Wer wagt, gewinnt: Die Philharmonie Südniederlande begeistert mit Britten und Mahler

Philharmonie Südniederlande, Hans Graf,  Eindhoven Muziekgebouw, 9. Februar 2019

Foto: Hans Graf © Nancy Horowitz
Philharmonie Südniederlande, Eindhoven Muziekgebouw, 9. Februar 2019

Hans Graf, Dirigent
Bernarda Fink, Mezzosopran
Peter Seiffert, Tenor
Philharmonie Südniederlande

Benjamin Britten – „Four Seas Interlude“ (1945) aus der Oper „Peter Grimes“
Gustav Mahler  – „Das Lied von der Erde“ (1911)

von Daniel Janz

Nicht allzu vielen Konzertgängern wird die südniederländische Stadt Eindhoven ein Begriff sein. Diese Industriestadt ist eher für den Großkonzern Phillips oder den heimischen Fußballclub bekannt. Da stellt es schon eine große Herausforderung dar, was sich das Philharmonieorchester Südniederlande zur Aufgabe gemacht hat: Ein europaweites Zentrum der Kultur zu etablieren.

Diese Mission verfolgt das Orchester nicht nur mit der Verpflichtung international anerkannter Musiker, sondern auch mit ambitionierten Programmen: Benjamin Britten und Gustav Mahler stehen am heutigen Konzertabend auf dem Programm der seit 2013 bestehenden Philharmonie Südniederlande, die sich selbst das jüngste Sinfonieorchester der Niederlande nennt. Mit mehreren hundert Gästen ist der Saal des modernen Muziekgebouws aber kaum halbvoll.

Das Orchester präsentiert sich unter der Leitung seines österreichischen Gastdirigenten Hans Graf (69) zunächst in einer guten Verfassung. Der Einstieg in Benjamin Brittens Four Sea Interludemit hohen Streichern und Flötenbegleitung ergreift; ähnlich wie das darauffolgende Auf- und Abschwellen der Blechbläser.

Letztere überzeugen auch im zweiten Teil, wo sie den Ruhepol zu den spritzig tanzenden Holzbläsern bilden. Den Höhepunkt markiert die feurig aufspielende Trompete, die das Hauptthema dieses Parts gegen das gesamte Orchester mit Tamtam und Glockenschlägen hinausschmettert.

Mit ruhiger Hand leitet Hans Graf seine Musiker auch im Tutti zu einem besonders weichen Klang an. Flöte und Harfe gibt er stets den Einsatz, auch gegen schwermütiges Cellospiel und mit Gefühl für Details und demonstriert so, dass er das Werk des britischen Komponisten in aller Feinheit und im großen Zusammenhang begriffen hat.

Benjamin Britten selbst verarbeitete hier vor allem Themen aus seiner Oper Peter Grimes. Darin versucht der unter Mordverdacht stehende Fischer Grimes, sich gegen die Vorverurteilung seiner Mitmenschen zu rehabilitieren, verfällt aber am Ende dem Wahnsinn, fährt aufs Meer hinaus und ertrinkt mutmaßlich.

Ein mit brutalen Paukenschlägen eingeleitetes Finale stellt den letzten Teil dieser Suite dar und gibt noch einmal allen Akteuren die Chance zu glänzen. Hierin steckt richtig Feuer – das Orchester selbst steigert sich zum musikalischen Sturm. Ein harmonisch stark gewürzter Akkord besiegelt schließlich das Ende dieses gut 17 Minuten langen Stücks, bevor der unvermittelte Schluss die malerische Szenerie auflöst. Wirklich ein Werk, das man gerne öfter hören könnte.

Im Kontrast dazu steht Gustav Mahlers sinfonischer Liederzyklus DasLied von der Erde, das posthum im Jahr 1911 seine Uraufführung erlebte und schon sehr früh als persönlicher Abschied des Komponisten begriffen wurde. Obwohl Mahler hier ein großes Orchester vorgesehen hat, ist das Lied über weite Teile sehr leise, fast schon in sich gekehrt gehalten. Die größte Verantwortung kommt hier den beiden Sängern zu, die am heutigen Abend Peter Seiffert (65) und Bernarda Fink (63) sind.

Seiffert kann vor allem durch seinen langen Atem überzeugen. Der aus Düsseldorf stammende Tenor legt ein unglaubliches Volumen an den Tag. Er füllt seine Stimme mit einer Kraft, die schon an Überkompensation grenzt, dem Werk aber durchaus angemessen ist. Damit gelingt es ihm, sich vor allem im stürmischen ersten Lied „Das Trinklied vom Jammer der Erde“ gegen das Orchester zu behaupten. Im dritten und fünften Lied überzeugt er weiter mit gutem Timing und Einfühlungsvermögen.

Der Aufgabe nur bedingt gewachsen zeigt sich stattdessen Bernarda Fink aus Buenos Aires, Argentinien. In der hohen Lage ist die Mezzosopranistin klar und gut verständlich. Hier kann sie gerade im vierten Lied „Von der Schönheit“ viel Ausdruck und Gefühl in ihre Stimme hineinlegen. In der mittleren Lage aber entschwindet ihr die Kraft, was sie gerade im zweiten Lied „Der Einsame im Herbst“ allzu häufig durch unschöne Triller oder kräftezehrendes Pressen auszugleichen versucht. Dort, wo sie gegen das Orchester ansingen muss, ist sie selten zu verstehen – das grenzt teilweise an eine alte Diva, die den Zenit ihrer Fähigkeiten überschritten hat.

Im letzten Lied findet dann leider auch die Detailverliebtheit des Dirigenten ein Ende. Bis zu diesem Zeitpunkt legte das Orchester eine beachtliche Leistung hin, hier aber übereilen sie es mit dem Einstieg. Dann gehen auch noch wesentliche Klangelemente, wie das Schwirren der Mandoline unter, weil die in der Partitur vorgesehenen Tremoli durch einfaches Zupfen ersetzt werden.

Außerdem wirkt das Spiel der Holzbläser nicht aufeinander abgestimmt, als wäre es aus dem Takt geraten. Das versetzt einem bis dahin guten Abend dann leider doch einen Wermutstropfen, immerhin ist das letzte Lied genauso lang wie alle vorherigen zusammen. Ob es an mangelnder Konzentration oder Vorbereitung lag – hier fehlte erkennbar der letzte Schliff!

Diese Schwächen schmälern aber offenbar nicht den Eindruck des Publikums. Nach Verklingen der letzten Töne erschallt tosender Beifall aus geschlossen Stehenden Ovationen. Minutenlang verbeugen sich Dirigent und Solisten, stürmischer Sonderapplaus geht vor allem an die Hörner und an das Englischhorn. Wenn auch nicht alles perfekt war, so hat die Philharmonie Südniederlande an diesem Abend zumindest bewiesen, dass große Musik nicht nur in Millionenmetropolen erfolgreich aufgeführt werden kann.

Daniel Janz, 10. Februar 2019, für
klassik-begeistert.de

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