Scharf konturiert in den Untergang: "Otello" an der Hamburgischen Staatsoper

Giuseppe Verdi, Otello,  Staatsoper Hamburg, 3. Oktober 2019

Foto: © Westermann, Staatsoper Hamburg

Staatsoper Hamburg, 3. Oktober 2019
Giuseppe Verdi, Otello (11. Vorstellung seit der Premiere am 8. Januar 2017)

von Guido Marquardt

Dieser „Otello“ lebt vom Wechselspiel zwischen der inneren Verrohtheit seiner Hauptfiguren und der äußeren Gewalt, mit der sie im isolierten Umfeld auf Zypern agieren. Bieitos Regie ist trotz aller Drastik fokussiert und musikdienlich. Carignani führt musikalisch souverän durch den Abend, während auf der solistischen Seite bisweilen etwas Differenziertheit fehlt.

Drastisch, aber werknah

Für eine Einordnung bedarf es immer des Vergleichs. „Subtil“ ist sicherlich nicht das erste Attribut, das man üblicherweise über Calixto Bieito und seine Inszenierungen zu lesen bekommt. Und dennoch: Zieht man die „Nabucco“-Inszenierung von Kiril Serebrennikov heran, die in der letzten Spielzeit für Furore sorgte, so kann man durchaus zu dem Schluss kommen, dass Bieito trotz mancher Parallelen mit den Bezugsrahmen (Flüchtlinge, Machtmissbrauch) sehr viel feiner dosiert und weniger überfrachtet umgeht.

Steht bei Serebrennikov das allzu Plakative und Appellhafte im Vordergrund, lässt Bieito seine Bilder von Gewalt und Unterdrückung einfach neben der Kernhandlung stehen. Es obliegt dem Zuschauer, sich dazu seine Gedanken zu machen. Text und Musik bleiben unangetastet, das ist 100 Prozent Verdi.

Plausible Verortung

Die Inszenierung von Calixto Bieito ist sicherlich nicht zurückhaltend, sondern im Gegenteil durchaus drastisch. Aber sie ist reduziert, fokussiert und in Richtung des Publikums sozusagen ergebnisoffen: Vordergründig geben Chor und Statisterie als Kriegsflüchtlinge und -gefangene und Besatzungsopfer eine plausible politische Verortung ab, die alle solistischen Rollen als Angehörige der herrschenden Klasse und zynische Unterdrücker dastehen lässt – ob sie nun im Siegesrausch bei ihrer Party den Schaumwein in einer Mischung aus Demütigung und Gönnerhaftigkeit auf das Volk regnen lassen, ob sie zwischendurch willkürlich Opfer für Vergewaltigung und Hinrichtung auswählen oder eben auch schlichte Ignoranz für die erbärmliche Situation der Gefangenen demonstrieren.

Deutlich wird auf jeden Fall, was Krieg und Besatzung fernab aller Salons und Kommandobrücken eben für die Mehrheit der Menschen bedeuteten – zu Zeiten Shakespeares ebenso wie zu Verdis Lebzeiten und in der Gegenwart.

Innere Entfremdung

Es ist aber durchaus auch möglich, die Menschenmassen als Sinnbild für das verrohte, abgestumpfte und entfremdete Innenleben der Hauptfiguren zu sehen. Und welches stärkere Symbol der Entfremdung und Fremdbestimmung lässt sich denken als dieser mächtige Kran mit seinen Gefängnisgitter-haften Streben und seinen bedrohlichen Bewegungen, wie von unsichtbaren Kräften gesteuert?

Otello, der Trottel

Doch die Entscheidung, Otello als Gleichen unter den Herrschenden, als grundsätzlich uniformes Mitglied seiner Klasse zu zeigen und nicht als Außenseiter (und nein, das liegt nicht nur am fehlenden Blackfacing), ist vielleicht auch die größte Schwäche von Bieitos Regie: Otello wird auf diese Weise zum reinen Opfer von Jagos Bosheit, zum Trottel, dessen charakterliche Defizite und kognitive Ignoranz sein Schicksal besiegeln.

Es obliegt Emilia, die zwar weite Strecken des Geschehens auf der Bühne begleitet, aber überwiegend stumm bleibt, im vierten Akt mit wenigen Worten die ganze Luft aus Otellos aufgeblasener Überzeugung zu lassen, dass Desdemona ihn betrogen habe: „Stolto! E tu il credesti?“ („Idiot! Und du hast es [Jago] geglaubt?“) Das schicksalhaft zum Täter gewordene Opfer einer Intrige wird zur lächerlichen Figur.

Wuchtig und sängerfreundlich

Die Orchestermusik ist an diesem Abend außerordentlich gelungen: Verdis machtvoller Score, der sich von angedeuteter Zärtlichkeit zu Beginn in immer drängenderen, von scharfen Bläsersätzen akzentuierten Wahnsinn entwickelt, wird von Paolo Carignani nahezu ideal ausbalanciert: Trotz aller Wucht dirigiert er sängerfreundlich, deckt nichts zu und arbeitet die dunklen Kontraste bestens heraus. Bereits bei der Premierenvorstellung vor knapp drei Jahren stand er am Pult und in Hamburg ist das offenbar eine ideale Wahl.

Der Chor ist in die Inszenierung sehr gut eingebunden und trägt zur Raumgestaltung sowohl physisch wie stimmlich Entscheidendes bei.

Durchgehendes Forte

Marco Berti gibt einen Otello, der ganz und gar auf der machtvollen Seite steht. Stimmlich ist Berti der Rolle offensichtlich gewachsen, Tessitur und Volumen sind passend. Allerdings ermüdet sein fast durchgehendes Forte etwas. Während man ihm die Autorität, mit der er die Massen zum Schweigen bringt, in den ersten beiden Akten durchaus abkauft, gerät das Liebesduett mit Desdemona wenig stimmig und erst recht die Brüchigkeit und Verlorenheit, die im zweiten Teil auch mal piano und pianissimo verlangen würden, transportiert er nicht wirklich stimmig.

Dass seine überaus kraftvolle, mit metallischer Schneidigkeit vorgetragene Interpretation an diesem Abend allerdings sehr gut ankommt, belegt nicht nur der Artikel des Kollegen Ulrich Poser auf dieser Seite, sondern auch der starke Jubel des Publikums, mit einigen Ovationen durchsetzt.

Nachtschwarz und diabolisch

Die eventuell etwas dankbarere Rolle des Jago, der nur als Bösewicht par excellence bezeichnet werden kann, wird von Marco Vratogna herrlich diabolisch transportiert. Sein Bariton ist voluminös und differenziert. Ein absoluter Höhepunkt an diesem Abend ist sein nachtschwarzes Credo, auf der Bühne angemessen von unten illuminiert und in Carignanis musikalischer Begleitung auf der Rasierklinge austariert – laut und kompromisslos, aber maßgefertigt für Vratognas Unerbittlichkeit.

Unschuldiges Opfer

Guanqun Yu steigert sich als Desdemona nach der Pause deutlich. Ihr Lied von der Weide und ihr Ave Maria gehen zu Herzen. In der Gesamtanlage dominiert bei ihr allerdings das unschuldige Opfer, das bis zum Schluss nicht recht versteht, wie ihm geschieht und dessen Todesgewissheit als dunkle Ahnung aus dem Irgendwo kommt.

Es fehlt bei ihr etwas an dem Stolz der Frau aus bestem Hause und an der erotischen Anziehung wider Willen (die erst mal überhaupt nichts mit dem Aussehen zu tun hat). Die (mehr oder weniger) angedeutete Vergewaltigung durch Otello ist allerdings schauspielerisch eine absolute Glanzleistung von Yu.

Die weiteren Rollen sind eher unauffällig besetzt, ohne Highlights und ohne Ausfälle. Überraschend blass vielleicht Oleksiy Palchykovs Cassio, der vor wenigen Monaten noch als Lenski in „Eugen Onegin“ an gleicher Stelle zu gefallen wusste. Zu nennen ist allerdings unbedingt noch Nadezhda Karyazina, die in der kleinen Rolle der Emilia zwar gesanglich nur wenige Gelegenheiten erhält, um sich auszuzeichnen, diese jedoch ausnahmslos mit ihrem warmen, vollen Timbre nutzt und in der übrigen Zeit ihrer Bühnenpräsenz schauspielerische Akzente setzt, die ihren Part als Machtloseste und zugleich Klarsichtigste unter den Mächtigen ins Bild rückt.

Fordernd und lohnenswert

Fazit: An der Inszenierung mögen sich die Geister scheiden, aber bis auf die etwas fehlende Schlüssigkeit bei der Handlungsmotivation der Titelrolle kann man allemal von einer Idee sprechen, die das Werk stützt und vom Werk gestützt wird. Musikalisch ist der Abend so fordernd wie lohnenswert, die stimmliche Ausgestaltung der Titelrolle bleibt Geschmackssache. Wer mag, kann in dieser Spielzeit noch sowohl Marco Berti als auch (im Frühjahr) José Cura als Otello in Hamburg erleben.

Guido Marquardt, 4. Oktober 2019, für
klassik-begeistert.de

Musikalische Leitung: Paolo Carignani
Inszenierung: Calixto Bieito
Bühnenbild: Susanne Gschwendner
Kostüme: Ingo Krügler
Licht: Michael Bauer
Chor: Eberhard Friedrich
Dramaturgie: Ute Vollmar
Mitarbeit Regie: Barbora Horáková
Spielleitung: Holger Liebig
Musikalische Assistenz: Oliver Stapel

Otello: Marco Berti
Jago: Marco Vratogna
Cassio: Oleksiy Palchykov
Roderigo: Peter Galliard
Lodovico: Tigran Martirossian
Montano: Hubert Kowalczyk
Ein Herold: Michael Kunze
Desdemona: Guanqun Yu
Emilia: Nadezhda Karyazina

Chor der Hamburgischen Staatsoper
Philharmonisches Staatsorchester

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