Zwei allemal hörenswerte Abende in Berlin und Zürich – die optischen Zutaten hätte man sich schenken sollen

Alessandro Scarlatti, Il Primo Omicidio, Georg Friedrich Händel, Belshazzar  Staatsoper Unter den Linden, Berlin, 31. Oktober 2019, Opernhaus Zürich, 3. November 2019

Foto © Herwig Prammer
Staatsoper Unter den Linden, Berlin, 31. Oktober 2019

Alessandro Scarlatti, Il Primo Omicidio
Musikalische Leitung: René Jacobs
Regie, Bühne, Licht,Kostüme: Romeo Castellucci
B’rock Orchestra

Opernhaus Zürich, 3. November 2019
Georg Friedrich Händel, Belshazzar
Musikalische Leitung: Laurence Cummings
Regie: Sebastian Baumgarten
Bühnenbild: Barbara Steiner
Kostüme: Christina Schmitt

von Kirsten Liese

Ohne szenischen Mehrwert

Die Idee, Oratorien szenisch aufzuführen ist nicht ganz neu. Schon ein John Neumeier illustrierte Bachs Passionen mit Ballett-Choreografien, der Regisseur Peter Sellars präsentierte sie zusammen mit Sir Simon Rattle und den Berliner Philharmonikern in halb-szenischen rituellen Inszenierungen. Ich hatte mich weiland daran nicht gestört, aber meines Erachtens brauchte es das ganze Drum und Dran nicht, da die geniale Musik keiner zusätzlichen Reize für das Auge bedarf.

Aktuell hatten an einem Wochenende wieder mal zwei Oratorien in Berlin und Zürich in szenischer Umsetzung Premiere: An der Berliner Lindenoper grub Barock-Guru René Jacobs zur Eröffnung der Berliner Barocktage Alessandro Scarlattis „Il Primo Omicidio“ (zu Deutsch „Der erste Mord“) aus, das von der biblischen Genesis erzählt, von Adam und Eva und Kains Mord an seinem Bruder Abel. Die Oper Zürich brachte das Händel-Oratorium „Belshazzar“ auf die Bühne, das davon erzählt, wie das vom babylonischen König Belsazar gefangen gehaltene jüdische Volk dank des Perserkönigs Cyrus nach dessen Machtübernahme befreit wird.

Um es gleich zu sagen: Keine der beiden szenischen Umsetzungen bietet irgendeinen Mehrwert, wobei beide Regisseure in unterschiedliche Extreme verfallen:  In Berlin stellt  Romeo Castellucci den biblischen Brudermord mit peinlich-banalen Kinderspielen nach, für die überflüssiger Weise Kinderdarsteller als Doppelgänger der Figuren zum Einsatz kommen. In Zürich langweilt Regisseur Sebastian Baumgarten mit einem wüsten Overkill an Bildideen, großenteils beliebigen. Freilich bedient er sich in seinem wilden Assoziationstheater der neuerdings so beliebten Videoprojektionen mit Kriegsbildern, Umweltfreveln, apokalyptischen Szenarien, Autobahnen oder Bildern aus der Agrarwirtschaft. Es lohnt an dieser Stelle nicht, einen Sinn da hineinbringen zu wollen. Der irre, sicherlich auch kostenspielige Aufwand, den Baumgarten betreibt, spiegelt sich vor allem auch in den von Christina Schmitt entworfenen Kostümen wider, ein kunterbunter Stilmix aus Theaterfundus, Alltagsklamotten, Freakshows und Völkerkundemuseum. Ist man mit dem Stück weniger vertraut, durchschaut man gar nicht so leicht, wer hier eigentlich wer ist, auch wenn die Juden Gewänder mit Gesichtern so herausragender Persönlichkeiten wie Karl Marx oder  Rosa Luxemburg tragen, während sich die Perser in schwarzen Ledermonturen präsentieren. Das alles sieht wenig ansprechend, um  nicht zu sagen, ziemlich hässlich aus.

Dagegen hält sich Castellucci zumindest im ersten Teil seiner Berliner Inszenierung noch dezent zurück, wenn er sich beim Sündenfall mit ein paar Äpfeln und einem schönen – warum auch immer- auf den Kopf gestellten Flügelaltar als Requisiten beschränkt.

Personenführung sucht man hier wie da vergeblich. Gesungen wird weitgehend an der Rampe, im zweiten Teil in Berlin stellen sich die Sänger und Sängerinnen sogar im Orchestergraben auf. Anschaulicher lassen sich Parallelwelten zwischen Musik und Szene nicht schaffen: unten im Graben barocke Musik, oben auf der Bühne Kasperletheater.

Kommen wir zur musikalischen Einstudierung und damit zum Erfreulichen. Auch hierin waren sich beide Produktionen ähnlich: In Berlin begeistert René Jacobs stilsichere, engagierte, klangfarbenreiche Einstudierung mit dem B’rock Orchestra – in Zürich bewahrt der große Händel-Connoisseur Laurence Cummings mit seiner grandiosen nuancierten Einstudierung die Produktion vor einem Flop.

Foto: Monika Rittershaus

Seitens des Sängerensembles ist allerdings Zürich etwas besser aufgestellt, sind hier doch so vorzügliche Barockstars wie Layla Claire, Jakub Józef Orlínski und Mauro Peter an Bord, allesamt herrlich strahlend schlanke und profunde Stimmen. Nur die Mezzosopranistin Tuva Semmingson gestaltete ihren Part als Daniel wenig geschmeidig mit Tönen, die sich naher an der Sprechstimme bewegten als am Gesang.

Aus dem Sängerensemble von René Jacobs stach eine einzige Stimme mit der gebotenen Substanz in tieferen Registern und luzider Schönheit in der Höhe heraus, die der niederländischen Mezzosopranistin Olivia Vermeulen als Abel. Alle übrigen Protagonisten, Kristina Hammaström (Kain), Birgitte Christensen (Eva) und Thomas Walker (Adam) sangen zwar weitgehend kultiviert, aber bei Registerübergängen und in der Höhe ein bisschen steif und eng.

Alles in allem aber waren beide Abende allemal hörenswert. Die optischen Zutaten hätte man sich schenken sollen. Bekanntlich ist weniger oftmals mehr.

Kirsten Liese, 5. November 2019, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Ein Gedanke zu „Alessandro Scarlatti, Il Primo Omicidio, Georg Friedrich Händel, Belshazzar
Staatsoper Unter den Linden, Berlin, 31. Oktober 2019, Opernhaus Zürich, 3. November 2019“

  1. Ich bin in Sachen Musik und Musiktheater ein Laie, sehe mir aber hie und da Opernaufführungen an und bin über diejenigen froh, die mich berühren und meine Seele in andere Sphären entführen…

    Ich habe mich seit Wochen, ja Monaten auf die Zürcher Belshazzar-Aufführung gefreut und bin am 3. November enttäuscht worden. Wieso? Aus präzis den Gründen, die Kirsten Liese in ihrer Besprechung so gut beschreibt!

    Fazit: Enttäuscht von der Aufführung, dafür aber habe ich eine Kritikerin entdeckt, auf deren Beiträge ich mich auch in Zukunft freuen werde!

    Clemens Zehnder

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