Unsitten in der Laeiszhalle: Das Publikum kommt und geht, hustet und schnauft

Florian Heinisch, Klavier,  Laeiszhalle Hamburg, Kleiner Saal

Foto: http://www.florianheinisch.com

275 Jahre Klaviermusikgeschichte an einem Abend

Laeiszhalle Hamburg, Kleiner Saal, 8. Juni 2018
Florian Heinisch, Klavier

von Leonie Bünsch

Rund 275 Jahre Klaviermusikgeschichte wurden am Freitagabend im Kleinen Saal der Laeiszhalle zum Besten gegeben. Florian Heinisch, einer der wichtigsten Nachwuchspianisten Deutschlands, führt durch den Abend und nimmt die Hörer mit auf eine zeitgeschichtliche Reise durch die Klaviermusik vom 18. Jahrhundert bis in die Gegenwart.

Heinisch machte sich im vergangenen Jahr einen Namen durch „Das ungespielte Konzert“, das dem Pianisten Karlrobert Kreiten gewidmet war, der 1943 auf dem Weg zur Konzertbühne durch die Gestapo verhaftet und hingerichtet worden war. Der 28-Jährige konzipiert gerne Konzertprogramme, bei denen er barocke und romantische Musik der Neuen Musik gegenüberstellt. „Musik ist etwas, was verbindet, etwas Gesellschaftliches, eine emotionale Angelegenheit“, sagt er.

Den Abend beginnt er mit Bachs Wohltemperiertem Klavier. Mit geschlossenen Augen spielt Heinisch Präludium und Fuge in H-Dur, hin und wieder sieht man seine Augenlider flattern, als würde er träumen. Der barocke Einstieg in den Konzertabend wirkt wie eine Aufwärmübung des Künstlers, um sich auf das folgende Programm vorzubereiten.

Es folgt die Sonate für Klavier Sz. 80 von Béla Bartók. Das 1926 geschriebene Stück stellt eine Herausforderung dar – für Pianisten und Zuhörer. Bartók bleibt in seiner Tonsprache zwar tonal, die Dissonanzen aber machen es schwer, bekannte harmonische Muster herauszuhören. Er nutzt das Klavier wie ein Perkussionsinstrument, so dass insbesondere der 1. Satz stark an Bartóks Holzgeschnitzten Prinzen erinnert. Das gibt dem Stück etwas Mechanisches, was Heinisch – nun hochkonzentriert – durch Anschlag und Akzentuierungen unterstreicht. Beim virtuosen Finale des letzten Satzes reißt es den Pianisten selbst vom Stuhl – das Publikum ist beeindruckt.

Der Kleine Saal der Laeiszhalle, der etwa zur Hälfte gefüllt ist, erinnert zwischendurch an eine Bahnhofshalle – es ist ein Kommen und Gehen, es wird gehustet und geschnauft. Die Unruhe bringt den Nachwuchskünstler sichtlich aus dem Konzept. Klatschen zwischen den Sätzen versucht er durch Gesten zu unterbinden (was nicht alle Konzertbesucher verstanden zu haben scheinen), und vor jedem neuen Stück, jeder neuen Herausforderung legt er eine ganz kurze Konzentrationsphase ein, während der er über die Tücken des jeweiligen Programmpunktes zu meditieren scheint.

Nach dem mechanischen Bartók folgt ein Stück von Sidney Corbett, das uns in die Gegenwart führt. Der amerikanische Komponist, der unter anderem bei György Ligeti in Hamburg studiert hat, komponierte Postscript (to an unsent letter)2015 und widmete es dem Pianisten, der es 2017 einspielte: Florian Heinisch. Die sphärische, clusterartige Komposition ermöglicht es Heinisch zu beweisen, dass er auch gefühlvoll spielen kann. So schafft er es mit den ersten drei Programmpunkten Bach – Bartók – Corbett nicht nur, eine zeitliche Bandbreite zu schaffen, sondern auch, stilistische Abwechslung miteinzubringen.

Kurz vor der Pause nutzt Heinisch die Möglichkeit noch einmal sein vielseitiges Können unter Beweis zu stellen: Brahms ‘Variationen über ein Thema von Robert Schumann bieten ein dynamisches Spektrum, ruhige, fast bis zum Stillstand komponierte Passagen wie auch virtuose, technisch höchst anspruchsvolle – kurz: ein ideales Showpiece für einen Nachwuchskünstler. Leider fällt immer wieder auf, dass Heinisch zwar die technische Seite zweifelsfrei beherrscht, die gefühlvolle dabei jedoch untergeht. Das viel genutzte Pedal (vielleicht sein Mittel des Gefühlsausdrucks?) verzerrt die Konturen und vermischt Klangflächen, was bei Corbett angebracht, bei Brahms jedoch fehl am Platze scheint. Gerade bei den Variationen, die so viel emotionales Potential bieten, geht Heinisch kaum über die von Brahms vorgegebene Ausdrucksvielfalt hinaus – es fehlt die persönliche Note.

Der zweite Teil des Klavierabends beginnt mit Ligetis Etüde Nr. 13 „L’escalier du diable“, die stilistisch wieder zu Bartók zurückführt. Polyrhythmische Elemente und ein Tonumfang, der die gesamte Klaviatur in Anspruch nimmt, verlangen Heinisch höchste Konzentration ab. Immer wieder sind Schnauf- und Zischlaute aus seinem Munde zu hören.

Anschließend wird der Zuhörer wieder gut 150 Jahre zurückversetzt mit Franz Schuberts Impromptus op. 90. Auch hier zeigt sich das musikalische Talent und die technische Fertigkeit, die aus Heinisch einen so begabten Pianisten machen. Doch erneut fehlt es an emotionalem Ausdruck. Gerade der 2. Satz, der durch seine perlenden Triolen so bekannt wurde, wird von Heinisch mit hohem Tempo, aber ohne die nötige Leichtigkeit gespielt, die diesen Satz auszeichnet.

Diese Beobachtung setzt sich beim letzten Programmpunkt fort: Liszts Rhapsodie espagnole gilt wegen der hohen technischen Ansprüche für die meisten gestandenen Pianisten als große Herausforderung. Dieser stellt sich Heinisch und kann nun endgültig beweisen, dass er ein Ausnahmetalent ist, der mit Sicherheit das Potential zu einem großen Künstler hat. Und während in der zweiten Reihe des Saals leise getuschelt wird – „So einen Klavierabend kann man sich auch nur einmal im Jahr anhören“ , ist der Rest des Publikums begeistert und belohnt den jungen Heinisch mit kräftigem Applaus, den er sich redlich verdient hat. Als Dankeschön schenkt er dem Publikum noch eine Zugabe: Ein Lied ohne Worte von Felix Mendelssohn-Bartholdy rundet diesen Abend der musikalischen Zeitreise ab und schlägt einen schönen Bogen zurück zu Mendelssohns Idol Johann Sebastian Bach.

Leonie Bünsch, 10. Juni 2018,
für klassik-begeistert.de

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