Mais non! Bitte nicht so! Manon Lescaut floppt in der Staatsoper Hamburg

Giacomo Puccini, Manon Lescaut,  Staatsoper Hamburg

Foto: Westermann (c)
Staatsoper Hamburg, 13. November 2018
Manon Lescaut

Dramma lirico in vier Akten von Giacomo Puccini
Libretto nach Abbé Prevosts Roman “Manon Lescaut” von Giacomo Puccini

Ein Gastbeitrag von Teresa Grodzinska

Das Schönste an der Vorstellung waren die leuchtenden, blonden Haare des Dirigenten, Christoph Gedschold, als er sich am Anfang verbeugte – danach ging es bergab.

Die Manon, von Maria Lose Siri (Sopran) gesungen, ist eine in roten Samt gehüllte, dralle Blondine. Ich weiß, dass früher alle Sängerinnen drall waren und man darüber gnädig hinwegsah, aber sie konnten singen! Das konnte Manon an diesem Abend nicht. Ein einziges Mal wuchs ihre Stimme über das untere Mittelmaß hinaus, als sie im Duett mit Jorge de Leon (Cavaliere Des Grieux, Tenor) im ersten Akt sang. Ganze zwei Minuten erstarrte das Publikum. Vielleicht wird es doch was?  Anfangsschwierigkeiten? Es gab Unstimmigkeiten zwischen dem Dirigenten und dem Chor, die Orchesterstimmen liefen auseinander. Aber das Publikum ist geduldig, verharrt lange und verzeiht vieles, wenn am Ende das Gefühl überwiegt, dass man eine gute Vorstellung gesehen hat. Und das Magische daran ist, dass das Publikum als Ganzes ein untrügliches Gespür für “gut” besitzt.

Es nutzte an diesem Abend aber alles Hoffen und Bangen nicht.  Ich saß zum ersten Mal in der 15. Reihe –lag es daran, dass ich die Solisten kaum hörte? Der ältere Herr neben mir wurde unruhig, dann gab er auf. Sitzen, Ertragen, manchmal leise stöhnend.

Zu sehen gab es schon einiges. Eine schöne schwarz-weiße Szenographie von Johannes Leiacker mit immer wieder sich verändernden Kulissen. Gute spielerische Möglichkeiten taten sich da auf. Aber Philipp Himmelmann (Inszenierung) entschied sich – aus für mich absolut nicht nachvollziehbaren Gründen – avantgardistisch vorzugehen. Was heißt das? Die Protagonisten, die Liebenden, Manon und Des Grieux, die füreinander schmachten, stehen den ganzen ersten Akt und zwei Drittel des zweiten Aktes hölzern mit den Gesichtern zum Publikum und singen, dass sie ohne einander nicht können.

Jorge de Leon (Des Grieux) verfügt über gute technische Möglichkeiten, seine Stimme ist wunderbar, aber er konnte sich gegen das kapriziöse Dirigat von Christoph Gedschold kaum behaupten. Schade. Sonst war es seine Aufgabe in der Ecke herumzuliegen, in der Ecke herumzustehen, meistens mit dem Gesicht zur Wand und zur Ecke. Es war wirklich traurig, diesem Mann zuzuschauen. Er hatte die Bühnenpräsenz einer Schaufensterpuppe.

Im zweiten Akt kam es zum Eklat: die Inszenierung von Himmelmann hält sich angeblich strikt an das Original von Abbé (franz. Priester) Prevost aus dem Jahre 1732. Mitten im libertären Paris des Marquis de Sade schreibt ein Priester über die Moral einer Frau, die nicht verheiratet, vor dem Klosterleben geflüchtet, in den Armen eines reichen Greises landet. Das muss bestraft werden. Das war wohl der Sinn des Heftchens, das zum Libretto von Puccini und Konsorten (fünf an der Zahl) verarbeitet wurde. Herr Himmelmann ging in die Vollen und bestrafte das Publikum: eine Horde Faune und Satyre (in der Antike für derbe Späße im Walde mit ahnungslosen Jungfrauen berüchtigt) betrat die Bühne. Behaart, mit bereitstehenden Penissen umkreisen sie Manon. Man hörte förmlich, wie dem Publikum der Kiefer runterfiel.

Prüderie im 21. Jahrhundert? Wo die Schulkinder schon Pornos gucken? Ist die Grodzinska noch ganz dicht? Wo bleibt die künstlerische Freiheit? KÜNSTLERISCH ist ein Anspruch und Versprechen, das eingelöst werden muss. Hier riecht es verdächtig nach Sex sells-Mentalität. Satyre und Faune haben keine Daseinsberechtigung, außer, dass die Journaille darüber schreibt.

Köpfen Sie mich! Ich bin gegangen, weil ich das Vertrauen in das Niveau der Vorstellung von “Manon Lescaut” völlig verloren hatte. Ich fühlte mich bedroht durch pseudolibertäre Phantasien, durch schlechtes Timing von Orchester, Dirigent und Sängern sowie die lausige Akustik in der 15. Reihe. Dazu stockte auch noch die digitale Übersetzung aus dem Italienischen ins Deutsche. Das war zu viel. Nach dem zweiten Akt hat ein Mensch mutig gebuht. Danke. Ich tat ihm nicht nach, weil weibliche Buhrufe unseriös klingen. Aber danke. Ich ging. Ich wollte nicht wissen, was Herr Himmelmann (Nomen est Omen?) für uns in den nächsten zwei Akten bereithielt. Schlachtung lebender Tiere? Vergewaltigung Minderjähriger?

Es gab nämlich keinen, keinen einzigen Grund für diese offenen Hosenställe außer Pseudoliberalismus. Der wurde aber im Paris des 18. Jahrhunderts in geschlossenen Zirkeln, die höchstens 500 Leute betrugen, gelebt. In unserer offenen Gesellschaft, in der man 12-Jährige in die Oper mitnimmt, um sie in höhere Weihen der Kunst einzuführen, müsste auf dem Programm eine Warnung vor Geschmacklosigkeit stehen.

Es gab einmal einen Film mit Isabelle Huppert, in dem sie die Mätresse eines reichen jungen Mannes spielt. Sie schreitet splitternackt eine geschwungene Treppe zu dem Salon hinab. Die jungen Männer schauen sie an. Sie wagen nicht mal zu atmen. Sie geht wortlos an ihnen vorbei. Setzt sich auf ein Sofa und schenkt allen Tee ein. Auch eine gewagte Szene, es liegen Genitalien frei. Und es ist Kunst. Bei diesem Stück aber ganz sicher nicht.

Teresa Grodzinska, 15. November 2018, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Manon Lescaut: Maria Jose Siri, Sopran
Lescaut, ihr Bruder: Kartal Karagedik, Bariton
Il Cavaliere Des Grieux: Jorge de Leon, Tenor
Geronte di Ravoir: Tigran Martirossian, Bass
Edmondo:Oleksiy Palchaykov, Tenor
L´Oste: Shin Yeo, Bass
Un Musico: Gabriele Rossmanith, Sopran
Il Maestro di Ballo: Dongwon Kang
Un Sergente degli Arcieri: Johann Kristinsson
Un Comandante di Marina: Ang Du

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