Auf Sicht nur mit Vorsicht gefahren: Der "coronarisierte" Interimsspielpan der Hamburgischen Staatsoper enttäuscht

Auf Sicht nur mit Vorsicht gefahren: Der „coronarisierte“ Interimsspielpan der Hamburgischen Staatsoper enttäuscht

Foto: © Westermann

Aktualisierter Spielplan der Hamburgischen Staatsoper Saison 2020/21

von Dr. Holger Voigt

„Neue Wege entstehen, indem wir sie gehen.“ (Friedrich Nietzsche)

Die Urlaubszeit neigt sich dem Ende zu. Neuinfektionszahlen mit COVID19 steigen in Deutschland wieder merklich an, sei es durch Reiserückkehrer, sei es durch Disziplinlosigkeit bei der Beachtung von Maskenpflicht und Abstangsgebot. Zudem wütet die Pandemie außerhalb Deutschlands noch immer mit ihrer ersten oder gar schon zweiten Welle. Der Herbst steht vor der Tür und wird bei fallenden Außentemperaturen den Aufenthalt zunehmend in die Innenräume verlagern. Das ist dann die ideale Zeit für das Grippevirus, dem sich nun das COVID19-Virus partnerschaftlich verbunden fühlen wird. Und gerade jetzt rüstet sich die Gesellschaft für einen ‚Neubeginn’ auf allen Ebenen: Schule, Fußball, Kongresse, Kunst und Vorweihnachtsgeschäft mit den anstehenden Weihnachtsmärkten. Für Viren eine wohl überaus ermutigende Zeit, aber auch für uns?

Die Direktion der Hamburgischen Staatsoper, vertreten durch die drei Intendanzen (Staatsoper Hamburg: Georges Delnon, Hamburg Ballett: John Neumeier, Philharmonisches Staatsorchester Hamburg: GMD Kent Nagano), hat in einer Pressemitteilung vom 7. August, unterzeichnet von Dr. Michael Bellgardt (Pressesprecher der Staatsoper Hamburg), Dr. Jörn Rieckhoff (Leitung Kommunikation/PR und Dramaturgie des Hamburg Balletts John Neumeier) und Hannes Rathjen (Presse und Marketing des Philharmonischen Staatsorchester Hamburg), den aktualisierten Spielplan für die Saison 2020/21 vorgestellt. Es handelt sich um einen Interimsspielplan, der am 5. September 2020 beginnt und am 5. Dezember 2020 endet. Wer im Internet recherchiert, wird erkennen, dass der ursprüngliche Spielpan durchaus bis in das Jahr 2021 reichend konzipiert ist, doch ist diese Prolongation nicht gültiger Bestandteil des jetzt präsentierten Spielplans.

In Beachtung gesetzlicher und ordnungspolitischer sowie seuchenhygienischer Vorgaben durch die geltende Verordnung des Senates der Freien und Hansestadt Hamburg wurden Sicherheitskonzepte überprüft und in die Ablaufplanung eingebunden. Demnach wird es eine Maskenpflicht auf allen Wegen zum Sitzplatz und zurück geben. Das Publikum wird auf Abstand und in Gruppen sitzen (maximal zugelassene Sitzplatz-Zahl: rechnerisch 650, realisierbar eher weniger), Pausen werden vermutlich – so weit künstlerisch oder wegen Aufführungsdauer vertretbar – gestrichen, um eine nicht notwendige Exposition der Besucher zu vermeiden. Der gastronomische Betrieb innerhalb der Räumlichkeiten wird gesondert geregelt werden und nur unter entsprechenden Abstandsauflagen stattfinden können. Das Betreten der Toiletten wird zutrittsbegrenzt organisiert werden, was wohl Schlangenbildungen nicht ausschließen wird, die ihrerseits genauso dem Abstandsgebot unterliegen. Es wird darauf ankommen, an vielen Einzelerfahrungen weiter lernen zu können, um diese dann kontinuierlich und nutzbringend umsetzen zu können.

Meine Lieblingsoper 42: Otello von Giuseppe Verdi

Der (noch nicht freigegebene) Kartenvorverkauf beginnt am 24. August 2020 und wird abschnittsweise, d.h. in zeitlich aufeinanderfolgenden (Monats-)Schritten, durchgeführt werden. Das ist ein kluges Konzept, da es das „Zurückrudern“ erleichtert, sollte angesichts steigender Infektionszahlen der Konzertbetrieb wieder eingestellt werden müssen. So umfasst der Zeitraum zur Abwicklung von Kartenrückgaben infolge Aufführungsstop maximal den jeweiligen Vorverkaufszeitraum und führt damit zu einer organisatorischen Entlastung.

Die gegenwärtige Pandemiesituation und die ihr folgenden Auflagen an die Veranstalter führen notgedrungen zu einer erheblichen Einschränkung künstlerischer Gestaltungsmöglichkeiten. Die Grundidee der drei Intendanten war, die reale Pandemielage künstlerisch zu reflektieren, ohne künstlerische Abstriche hinnehmen zu müssen. Ob dieser Vorsatz umsetzbar sein wird, dürfte allerdings durchaus fraglich sein. Wenn man das vorgelegte Programm eingehender studiert, breitet sich Enttäuschung aus. Führt man sich die Programme anderer, führender Opernhäuser vor Augen, insbesondere auch die gegenwärtige Hochstimmung bei den Salzburger Festspielen, wird man nicht umhin kommen, das Hamburger Angebot als blutleer und dürftig einzustufen. Ein sprühender Optimismus ist nicht wahrzunehmen, auch wenn durchaus interessante Aufführungen auf dem Spielplan stehen.

Dazu gehört beispielsweise die Neuproduktion „molto agitato“ in der Inszenierung von Frank Castorf nach Kurt Weills „Die sieben Todsünden“.

Oder auch diverse Ballettaufführungen des Hamburg Balletts, wie z.B. „Matthäus-Passion“, „Tod in Venedig“ und „Ballette für Klavier und Stimme“. Auch das imposante Oper/Ballett-Hybrid „Orphée et Eurydice“ nach der Musik von Christoph Willibald Gluck steht wieder auf dem Spielplan.

John Neumeier, Intendant und Chefchoreograf des Hamburg Balletts, hat zudem die Bedrohungslage durch das Pandemievirus als kreative Herausforderung genutzt, um ein abendfüllendes Ensemble-Ballet, „Ghost Light“, zu choregrafieren, das das Abstandsgebot aufnimmt und künstlerisch weiter verarbeitet – eine bestechende schöpferische Idee in Zeiten der Beschränkung. Man darf auf diese Premiere am 6. September 2020 gespannt sein.

„Così van tutte“ an der Staatsoper Hamburg © Hans Jörg Michel

An „großen“ Opern – bei aller Vorsicht der Wortwahl – stehen eigentlich nur Wolfgang Amadeus Mozarts „Zauberflöte“ und „Così fan tutte“ auf dem Spielplan. Ob das für ein Opernhaus dieser Kategorie ausreicht? Man darf durchaus beträchtliche Zweifel anmelden.

Fazit: Insgesamt erscheint der Interimsspielpan eher mut- und kraftlos und kaum inspirierend. Aber jeder mag sich dazu ein eigenes Bild machen:

https://www.staatsoper-hamburg.de/de/spielplan/

Mir persönlich ist der vorgelegte Spielplan zu Ballett-lastig, und es fehlt zumindest ein einziges elektrisierendes „Leuchtturm“-Projekt aus der Welt der großen Oper – eine Aufführung, die auch in ihrer Besetzung Begeisterung auslösen kann, selbst wenn Einschränkungen hingenommen werden müssen. Kurzum: Eine Aufführung, die zum Stadtgespräch wird. Salzburg hat dieses mit Eleganz vorgemacht und wäre ein gutes Beispiel dafür gewesen.

Dr. Holger Voigt, 11. August 2020, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

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2 Gedanken zu „Auf Sicht nur mit Vorsicht gefahren: Der „coronarisierte“ Interimsspielpan der Hamburgischen Staatsoper enttäuscht“

  1. Eine faire und ausgewogene Einschätzung des Spielplans, der ich mich vollumfänglich anschließe.
    Guido Marquardt, Klassik begeistert-Autor

  2. Das Hamburger Publikum hätte es verdient, nach Monaten der Abstinenz mit einem umso größeren Angebot an Kulturprogramm aus der Krise geholt zu werden. Gerade die ins home office verbannten hart arbeitenden Steuerzahler hätten dringend einen kulturellen Ausgleich gebraucht.
    Der Spielplan ist absolut enttäuschend, zu wenig und einer angehenden „Musikstadt“ unwürdig. Schade.

    Sonja Kraschin

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