Händel-Festspiele Halle 2018: Großer Melodienreichtum und gesegnete, herrliche Arien

Georg Friedrich Händel, Berenice, Regina d’Egitto, Parnasso in festa,  Händel-Festspiele Halle 2018

Foto: Lautten Compagney Berlin © Ida Zenna
Händel-Festspiele Halle 2018
Die Opern
Georg Friedrich Händel, Berenice, Regina d’Egitto;
Parnasso in festa

von Andrea Bauer

„Berenice, Regina d’Egitto“ fehlte noch. Mit dem wenig bekannten Musikdrama um die ägyptische Königin, die aus politischen Gründen den Prinzen Alessandro heiraten soll, aber Demetrio, den Geliebten ihrer Schwester begehrt, haben die Händel-Festspiele Halle im Laufe ihrer Geschichte nunmehr alle 42 Opern Georg-Friedrich Händels aufgeführt.

Die vor allem in musikalischer Hinsicht bestechende Produktion der Oper Halle unter der Leitung von Jörg Halubek fördert ein Werk zutage, das seit der Londoner Uraufführung 1737 und im Zuge einer schwierigen Entstehungsgeschichte gewaltig unterschätzt wurde. Enorme finanzielle Schwierigkeiten und ein Konkurrenzdruck mit der rivalisierenden „Opera of the Nobility“ hatten Händel damals zu schaffen gemacht. Bei alledem konnte er selbst die Premiere nicht dirigieren, weil ihn ein Schlaganfall zu einer Kur nach Aachen zwang.

In Halle entdeckt man von großem Melodienreichtum gesegnete herrliche Arien, die denen in anderen bekannteren Händelopern in nichts nachstehen. In einer der schönsten stellt Händel seiner Heldin eine Barockoboe zur Seite. In diesem Moment tritt die Sopranistin Romelia Lichtenstein ganz nach vorn an den Graben, direkt neben den trefflichen Musiker, der sich für dieses zärtliche Duett von seinem Stuhl erhebt und auswendig spielt.

Die bulgarische Sängerin verfügt über eine große, warme Stimme, die nur gelegentlich etwas wackelt, wenn das Vibrato zu groß wird. Das begeisterte Publikum hört darüber aber gerne hinweg, feiert die zum festen Ensemble des Hauses zählende Sängerin für das intime, subtile Dialogisieren mit großem Szenenbeifall.

Auch die übrigen Partien hätten sich kaum besser besetzen lassen. Bravourös meistern Samuel Mariño (Alessandro) und Filippo Mineccia (Demetrio), zwei schlanke, große Countertenöre der Extraklasse, inmitten von Liebesfrust und Intrigen hoch virtuose Koloraturen, und da, wo die Musik lyrisch und schwermütig wird, tönt ihr Gesang anrührend inniglich.

Eine Wucht auch Franziska Gottwald mit ihrem sinnlich-schönen, großen Mezzo, die in der Hosenrolle des Arsace zum Spielball von Berenices Intrigen wird.

Jochen Biganzolis Regie überzeugt dagegen nur bedingt. Er erzählt das Stück sehr heutig mit Figuren, die, allesamt mit Smartphones ausgestattet, permanent Selfies von sich machen, sich damit in den sozialen Netzwerken präsentieren, twittern und appen. Unentwegt flimmert es auf Großleinwänden im Hintergrund (Video: Konrad Kästner), innerhalb von Sekunden stapeln sich Fotomotive und Facebook-Einträge neben- und übereinander und überfordern das Auge des Betrachters. Für ein paar Minuten würde man das vielleicht ertragen, aber Biganzoli strapaziert diese Idee zu stark, nahezu bis zur Pause hält die mediale Reizüberflutung, die von der Musik nur unnötig ablenkt, an.

Einen schönen Blickfang bilden zumindest aber die barocken von Katharina Weissenborn entworfenen Kostüme, nur versteht man nicht, warum Svitlana Slyvia als Berenices Schwester Selene mit hässlichen Tätowierungen an Armen und Beinen die unvorteilhafte Erscheinung einer Punkfrau zugemutet wurde.

Musiziert wird unter der Leitung von Jörg Halubek engagiert, stilsicher und mit Verve. Schon toll, wie weit es das Händelfestspielorchester gebracht hat, das sich weitgehend aus Musikern des hauseigenen Orchesters rekrutiert und sich klanglich kaum von erstklassigen Spezialensembles unterscheidet.

Parnasso in festa

Eine schiere Augenweide bot die entzückende Produktion der Lautten Compagney Berlin im nahe gelegenen bezaubernden kleinen Goethe-Theater in Bad Lauchstädt. Zur Premiere kam hier die Händel-Serenata „Parnasso in festa“, in der Händel Musik aus anderen Werken, größtenteils aus seinem Oratorium „Athalia“, in einen neuen musikalischen Zusammenhang gesetzt hat. Dieses Pasticcio, wie ein solches Werk auch genannt wird, begründet seinen Reiz gleichwohl aus Besonderheiten: Es ist gespickt mit viel, viel Chormusik und höchst virtuosen, koloraturenreichen Arien, von denen eine immer noch lieblicher, schöner, zärtlicher oder auch aufwühlender erscheint als die nächste.

Seine Uraufführung erlebte dieses kaum bekannte Werk 1734 in London einen Tag vor der Hochzeit der ältesten Tochter des britischen Königs Georg II., Prinzessin Anne, mit Prinz Wilhelm IV. von Oranien.

Eine richtige Handlung gibt es nicht, anlässlich der Hochzeitsfeierlichkeiten eines mythologischen Paares versammeln sich auf dem Parnass nur zahlreiche Götter, Halbgötter, Nymphen, Faune und Hirten, die der Liebe huldigen und über sie reflektieren und an die Tragödie von Orpheus und Eurydike erinnern.

Die belgische, auf historische Gestik spezialisierte Regisseurin Sigrid T’Hooft, eine gefeierte Expertin barocker Bühnenkunst, bietet mit ihrer ansprechenden Ästhetik einen Gegenpol zum modernen Regietheater. Hier versammelt sie ihr Arsenal vor einem pittoresken Himmelprospekt mit Gassen von weißen Wolken (Ausstattung: Niels Badenhop).

Den schönsten Blickfang bilden denkbar prächtigste Kostüme in herrlichsten Farben und Stoffen, mit weiten Reifröcken und opulentem Federkopfputz. In glänzendem Gold erstrahlt allen voran Apoll wie ein Sonnengott.

Die historische Gestik wirkt sehr plastisch und auf die Emotionen und Texte wie abgezirkelt. Ein nach oben gestreckter Zeigefinger verweist auf den Himmel, der Schmerz findet Ausdruck in gefalteten Händen, die erhobene oder zur Seite weisende Hand mit gestrecktem Zeige- und Mittelfinger symbolisiert die Tugend. Eine Tänzerin und ein Tänzer, Nicolle Klinkeberg und Martin Prescha, unterstützen diese Ästhetik mit entsprechend anmutigen und grazilen Bewegungen.

Gesungen und musiziert wird unter der Leitung Wolfgang Katschners aufs Trefflichste, stellvertretend für hervorgehoben seien Hanna Herfurtner mit ihrem besonders liebreizenden, glockenhellen Sopran, und der mit einem kristallinen Timbre aufwartende Countertenor Riccardo Angelo Strano als Apollo.

Ein bisschen schade nur, dass es diese entzückende, auch beim Publikum stark nachgefragte Produktion nur drei Aufführungen erlebte. Angesichts all der Pracht und Schönheit regt sich Lust, sie gleich noch zwei, drei Mal anzusehen.

Andrea Bauer, 29. Mai 2018, für
klassik-begeistert.de

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