Langes Klassikwelt 7: Monteverdis Ulisse nahm die Fähre nach Ithaka

Langes Klassikwelt 7: Monteverdis Ulisse nahm die Fähre nach Ithaka,  klassik-begeistert.de

Vor 30 Jahren lernte ich Odysseus kennen, weil ein Schiff eine andere Route nahm als erwartet. Ein paar Tage später waren einige Klischees zerstört, ich hatte einen unterhaltsamen Einblick in die Opernwelt gewonnen – und musste mir dringend eine teure Monteverdi-Aufnahme beschaffen…

von Gabriele Lange

Es ist ziemlich windig, als die kleine Fähre im Sommer 1990 schnaufend von Kefalonia nach Ithaka stampft. Ich stehe an Deck, um den Ausblick zu genießen. Und ich bin irritiert. Denn der Kahn fährt nicht wie sonst die Küste entlang Richtung Vathi. Nachdem das nicht mein erster Besuch auf der Insel ist, geht mir ein Licht auf: Der Kapitän hat sich bei dem Wetter für den kürzesten Weg entschieden und steuert direkt den Anleger auf der westlichen Inselseite an. Wir werden also nicht wie geplant im Hauptort landen, wo es ein paar Quartiere gibt. Wie kommen wir da rüber…? Ob der Fahrer des einen Inselbusses weiß, dass es Leute einzusammeln gilt? Ich hole meine Reisegefährtin und stelle mich mit ihr an den Bug. Irgendeine Fahrgelegenheit in Sicht? Hmmmm. EIN Taxi ist aus der Ferne zu erspäen. Da steht bestimmt keine Telefonzelle… (Handys sind noch kein Thema.)

Wir schauen uns um. 20, 30 Leute machen sich fertig. Das heißt: Gleich runter zum Ausstieg. Und dann – rennen! Währenddessen ist ein junges Paar nach vorn gekommen. Ihnen wird klar, dass wir uns Ithaka nähern. Sie sprechen uns auf Englisch an und erkundigen sich nach Transportmöglichkeiten. Passt. In Griechenland hat man sich damals immer Taxis geteilt. Zu viert wird das angenehmer fürs Budget. Ich erkläre ihnen die Lage. Wir vier wuchten unsere Rucksäcke auf die Schultern, sind die ersten am Ausgang, die Heckklappe knarzt auf – und wir sausen los. Drei quetschen sich hinter, eine neben den Fahrer, Gepäck halb in den Kofferraum, halb irgendwie mit rein. Ein Blick auf die verwirrten Mit-Touristen – und los geht’s über die Insel.

Odysseus will sich Ithaka angucken

Mal rausfinden: Wer klemmt da eigentlich neben mir zwischen Rucksack und Fenster? Eine brünette Literaturwissenschaftlerin aus Stanford. Auf der anderen Seite: ein Bariton. Oha. Opernsänger hab ich mir irgendwie anders vorgestellt. Mehr so: Schal um den Hals, spricht überaus betont, schwebt in anderen Sphären und ist gerne mal übergewichtig. Und da sitzt ein sportlicher Kerl in Jeans und reißt den dritten Witz in fünf Minuten. Wie seid ihr zwei Amerikaner denn auf die Idee gekommen, nach Ithaka zu fahren? Die Insel war damals touristisch noch kaum erschlossen. „Ich singe demnächst den Odysseus, wir hatten gerade Zeit und ich wollte doch mal wissen, warum der unbedingt auf diese Insel zurückwollte.“

OK, das ist interessant – aber die beiden wollen erst mal erfahren, wie man vor Ort an Zimmer kommt. Ich kenne ein kleines Hotel. Klo und Dusche auf dem Gang. Aber preisgünstig und mit wunderbarem Blick auf die Hafenbucht. Die beiden würden sich freuen, wenn sie mitkommen können. Ein paar Minuten später sind alle Beteiligten für ein paar Drachmen versorgt. Wir verabreden uns zu Wein und Abendessen.

Jetzt klärt sich die Sache mit dem Griechenhelden. Der junge Mann heißt LeRoy Villanueva und singt demnächst in Siena die Titelpartie in Monteverdis „Il ritorno d’Ulisse in Patria“. Dirigent ist Alan Curtis.

Die einzige Information, mit der ich zunächst etwas anfangen kann: Ich weiß, dass Siena in der Toskana liegt.

LeRoy kann gut erzählen – und er macht deutlich, wie viel ihm an der schauspielerischen Gestaltung der Rolle liegt. Die beiden hatten sich auch auf den Weg gemacht, um wenigstens einen Teil der langen Reise nachzuvollziehen. Er möchte sich vorstellen können, wie es ist, nach einem zwanzig Jahre dauernden Alptraum aufzuwachen. Verwirrt, orientierungslos. Er möchte den Strand sehen, an dem Minerva Odysseus erklärt, dass er am Ziel ist – und erspüren, welche Erlösung, welche Freude der Listenreiche in diesem Moment empfand.

Brichst du auf gen Ithaka,

so wünsch dir eine lange Fahrt,

voller Abenteuer und Erkenntnisse

(…)

Stets halte Ithaka im Sinn.

Dort anzukommen ist dir vorbestimmt.

Jedoch beeile deine Reise nicht.

Besser ist, sie dauere viele Jahre;

und alt geworden lege auf der Insel an,

nun reich an dem, was du auf deiner Fahrt gewannst, und ohne zu erwarten, dass Ithaka dir Reichtum gäbe.

Ithaka gab dir die schöne Reise.

Du wärest ohne es nicht auf die Fahrt gegangen.

Aus einem Gedicht von Konstantinos Kavafis

 

Die folgende Woche verbringen wir vier jeden Abend zusammen in den Lokalen um den Hafen. Diese zwei Amerikaner sind gebildet, weltoffen, neugierig. Wir erzählen von unseren unterschiedlichen Lebens- und Berufswelten, politisieren, blödeln … Und erfahren eine Menge aus der Welt der Oper. Meine Klischeevorstellung von Opernsängern scheint wohl nicht ganz so zutreffend zu sein. Ich lerne allerdings auch, dass es offenbar mehr Witze über Tenöre gibt als über Ostfriesen…

Vom nervösen Ersatzspieler zum Torjäger

So langsam finde ich heraus, mit wem ich es zu tun habe. LeRoy Villanueva hat 1988 die National Auditions an der Metropolitan Opera gewonnen. Und jetzt singt dieser gut gelaunte Typ also den Ulisse.

Er hat die Rolle schon mal einstudiert – als Zweitbesetzung für Thomas Hampson an der Oper in San Francisco. Beinahe hätte LeRoy hier sein Debüt an einem großen Haus gegeben. Denn an einem Abend ruft ihn Hampson zu sich. Er ist erkältet und weiß nicht, ob er den Abend ganz oder teilweise schaffen kann. Der junge Bariton wärmt sich auf. Er ist nervös – zu wenige Proben, er vergöttert Frederica von Stade, die die Penelope singt. Bloß nicht sich vor ihr blamieren…! Hampson entscheidet sich, auf die Bühne zu gehen – aber vielleicht wird er abbrechen müssen.

LeRoy Villanueva.

Innerlich zerrissen steht LeRoy hinter der Bühne wie ein blutjunger Auswechselspieler an der Seitenlinie im Bundesligaspiel. Da – war der Ton nicht ein kleines bisschen …? Nee. Immer noch perfekt. Und jetzt? Szene für Szene… Wenn er noch drankommt, muss er den Pfeil quer über die Bühne schießen – was, wenn er das verzittert und jemanden trifft? Vielleicht im Publikum? Hampson hält durch. LeRoy ist erleichtert und enttäuscht zugleich. Aber: Er hätte für einen Star wie Hampson einspringen können. Mit diesem gewachsenen Selbstvertrauen geht er in das Vorsingen bei Alan Curtis – und glänzt.

Papageno probt im Wohnzimmer

Einige Zeit später legt LeRoy auf Audition-Tour durch Europa ein paar Tage in München ein. Er gibt mir vor meinem CD-Player ein paar Stunden Musikunterricht und probt in meinem Wohnzimmer ein paar Arien (zur Verwunderung und zum Neid etlicher Nachbarn). Dafür zeige ich ihm München. Er ist begeistert von meiner Stadt – nicht zuletzt, weil sich hier Kulturen und Hautfarben so viel entspannter mischen als in seiner Heimat, den USA. Im „Weißen Bräuhaus“ fällt er vor Lachen fast vom Stuhl, als die nette Kellnerin ihm seinen Aventinus hinstellt, ihn anstrahlt – und sagt: „Ich war auch schon mal in Afrika!“ Er: „Ich leider nicht!“ Als ich ihr erkläre, dass sie es mit einem Amerikaner zu tun hat, habe ich einiges zu übersetzen. Sie kommt nämlich gerade aus dem Urlaub, hat es nur lieb gemeint und sprudelt über vor Erlebnissen.

LeRoy Villanueva kann dagegen einiges erzählen über Rassismus. Auch in der vermeintlich so kultivierten und aufgeklärten Opernwelt der 80er und frühen 90er. Das Schwierige: Es lässt sich praktisch nie eindeutig belegen, dass die Hautfarbe der Grund ist, warum Sänger*innen eine Rolle (nicht) bekommen. Allerdings kommt man doch ins Nachdenken, wenn man zum Beispiel nicht als Papageno besetzt wird, obwohl man von der Stimme perfekt in dieses Rollenfach passt – und stattdessen laufend Rollen singen soll, die von vornherein für Afro-Amerikaner geschrieben wurden. Ungeachtet der Tatsache, dass dafür eine Jazz-/Blues-Stimme – und definitiv keine klassische Opernstimme passend und erforderlich ist…

Dormo ancora…?

1991 erscheint die live aufgezeichnete Monteverdi-Oper als CD-Paket. Bloß: Woher kriege ich die? (Amazon startet erst drei Jahre später.) Ich klappere die Münchner Musikläden ab. Die Neuerscheinung haben sie noch nicht in ihren Katalogen. Ein spezialisiertes Geschäft in Schwabing bestellt sie mir schließlich. 99 Mark für vier CDs. So viel habe ich noch nie für Musik ausgegeben. Rein in den Player damit – Oh. Na, das ist … ähm. Ungewohnt. Unzugänglich. Das klang aus dem Wohnzimmer anders. Aber das war Mozart…

Jetzt hab ich das schon mal gekauft. Und außerdem – wenn man den Leadsänger der Band kennt, ist man motivierter. Also arbeite ich mich durch die Scheiben. Lese anfangs mit, in der Hoffnung, dass mir der Text beim Verständnis hilft. Und dann ertappe ich mich dabei, wie ich mitsumme bei „Dormo ancora…?“ Die ganz große Liebe zum Barock wächst zwar erst, als ich Händel entdecke. Aber der erste Schritt ist getan.

Seine Karriere führt LeRoy Villanueva in den nächsten Jahren nach San Francisco, Philadelphia, Dresden, Santiago de Chile, Genf, Lissabon, Montreal, Tel Aviv, an die Oper und die Opera Chatelet in Paris. Am American Repertory Theatre singt er die Titelrolle in der Uraufführung von Orphée von Philip Glass. Unter anderem arbeitet er mit Christoph von Dohnányi und Valery Gergiev.

Odysseus gibt seine Erfahrungen weiter

Nachdem eine Virusinfektion eines seiner Stimmbänder geschädigt hat, wird LeRoy Villanueva zum Lehrer und lässt andere von seiner Erfahrung profitieren. Heute unterrichtet er unter anderem an der Los Angeles Opera und an Colleges, schreibt Libretti und engagiert sich sehr, Kindern den Zugang zur Welt der klassischen Musik zu öffnen.

Dank der modernen Kommunikationsmittel ist der Kontakt nie ganz eingeschlafen. Im Januar 2019 ist er Musical Director einer College-Produktion von Cabaret in Pasadena. Darin kommen einige deutsche Texte vor. Gut, dass es WhatsApp gibt. So avanciere ich mit Hilfe von Audio-Clips mal eben zum Aussprache-Coach in Übersee.

Musik ist das perfekte Medium der Völkerverständigung. Und Reisen bildet. Vor allem, wenn man einfach losfährt und mit den Leuten quatscht. Was mir ein paar Jahre später auf Hydra ein älterer britischer Musiker nach dem vierten Heineken über Jim Morrison und Pink Floyd erzählte, behalte ich allerdings für mich.

Gabriele Lange, 17. Februar 2020, für
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Die Münchnerin Gabriele Lange (Jahrgang 1960) war bei ihren ersten Begegnungen mit klassischer Musik nur mäßig beeindruckt. Als die lustlose Musiklehrerin die noch lustlosere Klasse in die Carmen führte, wäre sie lieber zu Pink Floyd gegangen. Dass Goethes Faust ziemlich sauer war, weil es in dieser Welt so viel zu erkunden gibt, man es aber nicht schafft, auch nur einen Bruchteil davon zu erfassen, leuchtete ihr dagegen ein. Sie startete dann erst mal ein Geschichtsstudium. Die Magisterarbeit über soziale Leitbilder im Spielfilm des „Dritten Reichs“ veröffentlichte sie als Buch. Bei der Recherche musste sie sich gelegentlich zurückhalten, um nicht die Stille im Archiv mit „Ich weiß, es wird einmal ein Wonderrrr geschehn“ von Zarah Leander zu stören, während sie sich durch die Jahrgänge des „Film-Kurier“ fräste. Ein paar Jahre zuvor wäre sie fast aus ihrer sechsten Vorstellung von Formans „Amadeus“ geflogen, weil sie mit einstimmte, als Mozart Salieri wieder die Sache mit dem „Confutatis“ erklärte. Als Textchefin in der Computerpresse erlebte sie den Aufstieg des PCs zum Alltagsgegenstand und die Disruption durch den Siegeszug des Internets. Sie versuchte derweil, das Wissen der Technik-Nerds verständlich aufzubereiten. Nachdem die schöpferische Zerstörung auch die Computerpresse erfasst hatte, übernahm sie eine ähnliche Übersetzerfunktion als Pressebeauftragte sowie textendes Multifunktionswerkzeug in der Finanzbranche. Vier Wochen später ging Lehman pleite. Für Erklärungsbedarf und Entertainment war also gesorgt. Heute arbeitet sie als freie Journalistin. Unter anderem verfasste sie für Brockhaus einen Lehrer-Kurs zum Thema Medienkompetenz. Musikalisch mag sie sich auch nicht festlegen. Die Liebe zur Klassik ist über die Jahre gewachsen. Barockmusik ist ihr heilig, Kontratenöre sind ihre Helden – aber es gibt noch so viel anderes zu entdecken. Deshalb trifft man sie etwa auch bei Konzerten finnischer Humppa-Bands, einem bayerischen Hoagascht und – ausgerüstet mit Musiker-Gehörschutz – auf Metal- oder Punkkonzerten. Gabriele ist seit 2019 Autorin für klassik-begeistert.de .

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