Ein Fahrstuhl der Gefühle: Liebeslieder aus der Renaissance erklingen im Bayerischen Nationalmuseum

Ensemble Phoenix Munich,  Bayerisches Nationalmuseum, 17. November 2019

Foto: von links: Domen Marinčič, Colin Balzer, Ryosuke Sakamoto, Joel Frederiksen

Bayerisches Nationalmuseum München, Mars-Venus-Saal
17. November 2019

Colin Balzer Tenor
Ryosuke Sakamoto Laute, Gamba
Domen Marinčič Viola da Gamba
Joel Frederiksen Bass, Laute & Leitung

von Frank Heublein

Dies ist die dreizehnte Spielzeit, in dem das Ensemble Phoenix Munich den Mars-Venus-Saal im Münchner Bayerischen Nationalmuseum bespielt. Ein wunderbares Detail dieser Konzertreihe ist die intime Nähe zu den Künstlern (darunter Stars der Szene wie Dame Emma Kirkby). Unermüdlich hat der Leiter des Ensembles Joel Fredriksen neue Ideen. Eine seiner Ideen ist eine längerfristige: die Gesamteinspielung der fünf „Bookes of Ayres“ von Thomas Campion (1567-1620). Hier und heute wird das dritte dieser fünf Bücher aufgeführt.

Thomas Campion ist ein Zeitgenosse von Elisabeth I., Shakespeare und des bekannteren Komponistenkollegen und Lautenspielers John Dowland. Campion beschreibt Joel Frederiksen in der Einführung als „Renaissance Man“, als einen Mann mit vielen Talenten. Er studiert Rechtswissenschaften, bleibt ohne Abschluss, studiert dann mit 35 erfolgreich Medizin. Und stets dichtet er, komponiert er, musiziert er.

Bei der Zählung seiner „Bookes of Ayres“ ist Vorsicht geboten, denn die als zweites und drittes um 1612 erschienenen Bücher nennt der Komponist das erste und zweite. An diesem Tag werden alle 21 Lieder des vom Komponisten genannten zweiten „Booke of Ayres“ dargeboten.

An diesem Nachmittag wird für mich klar, was da in mir klingelt, wenn ich Thomas Campion interpretiert vom Ensemble Phoenix Munich höre: spürbar echte unmittelbar direkt umgesetzte Emotion in Musik. Im Vorwort schreibt Campion “These weekday works, in order that succeed, Your youth best fits“ (frei übersetzt: Dies sind Alltagswerke, die sich bestens zur Stärkung ihrer Jugend eignen). Seine Gedichte sind mal zart, mal schlüpfrig (oh ja!), mal traurig schön, mal sehnsüchtig zehrend (hier kann man sie nachlesen, wenn man dem Shakespeare‘schen Englisch mächtig ist).

Die Aufführungsidee des heutigen Nachmittags ist einfach: Alle 21 Lieder werden in der abgedruckten Reihenfolge aufgeführt. Wie eine gute Platte heute entwickelt auch das „Second Booke of Ayres“ in mir einen Flow, die Stücke passen, richtig! Genau so müssen sie nacheinander kommen. Im Fahrstuhl der Gefühle sind enthalten: Schmachten, Ärger, Wut, Liebe, Sehnsucht, Leidenschaft, Trauer, Traurig-Sein, Glück, Vorfreude. All das vermitteln mir vier grandiose Musiker!

Mein erstes Highlight ist Nummer 3 „Harden now thy tyred heart“ (Stähle jetzt dein müdes Herz). Bassgambe Domen Marinčič und Bassstimme Joel Frederiksen trauern der untreuen Verflossenen nach. Beide musikalische Stimmen – und ich mit ihnen – fürchten, die Welt (der Gefühle) bleibt auf immer dunkel. Aus diesem gefühlten dunklen Kellerloch werde ich durch den kraftvoll konzentrierten Tenor Colin Balzers bei Nummer 4 „O what unhop’t for sweet supply“ (O was für ein unverhofftes süßes Vergnügen) sofort wieder empor geführt.

In Nummer 6 höre ich die reine Sehnsucht, Angst vor Zurückweisung, der Traum vom erfolgreichen Werben. Die letzte Gedichtzeile lautet „As they are wise they will be caught“ (Sind sie – die Frauen – klug, werden sie sich einfangen lassen). So unmittelbar fühle ich mich angesprochen, spontan denke ich: Eine würde ja schon reichen. In Nummer 8 „O dear! that I with thee might live“ (O Liebster! Wenn ich doch nur mit dir leben könnte) verschmelzen Tenor Colin Balzer und Bass Joel Fredriksens zu einer brillanten Einheit und besingen die so nahe doch unerfüllte Liebe.

In Nummer 11 „Sweet, exclude me not, nor be divided“ (Süße, schließe mich nicht aus und wende dich nicht ab) wird es sehr keck liebestoll drängend, was Tenor Colin Balzer stimmlich differenziert und toll punktiert meistert und eine Vorstellung in mir entstehen lässt, was nach den letzten beiden Gedichtzeilen passieren wird: Then grace me yet a little more: / Here’s the way, bar not the door. (Dann gönn mir doch ein wenig mehr / Hier geht es lang, verriegle nicht die Tür). Der erste Teil schließt mit Nummer 12 „The peacefull western wind“ (Der friedliche westliche Wind). Alle vier Musiker lassen die die zerbrechliche Ehrlichkeit nichterfüllter Sehnsucht in mir entstehen.

Nach der Pause leide ich mit Tenor Colin Balzer bei Nummer 14 „Pined I am and like to die“ (Ich leide Qualen und will sterben) dem inneren Kampf des Herzens, das die Zügel des Verstands abwerfen will. In Nummer 16 „Though your strangeness frets my heart“ (Obwohl deine Reserviertheit mein Herz quält) wechselt auf der Bühne die Stimme in den Bass, doch mitleiden kann ich auch mit Joel Frederiksen gut, der „Refrain“ lautet hier „Is this fair excusing? O, no! all is abusing! (Ist das ein faire Ausrede? O nein! Es ist Missbrauch!).

Stimmungsmäßig geht es aufwärts mit Tenor Colin Balzer in Nummer 17 “Come away, armed with love’s delights! (Komm mit mir, bewehrt mit Liebefreuden) heiter nach oben, wenn er zart verlangend den nahenden Moment der Erfüllung besingt. Und Joel Frederiksen bringt meinen emotionalen Fahrstuhl dann wieder tief abwärts ins Eifersuchts-Hass-Loch, wenn er dunkel griesgämig in Nummer 18 „Come, you pretty false-eyed wanton“ (Komm, Du schöne falschäugige Dirne) die Frau verteufelt, die den Dichtenden wie eine heiße Kartoffel fallen gelassen hat. Und am Ende nicht anders kann als der Liebe nachzusehnen. Was ich eindrucksvoll gut in seiner Stimme heraushöre.

Vier Musiker, die hochkonzentriert miteinander spielen und musikalisch aufeinander achten. Bravourös. Nach 21 Liedern ist der Applaus des vollbesetzten Saals stark und anhaltend. Als Zugabe spielen die vier Musiker aus dem allerersten „A Booke of Ayres“ die Nummer 11 „Fair, if you expect admiring“ (Es ist fair, wenn Du Bewunderung erwartest).

Für mich schließt sich mit dieser Zugabe ein größerer Kreis. Ich habe in dreizehn Jahren nur zwei Termine der Mars-Venus-Serie verpasst. Timothy Lee Evans war einer der Tenorsänger, der das Ensemble Phoenix Munich und „Zwischen Mars und Venus“ von Anfang an essenziell mitgeprägt hat. Ich habe ihn viele Male auf der Bühne erlebt, so auch bei der Aufführung des allerersten „A booke of Ayres“ von Thomas Campion am 07.10.2010. Sein Gesang hat mich stets innerlich angestrahlt. Er verstarb plötzlich und unerwartet Anfang September dieses Jahres. Timothy Lee Evans hat das heutige Konzert für mich zu einem ganz besonderen gemacht. Denn die Erinnerung an ihn, seine Stimme, insbesondere im erwähnten Konzert in 2010, hat mich den heutigen Nachmittag noch viel intensiver erleben lassen.

Frank Heublein, 19. November, für
klassik-begeistert.de

Ein Gedanke zu „Ensemble Phoenix Munich,
Bayerisches Nationalmuseum, 17. November 2019“

  1. Vielen Dank, Herr Heublein, für den einfühlsamen und kenntnisreichen Konzertbericht. Wer im Konzert war, wird ihn mit Interesse lesen und alle anderen werden traurig sein, nicht dabei gewesen zu sein.
    Viele Grüße, Ulrike Keil

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