"Nabucco" in Hamburg: Nadja Karyazina verleiht der Verdi-Oper mit einer Nebenrolle Glanz

Giuseppe Verdi, Nabucco,  Staatsoper Hamburg, 19. September 2019

Viele Beobachter ahnen seit längerem: Wenn die Staatsoper Hamburg dieser Ausnahmesängerin nicht einen guten, langfristigen Vertrag mit angemessener Dotierung, Freiheiten und schönen Hauptrollen gibt, wird sie an der Dammtorstraße nicht zu halten sein – so sehr sie HH liebt. Georges Delnon und Kent Nagano haben diese Personalie hoffentlich im Blick. Sollte es eng werden, empfehlen sich Anrufe bei den drei Hamburger Milliardären, die das Haus auch freundlich unterstützen.

Fotos: © Brinkhoff/Mögenburg
Staatsoper Hamburg
, 19. September 2019
Giuseppe Verdi, Nabucco (8. Vorstellung seit der Premiere am 10. März 2019)

von Andreas Schmidt

Es gibt Opernabende, die werden erst nach einer gewissen Anlaufzeit so richtig gut. Sie brauchen ein Schlüsselmoment. Danach ist alles anders.

Der erste Einsatz der russischen Mezzosopranistin Nadezhda Karyazina im ersten Akt der Verdi-Oper Nabucco war so ein Schlüsselmoment. Bis dahin war alles ordentlich bis gut. Orchester, Chor, Solisten. Doch als das Ensemblemitglied der Staatsoper Hamburg das erste Mal in ihrem Leben – vor ausverkauftem Hause (1690 Plätze) – die Partie der Fenena zu singen anfängt, ist zu spüren, was der Unterschied zwischen gut, sehr gut … und außerordentlich, beseelt, hingabevoll ist.

© Kartal Karagedik

Diese Stimme hat das gewisse Extra, die besondere Note, Leidenschaft, Ausdruck, Wärme, Rundung, Fülle – wäre Karyazinas Stimme ein schöner Rotwein, dann hätte er eine rubinrote Farbe und ein Bouquet mit Himbeernote.

Wäre Karyazinas Stimme eine Farbe, dann wäre sie bernsteinfarben, geerdet, funkelnd.

Der Einsatz der mit dem renommierten Bariton Simon Schnorr verheirateten „Nadja“ Karyazina war der turning point an diesem Abend. Vielen Zuschauern war sofort klar: Diese Sängerin macht den Unterschied aus.

Nadezhda Karyazina war die Inkarnation an vokaler Hingabe und Spielfreude – auch wenn Fenena nur eine Nebenrolle ist. Wenn die Russin in der tieferen Lage sang, dann war das Gänsehaut pur, das war so schön Erda-erdig, voll und mütterlich-fraulich. Im mittleren Register sang die 33-Jährige cremig-schaurig-schön und im High-End-Bereich schließlich mit Devotion und epochaler Strahlkraft.

Nadja Karyazina (c) / facebook

Und wer die bodenständige Sängerin mit dem Fem-Faktor schon öfter gehört hat, der weiß, dass sie in den folgenden Aufführungen noch besser und befreiter singen wird. So wie auch im Februar 2019 als Carmen in George Bizets gleichnamiger Oper in HH.

https://klassik-begeistert.de/georges-bizet-carmen-staatsoper-hamburg-14-februar-valentinstag-2019/

https://klassik-begeistert.de/georges-bizet-carmen-nadezhda-karyazina-staatsoper-hamburg/

Viele Beobachter ahnen seit längerem: Wenn die Staatsoper Hamburg dieser Ausnahmesängerin nicht einen guten, langfristigen Vertrag mit angemessener Dotierung, Freiheiten und schönen Hauptrollen gibt, wird sie an der Dammtorstraße nicht zu halten sein – so sehr sie HH liebt. Georges Delnon und Kent Nagano haben diese Personalie hoffentlich im Blick. Sollte es eng werden, empfehlen sich Anrufe bei den drei Hamburger Milliardären, die das Haus auch freundlich unterstützen.

© Westermann, Staatsoper Hamburg

Zweiter Glanzpunkt an diesem Abend waren die Zwischenspiele auf Arabisch von Hana Alkourbah (Gesang) und und Abed Harsony (Gesang und Oud). Diese Darbietung ging so richtig unter die Haut. Mit soooooooo viel Gefühl und soooo viel Hingabe. Danke, Danke Danke!

Liebe Hana, lieber Abed: allein Ihr Auftritt war den Eintritt dreifach wert!!! Ihre Energie, Ihre Hingabe und Ihre Demut berühren. Ich komme am Sonntag wieder!

Schade nur, dass sich auffällig viele Herrschaften jenseits der 65 stur weigerten, bei diesen famosen Künstlern aus einer scheinbar anderen Welt zu klatschen. Und steinern und verdrießlich dreinblickten… Hallo…was fühlt Ihr? Was denkt Ihr? Was verstört Euch? Was bewegt Euch? Was geht in euch vor, wenn Ihr diese Stimmen hört und dieses Instrument? Was lässt Euch verstummen, wenn diese Menschen in der Staatsoper Hamburg Ihre Seele entblößen?

Dem Genie Giuseppe Verdi hätte diese Darbietung sicherlich gefallen. Nicht aber das permanente Gesabbel einer unterbelichteten Dame um die 65 in Reihe 9, links, Platz 7, die höfliche Aufforderungen von anderen Gästen mit dem Satz quittierte: „Ich rede soviel ich will.“

Und Bravo, dass der russchische Regisseur Kiril Serebrennikov diese unfassbar aufrüttelnden Bilder von Menschen auf der Flucht, vom Krieg, vom Leid, vom Tod, von Zerstörung zeigt. Wer diese Bilder sieht, möchte mit John Lennon rufen: „War is over!“

Ansonsten gelten die Worte von klassik-begeistert.de-Autor Guido Marquardt auf klassik-begeistert.de: „Das Orchester geht die mächtige Partitur dieses Werks an einigen Stellen doch ein wenig leise und zu langsam an. Die Blechbläser geraten auch schon mal ins Wackeln. Ansonsten ist das solide Arbeit, gerade auch in der sehr fordernden Abstimmung mit dem Chor. Der trägt nicht nur diese Oper ganz maßgeblich, er ist auch tatsächlich von der Regie extrem gut ins Bühnenbild eingebunden.

Der Wunsch Serebrennikovs, alle Chormitglieder sollten sich möglichst natürlich bewegen, wurde hier ausgezeichnet umgesetzt. Mit Ausnahme des „Va, pensiero“ wird nicht einfach von der Bühne heruntergesungen. Die Verteilung in der jeweiligen Szenerie trägt dazu bei, dass man häufiger sehr genau hinschauen muss, um die Chormitglieder auch als solche zu identifizieren. Besonders gelungen sind hier die Szenen im ersten Akt, wenn das geschäftig-routinierte Treiben im UN-Sitzungssaal vorgeführt wird.

Dimitri Platanias bringt einen fulminanten Nabucco auf die Bühne. Anfangs brutaler Machtmensch, wird er zu einem Getriebenen, der hilflos mit ansehen muss, wie ihm alles aus den Händen gleitet, bevor er schließlich die wundersame Läuterung erfährt. Platanias hat einen warmen Bariton mit kraftvollen Höhen, der die Partie souverän beherrscht und dem auch physisch die Bühne gehört, sobald er sie betritt – egal wie voll sie gerade sein mag. Auch physiognomisch und schauspielerisch ist er eine sehr gute Wahl. Zu bewundern ist insbesondere, wie er kraftvollen Gesang mit dem Eindruck einer umfassenden Desorientierung und Erschöpfung verbindet, wie es von seinem Part in der zweiten Hälfte verlangt wird.“

Ein Sonderlob bekommt diesmal der Chor der Staatsoper Hamburg für den Schluss des „Gefangenenchores“. Es ist berührend, wie die Profis – sie singen gemeinsam mit Flüchtlingen aus Syrien – auf dem Schlussakkord stehenbleiben und diesen im zarten Pianissimo scheinbar endlos ausklingen lässt. Das hat der große Chorleiter Eberhard Friedrich, der auch für die Chöre in Bayreuth verantwortlich zeichnet, wirklich wunderbar einstudiert.

© Brinkhoff/Mögenburg

Mit „Nabucco“ hat die Opernsaison auch in der Freien und Hansestadt Hamburg richtig angefangen – auch was das Begeisterungsniveau des Publikums betrifft. „Die Nase“ von Dmitri Schostakowitsch ist an der Dammtorstraße in den ersten drei Aufführungen extrem verhalten aufgenommen worden, manche Zuschauer verließen gar vorzeitig den Saal und schliefen ein. „Jubel“ brach nur im Kopf eines Rezensenten aus.  „Ariadne auf Naxos“ von Richard Strauss glänzte vor allem mit großartigen Solisten (Camilla Nylund und Stephen Gould).

Aber Verdi ist Verdi. Mit dem eröffnet man eine Opernsaison! Nicht mit dem vielleicht schwächsten Werk Schostakowitschs, einer Komposition nur für Liebhaber.

„Die Nase“ wird höflich beklatscht. „Nabucco“ erzeugt wahren „Jubel“.

Andreas Schmidt, 20. September 2019, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Ein Gedanke zu „Giuseppe Verdi, Nabucco,
Staatsoper Hamburg, 19. September 2019“

  1. Lieber Herr Schmidt,
    ich war auch in der Aufführung. Könnte es sein, dass die von der Regie angesetzten Intermezzi von manchen als die Oper zu stark unterbrechend angesehen wurden und ruhende Hände nicht den beiden Künstlern sondern der Regie galten? Im Übrigen war auch der Beifall für die herausragenden gesanglichen Leistungen der Abigaille (Liudmyla Monastyrska) und von Dimitri Platanias während der Aufführung eher mäßig, was vielleicht für ein an diesem Abend insgesamt zurückhaltendes Publikum spricht. Ich stimme Ihnen allerdings zu, dass es mittlerweile etliche Besucher gibt, die ihre persönlichen Bedürfnisse über das Interesse anderer Besucher an der Oper stellen, indem sie schwatzen, zwischendurch auf ihr Handy schauen, oder gar, wie in der 8. Reihe links geschehen, während der Aufführung ihr Handy über die Köpfe der Zuschauer heben und fotografieren. Eine andere Unsitte macht sich mehr oder weniger breit, statt am Ende der Aufführung angemessen Bravo etc. zu rufen (was in einem nicht störenden niedrigen Frequenzbereich liegt), wird ohrenbetäubend für die Nachbarn gepfiffen oder gejohlt. Das ganze wird dann als Ausdruck der freien Selbstbestimmung empfunden und, auf die Bitte hin nicht zu pfeifen, als Angriff auf die eigene Persönlichkeit empfunden.
    Mit freundlichen Grüßen, Ralf Wegner

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