Stefan Mickisch © Wiener Konzerthaus
Wohl kaum jemand hatte die Werke Richard Wagners und anderer großer Meister stärker durchdrungen und konnte sie geistreicher, humorvoller und pianistisch famoser darstellen als Stefan Mickisch. Der aus dem oberpfälzischen Schwandorf stammende Pianist war mit seinen Werkeinführungen über viele Jahre hinweg der heimliche Star des grünen Hügels. Mit abstrusen Äußerungen zur Corona-Politik wurde jedoch er bei den stets „anständig und gerecht Denkenden“ zum Feindbild. Nicht wenige teils durchaus prominente Weggefährten sahen sich bemüßigt, sich vom einstigen Publikumsliebling öffentlichkeitswirksam zu distanzieren – wissend, dass hier jemand ganz offensichtlich in einer Ausnahmesituation war, an ihr litt und wohl auch psychisch nicht mehr ganz gesund war. Das öffentliche Eintreten auf den gleichsam am Boden liegenden Mickisch endete in dessen Tod, genauer im Suizid. So berichten es ernstzunehmende Quellen. Je öfter – nun zum dritten Male – sich der Tod Mickischs jährt, umso abstoßender wirken die Geschehnisse vor und auch nach seinem Tod. Eine Erinnerung an einen großen Künstler und an jene „Anständigen“, die meinten, sich durch herabsetzendes „Haltungzeigen“ als besonders wertvolle Menschen aufspielen zu sollen.
von Willi Patzelt
28. Juni 2006, Bayreuth. Es ist Festspielzeit. Stefan Mickisch hält am Vormittag einen Einführungsvortrag über Wagners Tristan. Nach einer knappen halben Stunde spricht er über den Liebestrank und das Ende des ersten Aufzugs: „Der Liebestrank ist letztlich eine Chiffre dafür, dass man mit Selbstmord – wie auch Schopenhauer sagt – nicht weiterkommt.“ Probleme, die sich vor dem Tode nicht gelöst hätten, würden sich auch danach nicht mehr lösen lassen. „Eine sehr weise Einsicht vom Schopenhauer – er rät vom Selbstmord ab. Ich kann das nur unterstützen!“ Mickisch lacht herzlich und der ganze Saal mit ihm. Wie so oft in seinen Einführungen.
Heute klingt diese Passage – nachzuhören auf CD – nicht mehr lustig, vielmehr schaurig. Wie konnte es so weit kommen? „Zum dritten Todestag von Stefan Mickisch: Sein Werk lebt weiter – und hoffentlich auch die Scham mancher allzu Anständigen
klassik-begeistert.de, 17. Februar 2024“ weiterlesen

