Entdeckungen voller Kreativität und Eigenwilligkeit: der junge Schostakowitsch

Dmitri Schostakowitsch, Akademiekonzert mit Vladimir Jurowski,   Bayerische Staatsoper, 07. November 2021

Foto: Vladimir Jurowski © Simon Pauly

In einem Interview hat Jurowski die Abkürzung GMD neu interpretiert: (als) Geburtshelfer (der) Musik (zu) dienen.

Bayerische Staatsoper, München, 7. November 2021

2. Akademiekonzert des Bayerischen Staatsorchesters

von Frank Heublein

Eine Sonntagsmatinee in der Bayerischen Staatsoper in München. Gespielt werden Kompositionen des jungen Dmitri Schostakowitsch, die er zwischen 1924 und 1929 kreiert hat. Orchesterleiter Vladimir Jurowski stellt dieses Akademiekonzert bewusst in den Zusammenhang mit der davor aufgeführten Oper Die Nase (Nos) vom selben Komponisten. Das Konzert gibt einen spannenden Einblick in die große Schaffensvielfalt des jungen sich entwickelnden Komponisten. Wie Jurowski im Laufe des Konzerts bemerkt, sind fast alle Stücke des Programms Münchner Erstaufführungen.

Frech soll der junge Schostakowitsch gewesen sein, bietet er doch seinem Lehrer im Konservatorium und arrivierten Komponisten Alexander Glasunow die Stirn, der ihm die falschen Harmonien aus den Werken streichen will. Er möge sie belassen, es seien seine, Schostakowitsch eigene Fehler, wird er zitiert.

Barbara Malisch, eine der Vorstände der Freunde des Nationaltheaters begrüßt die Zuschauer und Zuschauerinnen. Dieses Konzert wird vom Verein gesponsert und ermöglicht dadurch günstigeren Zutritt. Sie sieht darin ein Zeichen der Demokratisierung. Damit liegen der Verein und das neue Führungsteam der Bayerischen Staatsoper auf einer Linie. Die Musikform „Oper“ soll breiteren Bevölkerungsschichten zugänglich gemacht werden. Vorweg: mit diesem launigen doch nicht seichten Programm gelingt es ganz famos.

Vladimir Jurowski füllt zwei Rollen aus. Zum einen ist er Dirigent, zum anderen Conférencier, der durch das Programm führt und über die Stücke informiert. Mich wickelt er mit seinem Wissen, seinem Enthusiasmus ein. In einem Interview hat Jurowski die Abkürzung GMD neu interpretiert: (als) Geburtshelfer (der) Musik (zu) dienen. Diesen Anspruch erfüllt er für mich nicht nur in seinem Dirigat, sondern auch in seinen Einführungen, die Lust auf die Musik wecken und mir das Ohr aufschließen.

Das Streichoktett op. 11 wird in der Fassung für Kammerorchester aufgeführt. Im ersten Intro werde ich von Jurowskis Informationen gepolt, denn etwa ein Drittel der Werke Schostakowitsch sind Filmmusiken. Auch verdiente er sich Geld als Stummfilmpianist. In diesen beiden ersten Stücken habe ich filmische Assoziationen. Beim Präludium sehe ich Liebende, die sich suchen. Das Scherzo ist dramatisch, aggressiv drängend, wie in der Nase ans Atonale schrammend, konfliktbeladen.

Es folgen Transkriptionen für Blasorchester op. 17 zweier Scarlatti Sonaten. Die erste habe ich im Ohr, es ist eine meiner Lieblingssonaten Scarlattis, Sonate Kk. 9. Sie ergreift mein Herz auch in dieser Fassung. Die kontemplative Sehnsucht des Originals – auf Cembalo oder Klavier – wird durch die Bläser heller, entspannter, froher. Das Capriccio hört sich an, als wäre ich auf der Auer Dult – eine Kirmes und ein Jahrmarkt in München. Insbesondere die Posaune sorgt für vergnügte beschwingte Schwingung in mir.

Das Scherzo für Orchester op. 7 stellt Conférencier Jurowski als Vorstudie sowohl für die erste Symphonie als auch für die Filmmusik des „neuen Babylon“ vor. In der Kürze von etwa drei Minuten seien so viel Intensität und Vielschichtigkeit enthalten. Er selbst stellt dabei seine Kompetenz als Conférencier unter den Scheffel – „das spricht sehr für den Komponisten, nicht so sehr für den Conférencier“. Jurowski kann beides! Er überbrückt nicht nur charmant die Umbauphase des Orchesters, sondern macht mich einmal mehr neugierig, öffnet meinen Erfahrungsraum.

Beschwingt setzt das Orchester ein, übergibt kurz ans Klavier. Es folgt ein ruhigerer Dialog zwischen Klarinette und Klavier, der als Dialog übergeben wird zu Flöte und Orchester. Daraus entwickelt sich ein langsames Crescendo, das wieder abschwillt, um mit einem überraschenden knackigen Wumms! zu enden. Insgesamt erhält sich in diesem dritten Opus des Konzerts meine helle freudige Stimmung.

Zur Schauspielmusik für „Die Wanze“ gibt Jurowski eine Anekdote zum besten. Autor Majakowski ist groß, aber schüchtern, was zuweilen als arrogant missinterpretiert werden kann. Schostakowitsch ist dagegen klein und kurzsichtig. Die beiden treffen sich, um die Schauspielmusik zu besprechen. Majakowski reicht zur Begrüßung nicht die ganze Hand, sondern nur zwei Finger. Schostakowitsch beäugt diese ob seiner Kurzsichtigkeit genau und streckt dem Autor einen Finger entgegen. Das Publikum lacht, und das scheint auch der Autor getan zu haben.

Inhaltlich führt Jurowski aus, dass in den 1920er Jahren in der Sowjetunion ob der schlechten Wirtschaftslage wieder privates Unternehmertum zugelassen wurde und dies auch spießige, vulgäre, kulturlose aber reiche Personen hervorbrachte. Einer dieser Subjekte wird eingefroren, eine Wanze hat er mitgenommen in den Kälteschlaf. In ferner Zukunft – 1979! – wird er aufgetaut. Alles ist superrein, supergesund, supersozialistisch. Für das Subjekt findet sich folgende „Nutzung“: In getrennten Kästen wird er als auch die Wanze ausgestellt im Zoo. Der Humor des Stücks blieb unverstanden und war daher ein Misserfolg.

Aus der Musik werden fünf Teile vorgestellt. Das Auge hört hier mit. Die musikalische Besetzung enthält für mich drei selten im Orchester gesichtete Saxhörner: Sousaphon, Baryton und Althorn. Auch ein Flexaton – eine singende Säge ist mit von der Partie.

Der erste Marsch ist Feuerwerksorchestermusik, so nannte das der Autor dem Komponisten. Sie klingt entspannt humorig. Das Intermezzo, die neue Realität darstellend wirkt auf mich sehr ironisch. Erzeugt werden die bewusst schrägen Jazzklänge – Ende der 1920er ist das insbesondere melodischer Dixie – am auffälligsten durch Posaune und singende Säge. „Das Feuer“ ist ein durch Streicher musikalisch geformtes Chaos. Ich bekomme dabei Assoziationen zur Musik der Nase.

In der „Szene auf dem Boulevard“ spielt Schostakowitsch mit dem Hörer. Denn die Klänge laden zum Mitschwingen ein. In jedem Augenblick, wo ich das tun möchte, bricht die Komposition den Schwung. Der Triumphmarsch wird wieder durch die Bläser und das Schlagzeug organisiert. Verglichen mit dem anfänglichen Marsch ist das ein rassiger und sehr reiner Marsch. So clean und steril wie die dargestellte zukünftige Welt.

Auch zum letzten Stück vor der Pause gibt es eine Anekdote. Dirigent Malko, der den Tahiti-Trott uraufgeführt hat, soll 100 Rubel Wettgeld an Schostakowitsch verloren haben. Der Dirigent spielte dem Komponisten das brandneue Stück Tea for Two auf Grammophon vor und wettete, dass Schostakowitsch es nicht schaffe, in einer Stunde ein Orchesterarrangement des Gehörten zu komponieren. Nach 45 Minuten hatte er die Wette verloren.

Der berühmte Sound „Tea for Two“ wird erstmals durch Harfe und Glockenspiel hörbar, dann folgen Xylophon und Celesta, Trompeten und Posaunen mit Dämpfer und die Bläser. Faszinierend, welche Breite des Orchesters Schostakowitsch in Anspruch nimmt. Wie elegant die Streicher diese Vielzahl an besonderen Klänge zusammenhalten. Mit dieser genialen Fingerübung, die Schostakowitschs Entdeckerfreude eines auch auf Instrumente bezogenen neuen Orchesterklangs höchst unterhaltsam hervorhebt, werde ich in die Pause entlassen.

Zum Stummfilm „Das neue Babylon“ bekam er in 1929 den Auftrag. Es ist die erste originale Stummfilmkomposition in der Sowjetunion. Zuvor war es Usus, vorgefertigte Musikschnipsel über den Film zu legen, die den Stimmungen wie etwa Krieg oder Liebe entsprachen. Das lehnte Schostakowitsch ab. So hatte er Beschimpfungen zu erleiden, denn als Stummfilmpianist hat er stattdessen eigene Improvisationen gespielt, die das Publikum häufiger als nicht angemessen empfand.

Diese Filmmusik schrieb Schostakowitsch innerhalb von zwei Wochen. Doch für die Filmorchester war die Komposition zu schwer, man warf ihm vor, „Unprofessionelles und Unspielbares“ produziert zu haben. Es wird ihn gewurmt haben, dass daraufhin die ihm verhassten Musikschnipsel eingesetzt wurden.

Vladimir Jurowski hat den Stummfilm zweimal dirigiert. Der gesamte Film war für das heutige Konzert zu lang. Deshalb haben sich die Macher entschieden, über sechs der acht Filmakte, oder wie sie hier heißen Filmrollen, passende Standbilder aus dem Film zur Musik zu präsentieren. Das klappt prächtig als Stimmungsverstärker. Atemlos gebannt versinke ich mich in der Musik. Ich kann mir in diesem Augenblick nicht vorstellen, wie der komplette Film mich noch tiefer ins Geschehen hätte hinein ziehen können.

Der Film beginnt als komödienhafte Operette. Ausgelassen. Jacques Offenbach wird musikalisch zitiert. Dann wird die Stimmung dunkler, die Commune in Paris begehrt gegen die Bourgeoisie auf. Geschickt verknüpft der Film den politischen Konflikt mit zwei einzelnen Personen, die sich ineinander verlieben aber den unterschiedlichen Seiten stehen. Soldat Jean gehorcht der Bourgeoisie, Louise unterstützt die Kommunarden.

Die vierte Filmrolle ist ein emotionaler Bungeesprung. Hoffnung, Liebe, militärische Niederlage der Franzosen gegen die Preußen, das Entsetzen der Kommunarden ob der Entscheidung der Soldaten, der Bourgeoisie zu gehorchen. Der erste Kuss zwischen Louise und Jean ist gleichzeitig einer zum Abschied. In meinem Kopf beginnen sich durch die Musik die Standbilder auszuprägen zu einer erlebten Geschichte.

Eindrücklicher Höhepunkt in der sechsten Filmrolle ist das Klaviersolo. Sophie Pacini spielt das „Alte französische Lied“ von Tschaikowsky. Im Film ein Kommunarde der spielt und durch einen Scharfschützen niedergestreckt wird. So abrupt endet das Klaviersolo und geht über in wuchtigen vollbesetzten Orchesterklang, der die kämpferische Niederlage der Kommunarden gegen die Soldaten der Bourgeoisie illustriert.

Die letzte, die achte Filmrolle ist mit Tod überschrieben. Jean muss Louise ihr Grab ausheben und sie miterschießen! Entsetzen, Schmerz, Verzweiflung, Resignation. Das höre ich nur und doch läuft in mir die komplexe dramatische Geschichte ab. Die Bilder hinter dem Orchester zeigen Jean und Louise in strömenden Regen und verstärken meine filmische innere Vorstellung.

Es wäre kein sowjetisch politisch korrekter Film, wenn das Ende nicht den Sieg des Proletariats in Aussicht stellen würde. Zum auf im Bild auf die Wand gemalten „vive la commune“ erklingt die Internationale, die abrupt mit unaufgelösten Akkord das Stück beendet, als sei dieses Ende nur ein vorläufiges.

Ich bin mit dem Rest des Publikums einen spürbar langen Atemzugmoment völlig gebannt. Dann werden das Orchester und Vladimir Jurowski stürmisch bejubelt und beklatscht für diese eindrucksvolle Matinee.

Dieses Programm, dieser Schostakowitsch fordert permanente Spannung bei den Musikern. Jurowski und das Bayerische Staatsorchester sind wach, alert, aufmerksam, hochkonzentriert und lösen diesen Spannungsanspruch grandios ein. Das ist das verbindende Element zur Oper Die Nase. Auch bei ihr erfahre ich diese permanente orchestrale Hochspannung. Ein großer Genuss, eine tolle neue Erfahrung. Ich bin sehr beeindruckt von der Kreativität und Eigenwilligkeit des jungen Schostakowitsch. Macht mir Lust auf mehr.

Frank Heublein, 7. November 2021, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Programm

Dmitri D. Schostakowitsch (1906-1975)

Zwei Stücke (Präludium und Scherzo für Streichoktett op.11 in der Fassung für Kammerorchester

  1. Präludium d-moll. Adagio
  2. Scherzo g-moll. Allegro molto – moderato – Allegro

Zwei Scarlatti Stücke für Blasorchester op. 17

  1. Pastorale. Allegro non tanto
  2. Capriccio. Presto

Scherzo Es-Dur für Orchester op. 7

Allegro

Die Wanze. Schauspielmusik zu Wladimir Majakowskis „Märchenhafter Komödie“ in fünf Akten und 10 Bildern op. 19

  1. Marsch. Tempo die marcia
  2. Intermezzo. Allegretto
  3. Das Feuer. Vivo
  4. Szene auf dem Boulevard. Allegretto moderato
  5. Schlussmarsch. Giocoso

Tahiti-Trott (Tea for two) für Orchester op. 16 (Transkription des Songs Tea for Two aus dem Musical No, No, Nanette von Vincent Youmans)

Aus der Musik zum Stummfilm Das neue Babylon op. 18 (mit Projektion von Standbildern aus den Filmszenen)

  1. Reel (Filmrolle): Ausverkauf

Allegro non troppo – Allegro – Andantino – Allegro – Andantino – Allegro – Andante

  1. Reel: Hals über Kopf

Allegro moderato – Andantino – Allegro vivo

  1. Reel: 18. März 1871

Andante – Allegro – Allegro – Andante – Più mosso – Allegro – Molto meno mosso – Allegretto – [Andante semplice] – Adagio

  1. Reel: Versailles gegen Paris

Allegretto – Allegro – Andante – Allegro moderato

  1. Reel: Die Barrikade

Adagio – Allegro moderato – Allegretto – Allegro con brio – Andante semplice – Allegro con brio

  1. Reel: Tod

Largo – Allegro appassionato

Besetzung

Musikalische Leitung Vladimir Jurowski
Solistin Sophie Pacini
Bayerisches Staatsorchester

Dmitri Schostakowitsch, Die Nase (Nos), Bayerische Staatsoper, 2. November 2021

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