Der Mann von nebenan - "Wozzeck" überzeugt in der Deutschen Oper Berlin

Alban Berg, Wozzeck,  Deutsche Oper Berlin,  15. November 2018

Foto: © Marcus Lieberenz
Alban Berg
WozzeckDeutsche Oper Berlin,
15. November 2018

von Gabriel Pech

Ole Anders Tandbergs Wozzeck in der Deutschen Oper Berlin gehört zu Berlins am meisten kontrovers diskutierten Premieren dieser Spielzeit. Dabei gibt es natürlich einiges, woran man sich stören könnte: Nacktheit, eine Rektaluntersuchung, scheinbar deplazierte Norwegenfähnchen…

Über eines sind sich die Kritiker relativ einig: Dass nämlich das Ensemble musikalisch einen großartigen Job macht – wenn man sich einmal in Bergs eigenwillige Tonsprache verliebt hat. Schon einmal vorweg: Mir hat auch die Inszenierung gefallen, und ich fühle mich verpflichtet, das zu erklären. Davor aber Ehre, wem Ehre gebührt.

Johan Reuter singt einen fantastischen Wozzeck, man kann es nicht anders sagen. Er verkörpert den „Mann von nebenan“ – immer bemüht, alles richtig zu machen. Mit einem wohlgeformten Bariton besitzt er die nötige Ausdrucksstärke, um sein fortwährendes energisches Streben zu vermitteln. Gefangen in einem Netz aus immer surrealer werdenden Figuren steigt er in den Abgrund. Wir folgen ihm gespannt und voll Mitleid.

Zwischen den Szenen wird auf den heruntergelassenen Vorhang sein Gesicht projeziert, ein Highlight der Inszenierung (Video: Robert Pflanz). Auch hier spiegeln sich Wozzecks Emotionen in den Gesichtszügen Reuters, und zwar sehr subtil. Diese unterschwellige Gefühlsübermittlung ist schauspielerisch sehr hochwertig.

Seine untreue Marie spielt Elena Zhidkova als große lyrische Mezzosopranistin. Sie überzeugt vor allem stimmlich in den ungeheuren Partien, die ihr in die Noten geschrieben sind. Trotz gewisser Hürden bei der Sprache überträgt sich ihr innerer Konflikt gut, ob sie nun die Sinnlichkeit des Lebens mit dem Tambourmajor erfahren oder dem Vater ihres Kindes treu bleiben soll. Vor allem im Kontakt mit ihrem Sohn besticht Zhidkova mit einem leidenschaftlichen Spiel und einem mütterlichen Timbre.

Matthew Newlin spielt einen sehr realistischen Andres, die Stimme der Vernunft in Wozzeck. Mit seinem stringenten Tenor pocht er immer wieder auf eine vernünftige Sicht der Dinge, ohne Wozzeck vom unvermeidlichen Gattenmord abhalten zu können. Dabei ist er der glaubhafteste Charakter, was zum Teil seiner inszenatorischen Anlage, zu großen Teilen aber auch seinen schauspielerischen und stimmlichen Leistungen zu verdanken ist.

Den Hauptmann singt Burkhard Ulrich mit einer gehörigen Prise Überzogenheit. Teilweise schwächelt er dynamisch leider etwas und kann den satten Orchesterklang nicht überwinden. Dafür kann man sich mit seinem Charakter auf merkwürdige Weise gleichzeitig sehr gut identifizieren und auf der anderen Seite ist es eine wandelnde Witzfigur. Dies erreicht er durch seine facettenreiche Stimmfarben, die er nach Alban Bergs Forderungen gezielt einsetzt, und durch gekonntes Timing im Spiel.

Seinen Gegenpart, den Doktor, nimmt Andrew Harris auch nicht zu Ernst. Dieser ist ebenfalls als bitterböse Parodie angelegt, wenn er Wozzeck zu allerlei menschenverachtenden Experimenten zwingt. Harris trifft definitiv den richtigen Ton mit einem nahezu röhrenden Bass. Vor allem in den Tiefen überzeugt er mit einem fulminanten Volumen.

Auch die Nebenrollen prägt eine durchweg stabile schauspielerische und musikalische Leistung. Vor allem  Byung Gil Kim als 1. Handwerksbursch („meine Seele stinkt nach Branntewein“) ist hier zu nennen. Auch wenn er an manchen Stellen etwas gepresst klingt, trägt sein Trinklied durch eine energetische Tonqualität und einen höhnischen, intelligenten Ausdruck.

Den Chor der Deutschen Oper Berlin plagt leider weiterhin das Problem der Synchronität in temporeichen Passagen. Wenn die Sänger auch als Männerchor einen bezaubernden, kernigen Klang entfalten, ist es doch sehr schade, wenn die unisono-Stellen beim besten Willen und aller Liebe nicht zusammen sind. Spielerisch ist der Chor diesmal stabil.

Leider verdient sich auch das Orchester der Deutschen Oper Berlin unter Donald Runnicles nach diesem Abend kein uneingeschränktes Lob. Das fulminante Orchesterfinale in der letzten Verwandlungsmusik, in dem alle Motive noch einmal auftreten und letztlich zu Wozzecks Verklärung kulminieren, war leider nicht ganz zusammen. Das hat an dieser Stelle scheinbar an dem Selbstvertrauen des Orchesters genagt, weshalb auch der dramatische Höhepunkt dieses Stückes nicht so ganz „gebrezelt“ hat, wie er es hätte tun können.

Dies ist sehr schade, weil das Orchester sonst wirklich eine Meisterleistung zu hören gebracht hat. Durch die gesamte restliche Oper hindurch hat Runnicles jedes Motiv astrein herausgearbeitet und liebevoll platziert. Bergs Weg von der Tonalität hin zur Atonalität haben sie mit einer selbstverständlichen Präzision und Einfühlungsvermögen zur Schau gestellt.

Kommen wir nun endlich zur Inszenierung: Ole Anders Tandberg hat in dem norwegischen Nationalfeiertag in Oslo konkrete Ort- und Zeitangaben für seine Handlung gefunden. Wenn man sich dem öffnet, passt es sehr gut: Die allgegenwärtige Erotik des beginnenden Frühlings, das Gemeinschaftsgefühl einer patriotischen Nation, übermäßiger Alkoholkonsum… All das geht auf faszinierende Weise mit Georg Büchners Dramenhandlung zusammen.

Auch tun sich dadurch interessante Interpretationsansätze auf: Der Hauptmann als depressiver Alkoholiker; Wozzeck, der nicht im See sondern in seinem eigenen Blut ertrinkt. Die überzogene Nacktheit direkt zu Beginn des Stückes ist eine Verdeutlichung der Demütigung Wozzecks und anscheinend immer noch geeignet, Skandale auszulösen. Vor allem die Personenregie ist sehr zu loben (Spielleitung: Teresa Reiber). Die emotionalen Bezüge der Charaktere zueinander und ihre eigener innere Entwicklung sind greifbar und mitreißend. Wir sehen klar Wozzecks persönliche Perspektive auf seinem Weg in den Wahnsinn. Und jede Sekunde ist sehenswert!

Gabriel Pech, 16. November 2018, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
.

Musikalische Leitung: Donald Runnicles
Inszenierung: Ole Anders Tandberg
Bühne: Erlend Birkeland
Kostüme: Maria Geber
Licht: Ellen Ruge
Video: Robert Pflanz
Spielleitung: Teresa Reiber
Chöre: Jeremy Bines
Kinderchor: Christian Lindhorst
Dramaturgie: Jörg Königsdorf

Wozzeck: Johan Reuter
Marie: Elena Zhidkova
Andres: Matthew Newlin
Tambourmajor: Thomas Blondelle
Hauptmann: Burkhard Ulrich
Doktor: Andrew Harris
Der Narr: Andrew Dickinson
Margret: Amber Fasquelle
1. Handwerksbursch: Byung Gil Kim
2. Handwerksbursch: Bryan Murray
Maries Knabe: Jakob Hanisch
Chor der Deutschen Oper Berlin
Kinderchor der Deutschen Oper Berlin
Orchester der Deutschen Oper Berlin

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.