Carl-Philipp-Emanuel-Bach-Chor Hamburg in der Laeiszhalle: So bringt man das Brahms Requiem zum Klingen!

Foto: Carl-Philipp-Emanuel-Bach-Chor ©

Es grenzt an ein Wunder, nach einem Weinberg-Quintett und einem Schütz-Gesang noch Kraft für das Brahms-Requiem zu haben. Davon ließ sich weder die Musik noch das Publikum beeindrucken: Nach über zweieinhalb Stunden war der Beifall sehr groß.

Carl-Philipp-Emanuel-Bach-Chor Hamburg
Bremer Philharmoniker
Hansjörg Albrecht, Leitung

Valentina Farcas, Sopran
Christian Gerhaher, Bariton
Elisaveta Blumina, Klavier

Werke von Heinrich Schütz, Mieczysław Weinberg und Johannes Brahms

 

Laeiszhalle Hamburg, 19. November 2022

von Johannes Karl Fischer

„Herr, lehre doch mich“, mit diesen Worten zündet Christian Gerhaher das musikalische Pulverfass des Abends in der Laeiszhalle. Dieser Bariton haut einen völlig vom Hocker: Kaum ist sein allmächtiger Klagemonolog zu Ende, schallt eine hochbegeisterte Energie durch den leider nicht komplett gefüllten Saal. Das waren Klänge so umschlingend, mitreißend, wie man sie sich von Profi-Orchestern mit Profi-Chören stets gerne wünschen würde…

Christian Gerhaher, © Wigmore Hall

Eine ganze Stunde Spannung, eine kurze Stunde Sog ohne Ende. Auch die Bremer Philharmoniker drehten selbst nach einem höchst anspruchsvollen Weinberg-Werk noch einmal richtig auf und komplettierten mit tönenden Pauken und Trompeten deutlich den begeisternden Klang. Plötzlich hat auch das Deutsche Requiem einen Stellenwert in meinen Brahms-Rankings.

Am zweiten Laeiszhallen-Abend in Folge (siehe Bericht vom 18. November 2022) war eine Einspringer-Sopranistin am Werk in der ehemaligen Musikhalle: Ihre äußerst knappe Rolle meisterte Valentina Farcas mit rundem und ergreifendem Sopran. Nach nicht einmal zehn Minuten durfte sie die Partitur schon wieder zuklappen, aber was waren das für acht denkwürdige Minuten himmlischen Gesangs! Sie will uns trösten, versetzt dabei das Publikum mit hinreißenden Melodien in Tränen, als würde sie selbst den lieben Gott um Erbarmung anflehen. Insgesamt zwei Ausnahme-SolistInnen am Werk, da wäre zweifelsfrei auch der Komponist und Namensgeber des Laeiszhallen-Vorplatzes begeistert gewesen. „Carl-Philipp-Emanuel-Bach-Chor Hamburg, Bremer Philharmoniker, Hansjörg Albrecht
Laeiszhalle Hamburg, 19. November 2022“
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Dona nobis pacem, gib uns Frieden: Meisterhafte Missa Solemnis verzaubert in der Laeiszhalle

Copyright: Symphonischer Chor Hamburg und Flensburger Bach-Chor am
18. November 2022 in der Laeiszhalle, Hamburg, © Simon Redel

In der Laeiszhalle wird eine ganz außergewöhnlich beginnende Messe in 70 Minuten zu einem Meisterwerk der höchsten Tonkunst. Solch ergreifender Gesang spielt die tiefsten aller Emotionen an, versetzt ein jedes Herz in Tränen.

Ludwig van Beethoven, Missa Solemnis

Symphonischer Chor Hamburg
Flensburger Bach-Chor
Sønderjyllands Symfoniorkester

Matthias Janz, Dirigent

Hanna Zumsande  Sopran
Lena Belkina  Mezzosopran
Ilker Arcayürek  Tenor
Martin Summer  Bass

Laeiszhalle Hamburg, 18. November 2022

von Johannes Karl Fischer

Alle Ohren sind spitz auf eine Stimme, wenn Lena Belkinas Gesang den Saal beherrscht. Agnus Dei, das unschuldige Lamm Gottes, das seine Schlachtung erblickt, fleht um Hilfe. Wie die Millionen von Kriegsflüchtlingen, die in diesen Augenblicken hilflos hungernd um die halbe Welt ziehen.

Der ergreifende Gesang der Ukrainerin spielt die tiefsten aller Emotionen wider, versetzt ein jedes Herz in Tränen. Warum singen, warum Musik machen? Weil kein Text, kein Bild dieser Erde die Seele so bewegt wie die herzzerreißenden Klänge dieser Mezzosopranistin.  „Ludwig van Beethoven, Missa Solemnis, Symphonischer Chor Hamburg, Flensburger Bach-Chor, Sønderjyllands Symfoniorkester
Laeiszhalle Hamburg, 18. November 2022“
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Man fühlt sich wie in einer anderen Welt: Strauss und Brahms in der Laeiszhalle

Was war das für ein Wörthersee-Feeling in der Brahms-Stadt an der Elbe! Jacek Kaspszyk gelingt ein musikalisches Brahms-Wunder, Sarah Wegener verzaubert mit den Vier letzten Liedern von Richard Strauss.

Symphoniker Hamburg
Jacek Kaspszyk, Dirigent
Sarah Wegener, Sopran

Werke von Johannes Brahms und Richard Strauss

Laeiszhalle Hamburg, 9. Oktober 2022

von Johannes Karl Fischer

Vor genau vier Wochen bestieg ich den Brahms-Weg in Pörtschach am Wörthersee. Eine kleine Ortschaft unweit von Klagenfurt, in der mein Namensvetter eine Handvoll Werke von Weltruf schuf. Freilich auch die 2. Sinfonie, mit Melodien ebenso malerisch wie die Kärntner Voralpenlandschaft. Heute mal in der Laeiszhalle, einen Katzensprung von Brahms’ Geburtshaus – das leider nicht mehr steht – entfernt. „Werke von Johannes Brahms und Richard Strauss, Symphoniker Hamburg, Jacek Kaspszyk, Dirigent
Laeiszhalle Hamburg, 9. Oktober 2022“
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Utopia in der Laeiszhalle: Grandios – phantastisch – überirdisch - utopisch

Foto: Teodor Currentzis © Astrid Ackermann

Laeiszhalle, Hamburg, 5. Oktober 2022

UTOPIA
TEODOR CURRENTZIS, Dirigent

Igor Strawinsky (1882–1971)
L’oiseau de feu (Der Feuervogel) / Konzertsuite (1911/1945)
Maurice Ravel (1875–1937)
Daphnis et Chloé / Konzertsuite Nr. 2 (1913).
Maurice Ravel
La valse / Poème chorégraphique für Orchester (1919)

In den folgenden Zeilen nehme ich Sie mit auf einen außergewöhnlichen Konzertabend in die wunderschöne, geliebte Laeiszhalle. Mein Wunsch, endlich wieder ein erstklassiges Ensemble mit einem phantastischen Dirigenten in diesem schönen Konzertsaal zu erleben, sollte sich erfüllen. Endlich ist es soweit: Ich darf bei einem der ersten Konzerte von UTOPIA anwesend sein.

von Iris Röckrath

Auf dem Programm stehen drei der raffiniertesten Orchesterwerke des frühen 20. Jahrhunderts, entstanden allesamt für die legendäre Ballett-Compagnie »Ballets Russes« in Paris.

Nach dem vierten Läuten sitzen alle Zuhörenden gespannt auf ihren Plätzen. Die MusikerInnen nehmen bei ihrem Auftritt den herzlichen Applaus entgegen. Die GeigerInnen und BratschistInnen stehen vorn am Bühnenrand (wie bei MusicAeterna). Die Instrumente werden kurz gestimmt – und dann tritt er auf: Teodor Currentzis, der Gründer dieses neu ins Leben gerufenen Orchesters bestehend aus 100 Musikern aus 30 Nationen auf der Suche nach dem „perfekten Klang“.

„UTOPIA, Dirigent TEODOR CURRENTZIS
Laeiszhalle, Hamburg, 5. Oktober 2022“
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Martha Argerich: Die Klaviergöttin zaubert im Herzen Hamburgs

Laeizhalle Hamburg, 29. Juni 2022

Symphoniker Hamburg

Sirba Octet

Martha Argerich Klavier

Polina Leschenko Klavier

Dirigent Ricardo Castro

Sirba Octet

»Tanzt!«

Francis Poulenc
Konzert für zwei Klaviere und Orchester d-Moll FP 61

Piotr I. Tschaikowsky
Fantasie-Ouvertüre h-Moll »Romeo und Julia«

Veranstalter: Symphoniker Hamburg

Mit Unterstützung der Hans-Otto und Engelke Schümann Stiftung

von Andreas Schmidt in kurzen Worten

Wie unfassbar schön erklang mit allen Seelen- und Sinnesbreiten dieser Abend mit der Klaviergöttin Martha Argerich.

Martha Argerich (* 5. Juni 1941 in Buenos Aires) ist eine argentinisch-schweizerische[1] Pianistin.

Die wunderbare Pianistin Polina Leschenko war ihr eine zweite Göttin.

Nach dem Konzert fragten sich viele Hamburger, wie man mit 81 Jahren noch so sehr Seele, Herz und Hände vereinen kann.

Verehrte Martha, Sie waren eine Zauberin.

Das war MAGIE.

Herzlichen Dank auch an den wunderbaren Daniel Kühnel, dem so genialen, spirituellen Intendanten der Symphoniker Hamburg. Ohne ihn wäre dieser Abend nicht gegangen.

https://de.wikipedia.org/wiki/Daniel_Kühnel

Andreas Schmidt, 29. Juni 2022, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Martha Argerich Festival 20. – 29. Juni 2022, Hamburg Laeiszhalle Hamburg, 25. Juni 2022 (Kleiner Saal)

Martha Argerich Festival 20. – 29. Juni 2022, Hamburg Laeiszhalle Hamburg, 25. Juni 2022 (Kleiner Saal)

Martha Argerich und Akane Sakai präsentieren das Konzert „World Music“ in der Hamburger Laeiszhalle

Martha Argerich und Rachel Fenlon, Foto: Dr. Holger Voigt

Was fehlte, war ein verbindender „roter Faden“, eine Art Orientierungsspur für die Zuhörer durch das Programm, das zudem auch noch einen Abfolgewechsel beinhaltete, der Teile des Publikums eher verwirrte. So entstand der Eindruck von Beliebigkeit, der einem Konzeptkonzert (in Analogie zum Begriff eines „Konzeptalbums“) die emotionale Konzentration entziehen kann.

Laeiszhalle Hamburg, 25. Juni 2022 (Kleiner Saal)

Martha Argerich Festival 20. – 29. Juni 2022, Hamburg

von Dr. Holger Voigt

Dass die begnadete argentinisch-schweizerische Pianistin Martha Argerich, mit inzwischen 81 Jahren noch immer mit fulminanter Bühnenpräsenz in Erscheinung tretend, weltumfassend Musik zu zelebrieren versteht, ist hinreichend bekannt. Im nunmehr vierten Martha-Argerich-Festival in der Hamburger Laeiszhalle, Residenz der Symphoniker Hamburg, stand der heutige Abend unter dem konzeptiven Motto „World Music“, das der Namensgeberin des Festivals geradezu in die DNA geschrieben zu sein scheint. Familiär und international sind kennzeichnende Attribute dieser hochkarätigen Konzertabende, an denen, wie alle Besucher erwarteten, Großartiges passieren kann. Dieser Abend gehörte indes leider nicht dazu – doch warum?

Der zwiespältige Eindruck des Konzertabends wurde ganz wesentlich durch die Auswahl der einzelnen Programmanteile und deren fehlender innerer Verknüpfung geprägt. Natürlich sind bei einem derart global aufzufassenden Konzertmotto nur Auszüge aus unbegrenzter Vielfalt möglich. Sie würden allein schon für sich genommen und breit diversifiziert ein eigenes Festival begründen können. Gleichwohl waren die Einzelbeiträge von hoher Qualität und, wenn man ihnen im Detail nachgeht, musikhistorisch hochinteressant. Doch was fehlte, war ein verbindender „roter Faden“, eine Art Orientierungsspur für die Zuhörer durch das Programm, das zudem auch noch einen Abfolgewechsel beinhaltete, der Teile des Publikums eher verwirrte. So entstand der Eindruck von Beliebigkeit, der einem Konzeptkonzert (in Analogie zum Begriff eines „Konzeptalbums“) die emotionale Konzentration entziehen kann.

„Martha Argerich Festival 20. – 29. Juni 2022, Hamburg
Laeiszhalle Hamburg, 25. Juni 2022 (Kleiner Saal)“
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Wagners Ring des Nibelungen an einem Abend bringt die Laeiszhalle Hamburg zum Kochen

Ensemble beim Schlussapplaus; Foto Patrik Klein

Laeiszhalle Hamburg, 29. Mai 2022

Jan Josef Liefers erzählt Loriots Geschichte vor begeistertem Publikum – und ein umjubelter Sänger empfiehlt sich für die Bayreuther Festspiele.

von Patrik Klein

Als der letzte Ton am apotheotischen Ende der Götterdämmerung verklungen war, die Rheintöchter ihren Ring wieder zurück erhielten, bis auf Alberich alle Götter verschwunden waren, nur noch Menschen, Wasser, Feuer und die Erde zurück blieben, trat ein kurzer Moment der Stille im gut besetzten Saal der Laeiszhalle in Hamburg ein. Dann jedoch standen wie auf Kommando alle ZuhörerInnen auf und ließen ihren Emotionen mit Bravostürmen und Applaus freien Lauf. Das hatte man so schon lange nicht mehr in diesem Konzerthaus erlebt.

Wer kennt ihn nicht, den in vier Werke aufgeteilten rund 16 Stunden langen Ring des Nibelungen von Richard Wagner?

Dieses monströse, monumentale Werk aus dem 19. Jahrhundert, in dem der Librettist und  Meisterkomponist die Unvereinbarkeit von Macht und Liebe im „Das Rheingold“, „Die Walküre“, „Siegfried“ und „Götterdämmerung“ zelebriert und dabei Unterwelt, Menschen und Götter um die Macht auf Erden streiten lässt, die konzentriert ist auf einen goldenen Ring.

Neben der mittelalterlichen Nibelungensage diente ihm die nordische Mythensammlung „Edda“ als Grundlage, jedoch mit stark veränderten Charakteren und Motiven.

1848 begann er mit den Arbeiten an der Dichtung, die er 1853 vollendete. Doch die Musik beschäftigte Wagner ungleich länger. Es dauerte bis zum 21. November 1874, bis Wagner auf die letzte Seite der Partitur die erlösende Notiz schrieb: „Vollendet in Wahnfried; ich sage nichts weiter!! R.W.“ „Wagner/Loriot: Der Ring an einem Abend,
Laeiszhalle Hamburg, 29. Mai 2022“
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Beethoven in der "Musikhalle Hamburg": Jeder Mensch hat nur dieses eine Leben

Ich höre marschierende Freiwillige, die für ihre Freiheit, Unabhängigkeit kämpfen, wie heute wieder in Europa. Muss das „große“ Menschsein wieder mit Blutvergießen und Tod von Individuen erkämpft  werden? Jeder Mensch hat nur dieses eine Leben.

Laeiszhalle, Hamburg, 10. Mai 2022

Ludwig van Beethoven – Missa Solemnis

Johanna Doderer – Pinus (Erstaufführung)

Carl-Philipp-Emanuel-Bach-Chor Hamburg, Foto ©

Berliner Symphoniker

Hansjörg Albrecht, Dirigent

Sopran: Valentina Farcas
Mezzosopran: Laila Salome Fischer
Tenor: Jussi Myllys
Bass: Tareq Nazmi

von Elżbieta Rydz

An diesem Abend werden in Beethovens Missa Solemnis unverkennbar die Merkmale seines eigenen leidenschaftlichen Ausdruckswillens hörbar. Groß in der Geste, elementar und monumental zugleich, entwickelt sich ein flammendes Pathos.

Als junger rheinischer Rebell nach  Wien zugezogen, mit dem Freimut eines Jakobiners verkehrte Beethoven in den Salons seiner aristokratischen Freunde als Gleicher unter Gleichen. Was für ein Unterschied zur Ärmlichkeit des elterlichen Hauses, wo der trinkende Vater der Mutter Beethovens und seinen sechs Geschwistern viel zu viel Kummer bereitete.

In Beethovens Schaffen entwickelte sich die Musik immer bewusster zur gesellschaftlichen Funktion, die Sinfonie zum Appell und der Konzertsaal zum Tribunal. Er selbst schrieb 24-jährig an den befreundeten Verleger Simrock: „Wer würde in unseren demokratischen Zeiten noch so eine Sprache annehmen.“

Die Missa ist die Krönung im Ringen um neue gewaltige Inhalte, um die gültige Gestaltung großer an die Menschheit appellierender Ideen, auch um neue Schreibweise und Schaffensmethoden. So bildet die stark vergrößerte, bereicherte und dramatisierte Gestalt der Missa den krönenden Abschluss in Beethovens Leben.

Versteht man Beethoven als Ideenmusiker, Dichter und Denker in Tönen, der Themen und Motive immer wieder neu formuliert, so entwickelt sich die persönliche Empfindung an diesem Abend zum Tongemälde, in dem seine Idee vom Landleben, vom Verhältnis des Menschen zur Natur, der Idee vom Kampf  mit dem Schicksal, der Idee von allgemeiner Freude und Menschenverbrüderung hörbar werden. Um es mit Beethovens Worten auszudrücken: „So höre und sehe ich das Bild in seiner ganzen Ausdehnung.“

Direkt nach dem Kyrie setzen der Chor und das Orchester zum Gloria an: in atemberaubendem Tempo, immerwährend und weiterziehend, schon fast zu dominierend die Berliner Symphoniker, der souveräne Chor lässt sich nicht aus dem Konzept bringen.

Mutig die Einbindung der „Pinus“-Uraufführung der Wienerin Johanna Doderer nach dem Gloria. Wachstum, Bewegung, pulsierendes Leben, der Prozess der Menschwerdung, friedliche Klanggemälde in einleuchtenden Harmonien. Für mich ist das Scherzo-Pinus, im Auftrag des Dirigenten Hansjörg Albrecht geschrieben (das gesamte Orchesterstück „The Trees“: forest, pinus, the crown, light) auch unverkennbar eine Parallele zu Beethovens unruhigen politisch revolutionären Zeiten. Ich höre marschierende Freiwillige, die für ihre Freiheit, Unabhängigkeit kämpfen, wie heute wieder in Europa. Muss das „große“ Menschsein wieder mit Blutvergießen und Tod von Individuen erkämpft  werden?

Jeder Mensch hat nur dieses eine Leben.

Ich bin gespannt und freue mich sehr darauf, das gesamte Stück „The Trees“ künftig zu hören.

Wenn ich einen Wunsch für meine Begeisterung offen hätte: Die Solisten sind in jeder einzelnen Stimme und Partie sehr gut, dennoch entsteht an diesem Abend nicht die gewünschte Struktur in den Passagen. Die Sopranistin Valentina Farcas nimmt die schwierigsten Intervallsprünge scheinbar mühelos, die hohen Einstiegstöne sind sicher, kristallklar und selbstbewusst platziert, eine Verbundenheit zwischen Kopf und Bruststimme scheint ihr wie ihre Bühnenpräsenz in die Wiege gelegt worden zu sein.

Nichtsdestotrotz – es mag an der brillant platzierten Sopranistin oder an meinem Sitzplatz liegen:  durch das sehr starke Vibrato werden die anderen Solostimmen übertönt. In solchen Fällen denke ich mit einem verschmitzten Lächeln und ganz unprätentiös: Die alte Laeiszhalle ist schon durchaus eine Diva.

Elżbieta Rydz, 12. Mai 2022, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Ludwig van Beethoven, Missa Solemnis, Großer Saal der Laeiszhalle Hamburg, 10. Mai 2022

Ludwig van Beethoven, Missa Solemnis, Großer Saal der Laeiszhalle Hamburg, 10. Mai 2022

 

Der Herr gebe es!

So ist den Connaisseuren im Publikum zu danken, die das ganze, einfach schöne Konzert ohne einen Mucks begleiten, so hin- und hinwegreißend dirigiert von Hansjörg Albrecht, der tatsächlich manches Mal in die Knie geht, wieder nach oben schnellt, um sich dann doch etwas erschöpft an die Reling seines Pultes zu lehnen, was seinem Dirigat keinen Abbruch tut, auch wenn es einen Hauch von rhythmischer Sportgymnastik hat – aber wer Bernstein sah in München mit Gershwin, verzeiht einfach alles, selbst wenn es keiner Verzeihung bedarf.

Laeiszhalle, Hamburg, 10. Mai 2022

Ludwig van Beethoven – Missa Solemnis

Johanna Doderer – Pinus (Erstaufführung)

Carl-Philipp-Emanuel-Bach-Chor Hamburg, Foto ©

Berliner Symphoniker

Hansjörg Albrecht, Dirigent

Sopran: Valentina Farcas

Mezzosopran: Laila Salome Fischer

Tenor: Jussi Myllys

Bass: Tareq Nazmi

 

von Harald Nicolas Stazol

„Dona nobis Pacem – Herr gib uns Frieden“ – so schimmert wohl unser aller Hoffnung in Beethovens „Missa Solemnis'“ letztem Satz auf, nachdem er vorher strahlt wie nur in der Neunten, die durchaus Ähnlichkeiten und Allusionen hat, und nun in der Laeiszhalle blendet wie ebenso der Carl-Philipp-Emanuel-Bach-Chor Hamburg, begleitet von den leuchtenden Berliner Symphonikern, dirigiert von einem Brillanten, gefasst von vier gleißenden Solisten, von denen noch zu berichten sein wird.

Ludwig van hielt die Missa für sein Bestes, und so sei sie aller Hörerschaft empfohlen, auch wenn doch eine gewisse Liebhaberschaft zum größten Sohne Bonns durchaus hilfreich sein wird, was man vielleicht daran erkennt, dass der Saal doch recht spärlich besetzt ist – doch sagte nicht schon François Truffaut „Mir ist ein volles Kino einerlei, wenn nur ein Kenner unter ihnen ist, n’est-ce pas?“ – und an diesem Abend mag man ihm recht geben. Legt sich doch ein ganz feingesponnener Ludwig van über uns alle, selbst, wenn der Beginn im Gloria noch der formal am meisten durchgehaltene zweite Satz ist, nach einem Kyrie, das, wie LvB wohl intendierte, schon als Intro hinweg- und hineinreißt.

„Ludwig van Beethoven – Missa Solemnis, Johanna Doderer – Pinus (Erstaufführung), Carl-Philipp-Emanuel-Bach-Chor Hamburg Berliner Symphoniker Hansjörg Albrecht, Dirigent
Laeiszhalle, 10. Mai 2022“
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„Geist und Schöpfung“ – Beethoven und Doderer bewegen in der Hamburger Laeiszhalle

Die Beethoven-Missa entstand aus dem Impetus, das Heilige sinnlich erfahrbar zu machen. Das ist den Mitwirkenden in der Laeiszhalle in der Tat gelungen. Zumindest für die, die Ohren hatten zu hören.

Foto: Carl-Philipp-Emanuel-Bach-Chor Hamburg (c)

Großer Saal der Laeiszhalle Hamburg, 10. Mai 2022

Ludwig van Beethoven – Missa Solemnis
Johanna Doderer – Pinus (Erstaufführung)

Carl-Philipp-Emanuel-Bach-Chor Hamburg
Berliner Symphoniker
Hansjörg Albrecht, Dirigent

Sopran: Valentina Farcas
Mezzosopran: Laila Salome Fischer
Tenor: Jussi Myllys
Bass: Tareq Nazmi

von Dr. Andreas Ströbl

Das „Gegenwärtigmachen des Heiligen“ ist nach dem Ägyptologen Jan Assmann das Grundmotiv jeglichen Kultus. In seinem vielbeachteten Buch „Kult und Kunst – Beethovens Missa Solemnis als Gottesdienst“ (https://klassik-begeistert.de/buchrezension-jan-assmann-kult-und-kunst-beethovens-missa-solemnis-als-gottesdienst/) versucht er nichts Geringeres als eine „Tunnelbohrung“ durch einen 2000 Jahre alten Kulturberg, um die Initiation des Christentums am leeren Grab Christi in Jerusalem mit dem Wien Beethovens zu verbinden.

Ist es möglich, um einen Schritt weiter zu gehen, im protestantischen Hamburg des Jahres 2022, dieses so entschieden katholische Werk an einem weltlichen Aufführungsort tatsächlich als klingendes Heiligtum zu begreifen?

Nun, man kann auch in einem Festgottesdienst in der Hamburger Hauptkirche St. Michaelis, dem „Michel“, oder dem Wiener Stephansdom sitzen und die ganze Handlung mit Wort und Musik als bloße Sinneswahrnehmung empfinden. Es liegt also im Auge und vor allem Ohr des Rezipienten, und wer Ohren hatte zu hören, durfte am 10. Mai im Großen Saal der Hamburger Laeiszhalle tatsächlich eine der wichtigsten Sakralkompositionen in vollendeter Darbietung erleben. „Ludwig van Beethoven, Missa Solemnis,
Großer Saal der Laeiszhalle Hamburg, 10. Mai 2022“
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