunnen noch um einiges heftiger ausfällt. Serenadenhaft, mit leicht melancholischer Note eingefärbt, dann der ruhevolle Tagesausklang an der „Fontana di Villa Medici“, der in von ferne leise herüberwehendem Glockengeläut endet.

Verdi Gala Hulkar Sabirova, Bremer-Philharmoniker Marko Letonja © Nikolai Wolff
Blechbläser-Sternstunde und Paradestück für die Sopranistin

Diese ergreifende nächtliche Atmosphäre übernimmt Sabirova unmittelbar mit in die berührende Kavatine „Tacea la notte placida … Di tale amor“ (aus „Il trovatore“). Mit ihrem ausnehmend expressiven, lyrisch gefärbten, sich mitunter bis ins Emphatische steigernden Gesang wird sie zur veritablen Verkörperung der Eleonora, die von engelsgleichem Glücksgefühl, von den schwermütigen Klängen der Laute und von grenzenloser Liebe erzählt. Der Schlusston ist noch nicht verklungen, da bricht bereits begeisterter Beifall los. Doch Sabirova und die Bremer Philharmoniker haben noch einiges mehr an Verdi zu bieten. Nämlich die Ballettmusik aus „Don Carlo“, die in sportlich agilem Tempo eine geradezu ausgelassene Volksfeststimmung vermittelt, gekrönt von patriotisch pompösen Klängen, bei denen – wieder typisch Verdi! –  die Blechbläser mit klanggewaltigen Einsätzen ihren ganz großen Auftritt haben.

Schließlich noch, aus „Nabucco“, einem weiteren der großen Meisterwerke Verdis, Rezitativ und Arie der vermeintlich erstgeborenen Nabucco-Tochter Abigaille “Ben io t’invenni … Anch’io dischiuso … Salgo già“. Ein Paradestück, bei dem die Sabirova noch einmal das immense Potenzial ihrer Stimme präsentiert. Grenzenloser Zorn, Wut, Schmerz und Leid, aber auch Genugtuung und selbstsicherer Triumph, dabei mit ihrer laryngealen Toppleistung selbst die orchestrale Wucht überstrahlend und in ungemein fesselnder Weise vorgetragen, bringen die Stimmung im Saal zum Kochen. Tosender Beifall, Fußgetrampel und Standing Ovations sind der Dank der Zuhörenden.

Verdi-Gala Hulkar-Sabirova, Bremer-Philharmoniker, Marko Letonja © Nikolai Wolff

Man könnte meinen, die Ausführenden – die mit schier grenzenlosem musikantischem Impetus aufspielenden Philharmoniker wie auch eine in Sachen Ausdrucksintensität und imposanten laryngealen Qualitäten ungemein mitreißende Sabirova – hätten sich mit diesem hochkarätig dramatischen Finale voll verausgabt. Doch angefeuert vom begeistert applaudierenden Publikum ist schließlich noch eine Zugabe drin: „Addio del passato“ (aus „La Traviata“), laut Letonja „direkt vom Blatt“, aber deshalb dennoch wunderschön gesungen und gespielt.

Ein wahrlich zu Herzen gehendes Lebewohl, das, anders als bei Violetta, hoffentlich nicht das letzte sein wird!

Dr. Gerd Klingeberg, 27. August 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

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