Zwei Streichquintette verzaubern in der Klosterkirche

Anastasia Kobekina, Glasunow, Schubert  Bordesholmer Klosterkirche, 16. Juli 2026 (SHMF)

Meisterschüler – Meister, Anastasia Kobekina

Konzert beim Schleswig-Holstein Musik Festival 2026 in der Bordesholmer Klosterkirche, 16. Juli 2026

Alexander Glasunow, Streichquintett A-Dur op. 39
Franz Schubert, Streichquintett C-Dur D 956

Anastasia Kobekina, Violoncello
Marie Helling, Violine
Ángela Aguareles, Violoncello
Maxim Tzekov, Violine
Arcan İsenkul, Viola

von Dr. Andreas Ströbl (Text und Fotos)

Beim Eröffnungskonzert des SHMF 2026 hatte sie in Sekundenbruchteilen die Herzen des Publikums gewonnen (https://klassik-begeistert.de/eroeffnungskonzert-des-schleswig-holstein-musik-festival-2026-musik-und-kongresshalle-luebeck-5-juli-2026/), nun bezauberte Anastasia Kobekina, Leonard Bernstein-Award-Preisträgerin von 2024, mit vier weiteren jungen Musikern die Besucher in der Bordesholmer Klosterkirche. Was am 16. Juli 2026 zwischen den alten Mauern erklang, war von erlesener Qualität.

Ein leichtfüßiger Glasunow

„Alles bei Glasunow ist so elegant gemacht, alles klingt so hell und saftig, alle Farben sind so satt und kräftig“, so der russische Musikwissenschaftler und Komponist Wjatscheslaw Karatygin. In der Tat klingt Glasunows Streichquintett in A-Dur, ein Frühwerk des Komponisten, leicht und durchlässig, wenngleich es von höchster technischer Finesse ist. Die Wahl von zwei Celli anstatt einer zusätzlichen Bratsche verleiht dem Konzert Tiefe und Fülle, das die Eleganz Tschaikowskys mit dem volksmusikalischen Ton von Rimsky-Korsakoff verbindet.

Der Bratsche, hier gespielt von Arcan İsenkul, kommt die Ehre zu, den ersten Satz zu eröffnen, und mit samtigem Dolce-Strich erklingen die ersten Töne. Die Akustik in der 1509 vollendeten Kirche ist erstaunlich gut; der Hall schluckt weniger an Details als befürchtet. Anastasia Kobekina spielt ja bekanntlich immer barfuß, um die Vibrationen ihres Stradivari-Cellos auch im Podest zu spüren, und so spiegeln sich die Bewegungen der Musik auch in denen ihrer Füße wider, ganz abgesehen von ihrer lebhaften, charmant-teilnehmenden Mimik. Die großartige Musikerin ist in diesem Ensemble zwar die Meisterin, gibt sich aber nicht so. Wer sie, unter anderem im persönlichen Gespräch, erlebt, begegnet einer jugendlichen Offenheit, einer völlig unverstellten Aufrichtigkeit und liebenswürdigen Freundlichkeit. Und so spielt sie hier nur auf dem Papier als prima inter pares, die einfach aufgeht in der Musik und im harmonischen Miteinander. Mit der Instrumentenkollegin Ángela Aguareles, die zu ihren weichen, tiefen Tönen oft ein Lächeln in die Runde schickt, bildet sie einen traumhaft warmen und resonanten Gegenpol zu den Violinen von Marie Helling und Maxim Tzekov. Die beiden bilden an sich schon eine Untereinheit und halten beständig Blickkontakt, um die lyrisch-feinen Passagen stets aneinander zu binden und, bei aller Leichtigkeit, nie die Exaktheit aus den Augen bzw. Bögen zu lassen.

Die Thema-Transformationen strukturieren den Kopfsatz oft fast singend, aber es gibt auch lebhaft-zupackende Momente. Ganz anders gestaltet sich das folgende Allegro moderato, das durch hinreißende Pizzicati besticht, die mit feinem Humor ein tänzerisches Volkslied-Thema tupfen; dann wird mit quicklebendigen Triolen sowie beweglichen Auf- und Ab-Linien gespielt.

Melancholisch wird es im dritten Satz, der in seiner elegischen Herbststimmung und in sich gekehrten Nachdenklichkeit ein wenig an Puccinis „Crisantemi“ erinnert. Forsch anpackend und mit stolzer Haltung schreitet das beschließende Allegro molto dynamisch nach vorne, und mit einem freudigen Tempo gestalten die fünf Musiker die mitreißende Rhythmik des jubilierenden Finales mit seiner volkstümlichen Melodik.

Schubert in feinster Sensibilität

Hat das Glasunow-Quintett die Zwischenklatscher eines Publikums in meist ungezwungener Freizeitkleidung noch einigermaßen verkraften können, macht der Show-Nummern-Applaus viel von Schuberts zauberhafter Zartheit zunichte. Aber die phantastischen Künstler schaffen es tatsächlich, dennoch stets wieder eine feine Spannung und tiefe Innigkeit herzustellen.

Das, wie Schubert selbst sagt, „fatale Erkennen der miserablen Wirklichkeit“ gibt seinem Streichquintett, das ja dann doch in C-Dur geschrieben ist, eine schwermütige Tiefe, und so seufzt es auch traurig aus der Partitur, bei aller warmweichen und klaren Schönheit des Kopfsatzes. „Tiefer Sehnsucht heilges Bangen / Will in schönre Welten langen. / Möchte füllen dunklen Raum / Mit allmächtgem Liebestraum“, bekannte der Tonsetzer 1823 in seinem Gedicht „Mein Gebet“. Dieser „dunkle Raum“ wird aufgehellt durch ebendiese träumende Hoffnung, die aber nie mit wahrem Glück belohnt wird.

Sicher gehört der zweite Satz zum Zauberhaftesten, was Schubert jemals geschaffen hat. Und selten hat man dieses feinnervige Wunderwerk so hingebungsvoll und sensibel ausgeleuchtet gehört. Das Quintett nimmt sich viel Zeit für die langsamen Passagen, ohne aber jemals zu schleppen. Kristallin-sanft geraten die Piano-Stellen; Fermaten werden ausgehalten, solange es die hier innewohnende, feinnervig von den Mitwirkenden wahrgenommene Spannung erfordert. Es ist eine ernst-zugewandte Feinheit, mit der die Musiker die Partitur geradezu liebkosen und atmen.

Frischforsch und energisch geht es in das Scherzo, dessen tänzerische Anmut die Schwermut fast wegzuwischen scheint. Die dynamische Feinabstimmung ist makellos, und man glaubt es kaum, dass die fünf Musiker erst zwei Tage miteinander geprobt haben. Die fröhlichen Blicke und das oft hin- und herhuschende Lächeln zwischen ihnen lässt eher vermuten, dass hier eine jahrelange Ensemble-Freundschaft bestünde.

Das wird im Finalsatz mit leidenschaftlicher Hingabe fortgesetzt; trotz allen in tiefer Herzenskammer wohnenden Kummers versucht Schubert hier, das Schwere fortzutanzen, und mit leuchtendem Optimismus führt das Rondo in die trotzig-frohe Coda. „Meine Erzeugnisse sind durch den Verstand für Musik und durch meinen Schmerz vorhanden; jene, welche der Schmerz allein erzeugt hat, scheinen am wenigsten die Welt zu erfreuen“, so Schubert. Das, was schmerzlich ist in diesem Werk, bringt das Quintett in vollendeter Finesse zu einem würdigen Ausdruck. Das, was ein „dennoch!“ aussagt, heben sie ebenso angemessen in die Höhe. Der Beifall für das Ensemble ist begeistert, ja enthusiastisch – zu Recht. Ein mitreißendes, zu Herzen gehendes Konzert

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Nachsatz: Eigentlich hatte Herzog Friedrich von Schleswig-Holstein-Gottorf die Bordesholmer Klosterkirche als Grabmalskirche für sich und seine frühverstorbene Frau Anna von Brandenburg einrichten lassen. Er wurde dänischer König, heiratete erneut und zog nach Schleswig. Die wundervolle Tumba im Schiff (nein, liebe Besucher, das ist keine 500 Jahre alte Nobel-Fußbank!) korrespondiert mit dem geschnitzten Gestühl. Krönung der Inszenierung war der „Bordesholmer Altar“, ein Meisterwerk spätgotischer Schnitzkunst, der aber im 17. Jahrhundert in den Schleswiger Dom kam und von den Bordesholmern nach wie vor schmerzlich vermisst wird. Der jetzige Barockaltar mag zwar etwas kitschig wirken, aber er ist dominiert von der Taufe Christi und dem bekrönenden Engelschor – kein Kreuz, keine Hinrichtung, kein Blut. Inmitten der in den Wolken schwebenden Puttenköpfe tut sich eine Öffnung auf. Die geht ins Licht, und wer genau hinsieht und -hört, verspürt: Hier spielt die himmlische Musik!

Dr. Andreas Ströbl, 17. Juli 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Eröffnungskonzert des Schleswig-Holstein Musik Festival 2026 Musik- und Kongresshalle, Lübeck, 5. Juli 2026

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