"Nabucco" in Hamburg –
Freiheitsoper aus dem Hausarrest

Giuseppe Verdi, Premiere Nabucco,  Staatsoper Hamburg, 10. März 2019

Foto: © Brinkhoff/Mögenburg
Hamburgische Staatsoper
, 10. März 2019
Giuseppe Verdi, Premiere Nabucco

von Eva Stratmann

Kirill Serebrennikov holt Verdis Oper „Nabucco“ mit seiner Inszenierung aus dem alten Babylon mitten in unsere Gegenwart und präsentiert sie im Opernsaal schonungslos als aktuelles Flüchtlingsdrama. Das Bibel-Epos um Macht und Glauben transferiert er dazu auf der Bühne in den Sitzungssaal vom Sicherheitsrat der Vereinten Nationen. Die biblischen Figuren deutet er in Diplomaten um, die ihre Arien als Statements vom Rednerpult schmettern oder in ihren Büros diskutieren. Während der ganzen Oper läuft im Hintergrund ein digitaler Newsticker mit Erklärungen, Nachrichten und Interpretationen über Flüchtlingspolitik.

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Der finale Blitzschlag, der den größenwahnsinnigen Nabucco in der Ursprungsversion trifft, wird in der zeitgenössischen Inszenierung in einen Herzinfarkt umgedeutet. Alles in allem eine sehr schlüssige Übersetzung, in ihrer Dichte an Informationen, Botschaften und Details aber schwer zu erfassen.

Die Inszenierungsidee krönte Serebrennikov mit einem 40-köpfigen Projektchor aus in Hamburg lebenden Flüchtlingen, die die berühmte Freiheits-Hymne „Va, pensiero“ des Gefangenenchors sangen. Schon in den Umbauphasen hatten Mitglieder des Projektchors klagende Lieder aus ihrer Heimat Syrien, begleitet von einer Oud, gesungen. Dazu wurden im Hintergrund leidvolle Fotos des Kriegsfotografen Sergey Ponomarev auf Leinwand projiziert. Diese Kontrastierung von Oper und Projektchor tauchte das Publikum in ein Wechselbad der Gefühle. Die Beklommenheit über diese Zurschaustellung des Elends veranlasste einzelne Besucher zu den Ausrufen: „Aufhören!“ und „Nicht schon wieder!“

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Das reale Drama hinter der Oper ist, dass der russische Dramaturg und Regisseur Kirill Serebrennikov seit August 2017 in seiner 32 Quadratmeter großen Wohnung in Moskau in Hausarrest sitzt, keinen Zugang zum Internet bekommt und mit kaum jemandem sprechen darf. Angeblich soll er Fördergelder in Millionenhöhe veruntreut haben. Es heißt, er habe Mittel für eine Inszenierung von Shakespeares „Sommernachtstraum“ erhalten, die er niemals realisiert habe. Tatsächlich aber ist ebendiese Inszenierung im In- und Ausland mehrfach aufgeführt worden. Seit dem 7. November 2018 steht Serebrennikov in Moskau vor Gericht. Dies ist die Kurzversion der Geschichte hinter der Bühnenhandlung. Der Grund, warum der Regisseur bei seiner eigenen Premiere nicht dabei sein konnte und der Umstand, warum die komplette Produktion per Videobotschaften stattfinden musste, die auf einem USB-Stick zwischen Moskau und Hamburg hin und her geschickt wurden, in Hamburg vor dem Ensemble auf dem Laptop abgespielt und von einer Dolmetscherin aus dem Russischen übersetzt wurden.

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Im Gesamtpaket des dargebotenen Realitäts-Dramas wird die tatsächliche Leistung von Solisten, Chor und Sängern schlichtweg zur Seite gedrängt. Dennoch: Sängerisch beeindruckten der Bariton Dimitri Platanias als Nabucco und der Tenor Dovlet Nurgeldiyev als Ismaele ebenso wie Geraldine Chauvet als Fenena. Eingebettet war der Abend in eine großartig ausgewogene und unaufdringliche musikalische Leistung des Orchesters unter Paolo Carignani und einem schlichtweg perfekt einstudierten Chor.

Geboten wurde eine genial durchdachte und hochmoderne Produktion, wie ich sie an der Staatsoper Hamburg noch nicht erlebt habe. Die Dichte der Informationen auf politischer und humanistischer Ebene, dazu die erstickenden Schmerzensbilder aus den Kriegsregionen und die klagende Volksmusik der syrischen Flüchtlinge waren für mich zu viel des Guten.

Im Schlussapplaus war sich das Publikum trotz vorheriger Zwischenrufe einig: Es war eine große und großartige Leistung! Dem Regisseur konnte das Publikum zujubeln, als das Regieteam ein Banner mit der Aufschrift „Free Kirill“ entrollte.

Eva Stratmann, 12. März 2019, für
klassik-begeistert.de

Musikalische Leitung: Paolo Carignani
Inszenierung, Bühnenbild und Kostüme: Kirill Serebrennikov
Mitarbeit Regie: Evgeny Kulagin
Mitarbeit Bühne: Olga Pavluk
Mitarbeit Kostüme: Tatyana Dolmatovskaya
Video: Ilya Shagalov
Fotografie: Sergey Ponomarev
Licht: Bernd Gallasch
Dramaturgie: Sergio Morabito
Chor: Eberhard Friedrich
Nabucco: Dimitri Plantanias
Ismaele: Dovlet Nurgeldiyev
Zaccaria: Alexander Vinogradov
Abigaille: Oksana Dyka
Fenena: Geraldine Chauvet
Oberpriester des Baal: Alin Anca
Abdallo: Sungho Kim
Anna: Na’ama Shulman
Intermedien-Gesang: Hana Alkourbah
Intermedien-Gesang und Oud: Hbed Harsony
Chor der Hamburgischen Staatsoper, Projektchor Nabucco, Philharmonisches Staatsorchester Hamburg

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