Klein beleuchtet kurz 77: Ein Italiener bringt deutsche Romantik ins Teatro alla Scala

Klein beleuchtet kurz 77: Deutsche Romantik im Teatro alla Scala  Teatro alla Scala, Mailand, 22. September 2026

Chor und Orchester des Teatro alla Scala; Foto Patrik Klein

Brahms und Schumann erklingen in den himmlischen Sphären der Mailänder Scala. Mit dem jungen weltweit gefragten und mehrfach ausgezeichneten italienischen Dirigenten Daniele Rustioni gelingt dem Chor und Orchester des Teatro alla Scala eine bemerkenswerte Melange aus Tradition und Harmonie

Teatro alla Scala, Mailand, 22. September 2026

Konzert mit dem Chor und Orchester der Mailänder Scala

Dirigent: Daniele Rustioni
Chordirektor: Alberto Malazzi

Johannes Brahms: Akademische Fest-Ouvertüre, Op. 80
Johannes Brahms: Schicksalslied, Op. 54
Robert Schumann: Sinfonie Nr. 2 in C-Dur Op. 61

von Patrik Klein

In meinem kürzlich erschienen Artikel (Klein beleuchtet kurz 76) über Donizettis Oper „L`Elisir d`Amore“ an selbiger Stelle berichtete ich bereits von der warmen, transparenten und klaren Akustik des Hauses ganz besonders in den oberen Galerien, wo immer die kritischsten Zuschauer saßen und häufig ihr Missfallen kundtaten, berechtigt oder unberechtigt sei mal dahin gestellt. Sehr gespannt war man, ob dies auch für ein Konzert mit Chor und Orchester gilt, bei dem beide Klangkörper auf der Bühne und dem überbauten Orchestergraben platziert sind.

Nun, der Eindruck war ebenso positiv wie bei Operngesang. Chor und Orchester kamen oben sehr kraftvoll und direkt in den Synapsen des Zuhörers an, denn die Nähe zur Decke sorgte für feinste Reflexionen, die eine Balance der beiden Schallquellen unterstützte. Man hatte vor einigen Jahren das Haus akustisch aufwendig überarbeitet und die Lebendigkeit des Saales deutlich verbessert.

Der italienische Dirigent Daniele Rustioni, der bis vor einem Jahr Chefdirigent der Oper Lyon war und derzeit u.a. erster Gastdirigent an der New Yorker MET ist, kennt das Haus in Mailand seit seiner Kindheit, als er dort auch im Knabenchor sang. Sein musikalischer Fokus liegt daher besonders auf der Verbindung zwischen Orchester und Stimmen; er bezeichnet sich selbst als „Singer-Conductor“.  Es war daher besonders spannend zu hören, wie ihm diese Verbindung musikalisch exzellent glückte.

(Daniele Rustioni und das Orchester des Teatro alla Scala; Foto Patrik Klein)

Bei Brahms „Akademischer Festouvertüre“ gelang es ihm besonders, die Festlichkeit und die orchestrale Exaktheit miteinander zu verbinden. Es war kein simples „lautes Finale“, sondern ein kunstvoll aufgebautes Wechselspiel von jugendlichen Liedern, Humor und großen sinfonischen Momenten. Besonders beindruckend gelangen die organisch ineinander übergehenden vier Studentenlieder und der darüber verbindend wirkende Spannungsbogen. Das Finale war dann tatsächlich überwältigend, eruptiv aber auch kontrolliert, indem es die zuvor schrittweise aufgebaute Energie dosiert frei gab.

Völlig andere Schwerpunkte waren beim Schicksalslied zu erleben. Die Musik wirkte wie eine Mischung aus Ruhe, Sehnsucht, innerer Spannung und beinahe überirdischer Klarheit. Der Chor des Teatro alla Scala, bestehend aus über 100 Sängern, entstand zu Beginn wie aus einer gemeinsamen Atembewegung mit großen Legatobögen und klar vokal geformten Konsonanten. Auch die deutsche Sprache des Textes nach Friedrich Hölderlin kam nach kurzen Anfangsunsicherheiten klar und deutlich in der Loggione an. Der Chordirigent Alberto Malazzi hatte seine Sänger bestens auf die zunehmenden Phrasen vorbereitet. Der Klang der Musik mutierte zu mehr Menschlichkeit, Schwere und Schmerz ohne zu dick aufzutragen oder gar an wagnersches Pathos zu erinnern. Beim Orchesternachspiel nahm Rustioni dann die aufgebaute Energie zurück und verwandelte sie in feinste Spannung.

Blick von der Loggione; Foto Patrik Klein

Nach der Pause kam des Rheinländers Robert Schumann und Freund Johannes Brahms zweite Sinfonie zur genussvollen Aufführung. Beim langsamen Beginn im ersten Satz setzten die Trompeten und die Hörner einen majestätischen Klang. Klare, starke rhythmische Spannung wurde aufgebaut ohne überbreite Tempi. Transparent waren die Holzbläser und Mittelstimmen unter den Streichern deutlich zu vernehmen. Im zweiten Satz wurde es dann zügig und elektrisierend mit einem permanent inneren Antrieb. Im besonders schwierigen dritten Satz „Adagio espressivo“  gelang es dem Orchester, durch lange Phrasen, warme, aber schlanke Streicher, einem sehr sparsamen Rubato und großer Ruhe ohne still zu stehen, überschwängliche Emotionen zu vermeiden. Im letzten Satz überschäumte dann die aufgestaute Energie in italienischer Manier zu dynamischen Abstufungen in einem befreienden und triumphierenden Höhepunkt.

Im Saal der Mailänder Scala reagierte das Publikum höflich bis begeistert mit anhaltendem Applaus. Etwas Wasser in den Wein goss es allerdings, als es Chor und Orchester so gut wie gar nicht applaudierend empfing und wie wir das in Hamburgs Weltklassekonzertsaal in der Elbphilharmonie leider auch gewohnt sind, machten sich touristischer Beifall zwischen den Sätzen und störende Nebengeräusche gelegentlich bemerkbar.

Abendprogramm des Teatro alla Scala; Foto Patrik Klein
(c) Patrik Klein

klassik-begeistert-Autor Patrik Klein ist ein leidenschaftlicher Konzert- und Opernfreak, der bereits über 300 Konzerte (Eröffnungskonzert inklusive) in der Elbphilharmonie Hamburg erlebt hat, hunderte Male in Opern- und Konzerthäusern in Europa verweilte und ein Kommunikationsnetz zu vielen Künstlern pflegt. Meist lauscht und schaut er privat, zwanglos und mit offenen Augen und Ohren. Die daraus entstehenden meist emotional noch hoch aufgeladenen Posts in den Sozialen Medien folgen hier regelmäßig bei klassik-begeistert – voller Leidenschaft, ohne Anspruch auf Vollständigkeit… aber immer mit großem Herzen!

Patrik Klein, 23. September 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Klein beleuchtet kurz 76, Der Liebestrank Teatro alla Scala, Milano, 14. September 2026

Klein beleuchtet kurz 75: Ein Bruch im Bruch … Elbphilharmonie Hamburg, 6. Juli 2026

Klein beleuchtet kurz 74: Daniele Gatti Elbphilharmonie, 2./3. Juni 2026

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