„…bald sind wir aber Gesang“ – eine erweiterte Rezension zu Rüdiger Safranskis Hölderlin-Biographie (Teil 1)

„…bald sind wir aber Gesang“ – eine erweiterte Rezension zu Rüdiger Safranskis Hölderlin-Biographie (Teil 1)

„Hölderlin? Hat der nicht in so einem Turm gelebt?“ Viel mehr ist im allgemeinen Bewusstsein nicht übriggeblieben von einem Dichter, der sich weder in die Klassik noch in die Romantik einordnen lässt. Sein Gedicht „Hälfte des Lebens“ kennen manche noch aus der Schule, aber das war es meist schon. Eine der Biographien, die zu seinem 250. Geburtstag erschienen sind, ist „Komm! ins Offene, Freund!“ von Rüdiger Safranski.

Warum es lohnt, sich mit diesem eigenwilligen Poeten zu beschäftigen und was für eine Rolle die Musik für ihn gespielt hat, erzählt Andreas Ströbl.

von Dr. Andreas Ströbl

Mit gelben Birnen und voll mit wilden Rosen neigt sich das Hölderlin-Jahr seinem Ende zu und diejenigen, die das Werk des vielleicht sensibelsten Dichters deutscher Zunge lieben, fragen sich mitunter, was es ihm und uns denn gebracht hat, dieses Gedenkdatum. Machen wir uns nichts vor – allein deswegen, weil der „Hölder“ heuer seinen 250. Geburtstag hatte, werden seine niemals leicht zugänglichen Werke auch 2020 nicht öfter gelesen und vor allem geschätzt. Sicher ist sein Gedicht „Hälfte des Lebens“ ein vollendetes Kleinod, in seinen Bildern aber fassbar und vor allem kurz. Daher hat es dieses melancholische Meisterstück auch in die Schulbücher geschafft. Und der ganze Rest? Der ist für den allgemeinen Bildungskanon zu hoch im schwärmerischen Ton, manch einer würde von „verstiegen“ sprechen. Vor allem aber ist Hölderlins Œuvre inhaltlich, um es mit seinen eigenen Worten zu sagen „schwer zu fassen“ und „unendlicher Deutung voll“. Das erste Zitat bezieht sich nicht auf sein Werk, sondern auf noch weniger Greifbares, doch dazu später.

Wer sich dem am ersten Tag des Frühlings 1770 in Lauffen am Neckar geborenen Johann Christian Friedrich Hölderlin nähern will, sollte dies jedenfalls angemessen feinnervig und differenziert tun. Ein Weg wäre, ihm als Freund zu begegnen und das ohnehin überstrapazierte Klischee des verrückten Dichters im Tübinger Turm nicht noch weiter zu bedienen.

Hölderlinturm Tübingen

Der Titel von Rüdiger Safranskis 2019 erschienener Hölderlin-Biographie, „Komm! ins Offene, Freund!“ aus seiner Elegie „Der Gang aufs Land“ scheint diesem freundschaftlichen Gestus zu entsprechen und das „Offene“ steht der Isolation im Turmzimmer gegenüber. Tatsächlich hat sich Safranski das auf die Fahne geschrieben, „mit aller Behutsamkeit“ (S. 13) versucht er die Annäherung.

Wer Hölderlin wirklich verstehen will, muss Rätselhaftes und Widersprüchliches aushalten können. Und am besten musikalisch sein.

Um mit dem Letzten zu beginnen: Safranski widmet der Rezeptionsgeschichte ein eigenes Kapitel. Das ist wichtig und hätte ausgiebiger sein dürfen, denn es fehlen beispielsweise Hinweise auf die literarische Rezeption durch Paul Celan, die Vielzahl von Vertonungen wie durch Brahms, Reger, Hindemith, Orff, Henze, Britten, Maderna, Kurtág, Holliger, Rihm, Nono oder Zender, um nur eine Auswahl zu nennen, sowie filmische Adaptionen.

Gerade wegen seiner schweren Fassbarkeit wurde Hölderlin politisch gerne instrumentalisiert und zwar von rechts und von links. Allerdings liegt hier schon ein zentrales Missverständnis nicht nur des Werkes, sondern auch des Menschen Friedrich Hölderlin begründet: Es geht ihm gar nicht um das Fassen des kaum Begreifbaren und um eindeutige Wahrheiten, sondern – da trifft Safranski ins Schwarze – um „das Offene“. Wer Hölderlin wirklich verstehen will, muss Rätselhaftes und Widersprüchliches aushalten können. Und am besten musikalisch sein.

Friedrich Hölderlin, Pastell von Franz Karl Hiemer, 1792

Maßgeblich zum Verständnis wesentlicher Aspekte von Hölderlins Vita und seines Denkens ist die Beleuchtung seiner familiären Herkunft, insbesondere des komplexen Verhältnisses zu seiner Mutter, von der er sich vielleicht nie ganz emanzipieren konnte, und seiner eigenen Philosophie. Die speist sich aus den Empfindungen des Kindes, gerade aus dem Reagieren des hochsensiblen zarten Geschöpfes auf die umgebende Welt, und später des Jugendlichen auf die aktuellen Strömungen der Philosophie Kants und Fichtes. Ein Verdienst von Safranskis Buch liegt in der detaillierten Betrachtung dieser, zumal der philosophischen Gesichtspunkte unter Berücksichtigung der besonderen psychischen Disposition Hölderlins und dem Austausch mit seinen Freunden.

Das sogenannte „Älteste Systemprogramm des deutschen Idealismus“, ein leidenschaftliches Plädoyer für einen neuen, freiheitlichen geistigen Aufbruch, ist offenbar ein Ergebnis des Philosophierens im engsten Freundeskreis. Es kann kaum hoch genug eingeschätzt werden, was es heißt, wenn solche Superhirne wie Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Friedrich Wilhelm Joseph Schelling und Hölderlin in der faszinierendsten WG der deutschen Geistesgeschichte Pfeife rauchend und reichlich Wein genießend in ihrer Tübinger Stiftsstube diskutierten, assoziierten und entwarfen. Safranski weist die ästhetisch-dichterischen Aspekte dieses allerdings erst 1797 niedergeschriebenen fragmentarischen Manuskripts Hölderlin zu. Im selben Jahr schrieb dieser an Johann Gottfried Ebel in Paris: „Ich glaube an eine Revolution der Gesinnungen und Vorstellungsarten, die alles bisherige schamrot machen wird“, was die Sinnfälligkeit dieser Zuschreibung abrundet. Hölderlins kurzer Text „Urteil und Sein“ aus dem Jahre 1795 ist im übrigen philosophisch weitaus programmatischer als das Fragment von 1797 und offensichtlich eine Auseinandersetzung mit den Thesen Fichtes.

Weniger philosophisch zugänglich scheint die Frage nach dem Hölderlin’schen „göttlichen Feuer“, die zu beantworten sich Safranski in seinem Buch anschickt. Seine Conclusio und knappe Charakteristik des Menschen und Dichters sind, er sei „ein Priester der Poesie“ (S. 307) gewesen. Hier spannt sich vom Anfang bis zum Ende also eine Klammer des Sakralen oder vielmehr der sehnenden Suche nach dem Göttlichen und dem brennenden Drang, dem eigenen Tun einen übergeordneten, ja geheiligten Sinn zu geben. Das hebt sich weit über die frömmelnd-moralisierenden Begriffe der schwäbischen „Ehrbarkeit“, zu der die Familie gehörte, wie Safranski plastisch ausbreitet. In der Tat zieht, eher zerrt sich das gebrochene Verhältnis Hölderlins zum pietistisch geprägten Gottesbild, das seine Sozialisation vom Wertekanon der Mutter bis in die akademische Ausbildung dominierte, durch sein ganzes Sein.

Dr. Andreas Ströbl, 26. Dezember 2020, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Andreas Ströbl, Kulturwissenschaftler, Archäologe, Musikliebhaber und Verehrer Hölderlins: Seit meiner Studienzeit ist Hölderlin mein Lieblingsdichter; ich hatte das Glück, ihn zweimal auf der Bühne darstellen zu dürfen und bin ihm und seinen Texten dadurch sehr nahegekommen. Mich fasziniert, in seinen oft rätselhaften Wendungen immer wieder neue Geheimnisse zu entdecken, die auch solche bleiben dürfen. Nicht jedes Bild lässt sich deuten und das ist auch gut so.

Hölderlin ist unter die Räder gekommen; eine unsensible und geradezu brutale Psychiatrie in den Kinderschuhen hat ihn kränker gemacht als er war. Mit heutigen Therapieformen wäre ein völlig anderer Krankheitsverlauf, eventuell mit Heilungschancen, möglich gewesen.

Ich würde mich freuen, wenn das Jubiläumsjahr nicht nur ein bloßes Gedenkjahr für den „verrückten Dichter“ bliebe. Vor Jahrzehnten hat jemand an den Tübinger Hölderlinturm ein mittlerweile berühmtes Graffito gesprüht: „Der Hölderlin isch et veruckt gwä“.

Ob und in welcher Weise er verrückt war, ist für mich zweitranging. Hölderlin hat was zu sagen. Und das liegt zeitlos jenseits jeglicher Stereotypen.

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