Hilary Hahn und Omer Meir Wellber; Foto Patrik Klein
…und ich bleibe dabei: ein klassisches Werk teilweise zu überschreiben ist der größte Unfug, den ich in den letzten Jahren in den Konzertsälen erleben musste. Bei allem Respekt vor den beauftragten Komponisten, die sich einen Kopf machen über ein Werk eines klassischen Komponisten aus der Vergangenheit und etwas Neues kreieren, gehört für mich so ein „Damit beschäftigen“ bestenfalls vorangestellt, aber nicht Sätze ersetzend. Es macht mich traurig und innerlich widerstrebend, dabei an den Komponisten denkend, der sich nicht mehr wehren kann.
Elbphilharmonie Hamburg, 6. Juli 2026
Philharmonisches Staatsorchester Hamburg
Hilary Hahn, Violine
Dirigent: Omer Meir Wellber
Max Bruch:
Konzert für Violine und Orchester Nr. 1 g-Moll op. 26 / Mit Überschreibung des 1. Satzes von Barbara Assiginaak (Uraufführung)
Antonín Dvořák:
Sinfonie Nr. 9 e-Moll op. 95 »Aus der Neuen Welt«
von Patrik Klein
Man kann nur hoffen, dass diese Ideen des neuen Generalmusikdirektors Omer Meir Wellber der Hamburgischen Staatsoper künftig nicht noch weitere Auswüchse befördern.
Seltener Gast bin ich in den letzten Jahren beim Philharmonischen Staatsorchester Hamburg aus vielerlei Gründen. Hier reizte mich jedoch sowohl der Auftritt von Hilary Hahn, die nach schweren Krankheiten und damit verbundenen Absagen einmal wieder in der Elbphilharmonie gastierte, als auch ein Dirigat des neuen Chefdirigenten am Dammtor. Wellber hatte im Graben der Staatsoper doch viele überraschende positive Impulse gesetzt und das Orchester deutlich hörbar „auf Spur“ gebracht.
Frau Hahn war wieder in blendender Verfassung und spielte Bruch bzw. die Überschreibung aus Nordamerika voller Virtuosität und Wohlklang. Der erste Satz war jedoch von der nordamerikanischen Komponistin Barbara Assiginaak mit einem gut 10 minütigen Werk überschrieben, in dem sie ein Zeitspiel über eine Reise in die Natur und Vergangenheit anstrengte. Sie führte den Zuhörer mit viel Esoterik durch vier Traumwelten, wobei viele Erinnerungen an ihre eigenen Träume verarbeitet wurden. Der Satz wurde gestaltet mit Einsatz von Klangschalen, gezupften oder wie auch immer veränderten Instrumententechniken, ja sogar Getrampel auf dem Boden aller Musiker. Die Geigerin gab dazu eine virtuose oft an Bruch aber auch häufig an atonale Klänge erinnernde Notenfolge. Auswendig konnte sie sie nicht, denn sie schaute auf einen Laptop. Dann kam zum Glück wieder Bruch und der Laptop war Geschichte.
Bei den zwei Zugaben hatte sie jedoch einen vierfachen Aussetzer und musste die „Hänger“ mit dem Konzertmeister klären, um die Serenade fortsetzen zu können. Sie nahm es mit Humor und das Publikum hatte viel Nachsicht und feierte sie frenetisch.
Nach der Pause dann Dvoraks „Aus der Neuen Welt„, bei der ich mich besonders auf den Stil des Dirigats und den Klang des Orchesters konzentrierte. Zu meiner Überraschung musste ich konstatieren, dass sich die Qualität des Orchesters erheblich gegenüber den oft faden Dirigaten von Kent Nagano mit aller Deutlichkeit gesteigert hatte. Das war größtenteils atemberaubend gut mit einer Dynamik und Spielfreude, die ich so beim Orchester nicht kannte.

Wellbers Art kann man kaum beschreiben, denn da waren wenig metrische Vorgaben, aber viele unterschiedliche taktstocklose Impulse, ja Suggestionen, die für mich die innere Bewegung und Berührung des Dirigenten mit der Musik widerspiegelten. Da flogen Fäuste, da trampelten Füße, da zeigten Finger in den Himmel, da drehten Oberkörper, ja da spielte der ganze Mensch beweglich vor, wie die Musik bei ihm wirkte – und, es übertrug sich hörbar und vor Allem genießbar auf das Orchester – und das war für mich die eigentliche Sensation!
Patrik Klein, 7. Juli 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Der klassik-begeistert-Autor Patrik Klein ist ein leidenschaftlicher Konzert- und Opernfreak, der bereits über 300 Konzerte (Eröffnungskonzert inklusive) in der Elbphilharmonie Hamburg verbrachte, hunderte Male in Opern- und Konzerthäusern in Europa verweilte und ein großes Kommunikationsnetz zu vielen Künstlern pflegt. Meist lauscht und schaut er privat, zwanglos und mit offenen Augen und Ohren. Die daraus entstehenden meist emotional noch hoch aufgeladenen Posts in den Sozialen Medien folgen hier nun auch regelmäßig bei klassik-begeistert – voller Leidenschaft, ohne Anspruch auf Vollständigkeit… aber immer mit großem Herzen!
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