Blutiges Alpendrama im schönsten Verismo-Belcanto

Alfredo Catalani, La Wally, Dirigent: Andrés Orozco-Estrada, Wiener Symphoniker  Theater an der Wien, 19. November 2021

Foto: Izabela Matula (Wally), La Wally © Herwig Prammer

Theater an der Wien, am 19. November 2021

Alfredo Catalani: La Wally
Dramma lirico in vier Akten

Mit: Izabel Matula, Leonardo Capalbo, Jacques Imbrailo, Alastair Miles etc.    Regie: Barbora Horáková Joly (BHJ)

Arnold Schoenberg Chor
Wiener Symphoniker
Andrés Orozco-Estrada, Dirigent

von Herbert Hiess

Was eine im vermeintlich existierenden ländlichen „Idyll“ angesiedelte Dorfgemeinschaft anrichten kann, konnte man in der letzten Produktion (B. Brittens „Peter Grimes“) im gleichen Haus erleben. Waren es bei Britten die Seeleute und die am Meer wohnenden Menschen, sind es in Catalanis Meisterwerk die „kreuzbraven“ Tiroler aus Sölden und dem Ötztal.

Und gerade die feschen Dirndln und die reschen „Buam“ (Anm.: alpenländische Bezeichnung für junge Männer) waren es, die letztlich die Wally (Kurzbezeichnung für Walpurga) mit Spott und Hohn ins Unglück getrieben haben. Die großartige Regisseurin Barbora Horáková Joly hat diese Facette exzellent herausgearbeitet, obwohl die Oper eher verstörend begann. Vor dem Einsatz des Orchesters war nämlich eine Art Jodler zu hören, der wie ein Yogagesang klang. Und viele Videobilder zeigten die brutale Härte, Kargheit und Kälte der Alpen. Aber zunehmend bekam das ganze einen Sinn und letztliche steigerte sich die Regie zu einem fulminanten Ereignis. Großartig, wie sich die Szene von einem pseudoartig alpenländischen Idyll in einen brutalen Mordschauplatz verwandelte.

LA WALLY (c) Herwig Prammer, Izabela Matula (Wally) & die Maske

Gerade im vierten Akt, nachdem Gellner seinen Rivalen Hagenbach im Auftrag der von Hagenbach verhöhnten Wally erschlug, verlor sich die Protagonistin in einer Phantasiewelt. Die Alpen werden von einem Stahlgerüst dargestellt (inkl. Wasserfall) und die ganze Szenerie ist von einem kalten und brutalen Licht erleuchtet. Und unnachahmlich, wie sich die Wally da in ihrer Phantasiewelt verlor und man als Zuseher selbst nicht mehr wusste, was ist Realität und was Fiktion.

LA WALLY (c) Herwig Prammer, Alastair Miles (Stromminger), Izabela Matula (Wally), Jacques Imbrailo (Vincenzo Gellner)

Die Bayerin Wilhelmine von Hillern schuf diesen großartigen Stoff, den der berühmte Librettist Luigi Illica operngerecht aufbereitete. Die veristische Musik komponierte Alfredo Catalani, wobei ihm mit der Arie „Ebben? Ne andrò lontana“ ein wunschkonzertverdächtiger Welthit gelang. Aber auch die übrige Oper ist phantastisch gelungen. Die oft brutal anmutende Musik ist da manchmal wie eine Filmmusik im besten Sinne, die die widerliche Szenerie akustisch untermalt.

In diesem Sinne waren Andrés Orozco-Estrada und die großartigen Wiener Symphoniker ein Glücksgriff für diese Produktion. Sie tauchten diese Spitzenproduktion in traumhafte Klänge; der Maestro und seine Musiker ließen die ganze Palette vom zarten Pianissimo bis zum brutalsten Fortissimo hören.

Und sängerisch waren der Tenor Capalbo (sehr baritonal klingend!) und der Bariton Imbrailo sehr gut; erwartungsgemäß exzellent der Bass Alastair Miles als Wallys Vater „Stromminger“ (halt nur im ersten Akt). Ein Ereignis aber die Polin Izabela Matula als Wally. Mit ihrem großen und schneidigen Sopran machte sie aus der Rolle ein regelrechtes Erlebnis. Ihre Stimme erinnert übrigens sehr an Mara Zampieri, die die gleiche Partie 1990 bei den Bregenzer Festspielen verkörperte. Nicht nur, dass Frau Matula großartigst sang; ihre fast akrobatischen Leistungen und ihre Bühnenpräsenz waren ebenso mehr als beeindruckend. So konnte man jetzt im Theater an der Wien diese selten gespielte Oper wieder sehen, sondern auch diese großartige Frau entdecken.

Da ein Bild mehr als tausende von Worten sagt – diese großartige Produktion wurde aufgezeichnet und kann bei www.myfidelio.at erlebt werden. Schade, dass lockdownmäßig nach der vierten Aufführung die Serie hat abgebrochen werden müssen; so ist wenigstens eine Gelegenheit da, dies auch noch visuell zu erleben.

Herbert Hiess, 19. November 2021, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Benjamin Britten, Peter Grimes, Theater an der Wien25. Oktober 2021

Gustav Albert Lortzing, Der Waffenschmied, Theater an der Wien21. Oktober 2021

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