Berlioz’ Requiem berührt und fesselt die Gemüter im Bremer Dom

Hector Berlioz, Requiem – Grande Messe des Morts, Tobias Gravenhorst, Leitung  St. Petri Dom Bremen, 10. Oktober 2026

Berlioz Requiem Bremen (Foto privat)

Mit seiner „Grande Messe des Morts“ wollte Hector Berlioz etwas nie Dagewesenes komponieren. Es ist ihm zweifellos gelungen, allerdings ist die Aufführung des großformatigen Werkes auch mit erheblichem Aufwand verbunden. Doch davon haben sich Domkantor Tobias Gravenhorst, der mit Männerstimmen aus dem Theaterchor verstärkte Bremer Domchor und die Bremer Philharmoniker keinesfalls abhalten lassen. Mit überwältigendem Erfolg!

St. Petri Dom Bremen, 10. Oktober 2026

Hector Berlioz    Requiem – Grande Messe des Morts

Isaak Lee   Tenor
Bremer Domchor und Männerstimmen aus dem Theaterchor
Die Bremer Philharmoniker
Tobias Gravenhorst   Leitung

St. Petri Dom Bremen, 10. Oktober 2026

von Dr. Gerd Klingeberg

Mit seiner „Grande Messe des Morts“ wollte Hector Berlioz etwas nie Dagewesenes komponieren. Es ist ihm zweifellos gelungen, allerdings ist die Aufführung des großformatigen Werkes auch mit erheblichem Aufwand verbunden. Doch davon haben sich Domkantor Tobias Gravenhorst, der mit Männerstimmen aus dem Theaterchor verstärkte Bremer Domchor und die Bremer Philharmoniker keinesfalls abhalten lassen. Mit überwältigendem Erfolg! Auch wenn man dabei einige eher marginale Abstriche vorgenommen hat: Die von Berlioz vorgesehene Größe von Orchester (100 Streicher und jede Menge Bläser, Pauken etc.) und Chor (200 Choristen) wurde etwas reduziert, ohne dass dies indes den monumentalen Eindruck gemindert hätte.

Überwältigendes Klangpanorama

Noch eher unspektakulär startet der Introitus: Nicht wie aus dem Nichts kommend, sondern ruhig, aber bestimmt intoniert der Chor die einleitenden Requiem-Worte in breit fließenden, einhüllend dichten Harmonien. Der Nachhall im Dom intensiviert das unmittelbar packende Klangerlebnis, mindert aber die Textverständlichkeit. Dabei ist Letzteres nicht unbedingt entscheidend; weit wichtiger ist die atmosphärische Dichte, mit der die Inhalte der lateinischen Requiem-Worte in einem überwältigenden Klangpanorama vermittelt werden. Und das gelingt auf beeindruckende Weise.

Tobias Gravenhorst, conducting

Unter Gravenhorsts umsichtigem Dirigat bringen Chor und Orchester von Beginn an in differenzierter Ausführung die wechselvollen Stimmungen mal vorsichtig zaghaft, mal wie aufschreiend oder aber mit gewichtiger Entschiedenheit zum Ausdruck.

Das „Dies irae“ erweist sich als ein erster grandioser Höhepunkt. Anfangs noch merkwürdig unbeteiligt, wie ungläubig anmutend, so als könne oder wolle man diesen Tag des Zornes eigentlich nicht wahrhaben, wird das Geschehen dann zunehmend fulminanter. Aus allen vier Ecken des riesigen Domes schmettern gewaltige Bläserfanfaren der vier Fernorchester, untermauert von unzähligen donnernden Paukenschlägen. Das übertönt selbst das maximal gesteigerte Fortissimo des Chorgesangs, die Mauern scheinen zu beben, die Luft vibriert bis in den allerletzten Winkel des riesigen Raumes. Ein ungemein faszinierender Effekt, der unter die Haut geht, auch wenn diese im besten Sinne quadrofonische Darbietung nicht an allen Plätzen gleichermaßen gut zu erleben ist.

Berlioz Requiem Bremen (Foto privat)

Nicht minder packend gerät das „Mors stupebit“, das überraschend zurückgenommene Staunen angesichts der Auferstehung der Toten, aber auch die sehr verhaltene, zaghaft bis scheu vorgetragene Schlusspassage: Der Mensch hat dem richtenden Gott Antwort zu geben.
Solche durchweg mit großer Sorgfalt umgesetzten chorischen und instrumentalen Stimmungsänderungen – das Changieren zwischen elementarer Furcht vor ewiger Verdammnis und der Hoffnung auf einen gnädigen Richter – sind es, die die besondere Faszination dieser Aufführung ausmachen.

Zwischen Höllenfeuer und Weltentrücktheit

Nachdenkliche Momente vermitteln die lyrischen Klänge des „Quid sum miser“. Doch sie werden heftig konterkariert vom scharf konturierten „Rex tremendae“, das die lodernden Flammen der Hölle und die verzweifelten Rufe um Befreiung in aufwühlender Dramatik nachzeichnet.
Im krassen Kontrast dazu erklingt das vom Chor a cappella sehr ruhig und gefühlvoll gesungene „Quaerens me“. Das „Lacrymosa“ führt die unterschiedlichen Stimmungen aus Trauer und Zuversicht in spannender Weise zusammen bis hin zum überwältigend tosenden Finale.

Und wieder eine Zäsur, ein Eintreten in gänzlich anders geartete Klangwelten beim „Offertorium“. Die Streicher starten mit einem fugierten Thema; der Chor singt das „Domine Jesu Christe“ wie eine Art Mantra in einem ständig wiederholten Zweiton-Motiv und erstellt damit eine geradezu mystisch bis weltentrückt anmutende Atmosphäre, die im feierlichen „Hostias“ weitergeführt wird.

Einzig beim „Sanctus“ hat Berlioz eine Solostimme vorgesehen. Unterlegt vom überirdisch flirrenden Streicherteppich trägt Tenor Isaak Lee seine Partien klangvoll mit ungekünstelt klarer, tragfähiger Stimme vor, nicht etwa theatral, sondern passend eher wie ein chorischer Vorsänger, dessen Worte vom Chor bestätigend wiederholt werden, um damit die berührende kontemplative Grundstimmung zu unterstreichen. Umso grandioser folgt das jubelnde Hosianna im vollen Tutti-Fortissimo.

Berlioz Requiem Bremen (Foto privat)
Gottesdienstliche Feierlichkeit

Auf ausdrückliche Betonung des gottesdienstlichen Charakters des Requiems setzt Gravenhorst ganz besonders im abschließenden „Agnus Dei“. Der sanfte, zurückhaltend feierliche Chorgesang wirkt geradezu beschwörend; ungewöhnlich lang ausgehaltene kontemplative Generalpausen lassen Momente gefühlter ewiger Ruhe erahnen; das „ewige Licht“ strahlt in milden Harmonien, die in einem letzten, zu Herzen gehenden „Amen“ enden.

Das begeisterte Publikum honoriert die wahrhaft exzeptionelle Leistung aller Ausführenden mit lang anhaltendem tosendem Beifall. Dass damit nicht allein die spektakuläre musikalische Umsetzung gewürdigt wird, sondern dass auch die dem Requiem zugrunde liegende christliche Botschaft höchst einprägsam vermittelt und verstanden wurde, ist zuvor durch eine ergreifende, minutenlange völlige Stille deutlich geworden.

Dr. Gerd Klingeberg, 11. Oktober 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

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