"Salome" in München: Kirill Petrenko lässt sein Orchester leuchten

Richard Strauss, Salome,  Münchner Opernfestspiele, Bayerische Staatsoper, Mittwoch, 10. Juli 2019

Foto: © Wilfried Hösl
Richard Strauss, Salome

Musik-Drama in einem Aufzug nach Oscar Wildes gleichnamiger Dichtung (1905)
In deutscher Sprache mit deutschen und englischen Übertiteln
Münchner Opernfestspiele, Bayerische Staatsoper, Mittwoch, 10. Juli 2019
Nationaltheater, München

von Barbara Hauter

Die Stars dieses Opernabends sind Kirill Petrenko und das Bayerische Staatsorchester. Es ist atemberaubend, was der Generalmusikdirektor aus seinem Klangkörper hervorzaubert: Schillernde Klangfarben von zart hellblau bis schrill neonorange. Entfesselte Dynamik von kaum noch als Luftvibrieren wahrnehmbaren Geigenklängen bis hin zu donnerndem Blechtosen, einen atemlosen Spannungsbogen haltend. Dabei immer genau so, dass die Sänger optimal zur Geltung kommen. Petrenko beherrscht die Kunst, sein Orchester leise fortissimo spielen zu lassen, er führt es stimmungsmächtig und lässt es leuchten. Es klingt wie ein höchst lebendiger, sensibler, sehr fein differenzierter Organismus. Einfach sensationell.

Doch „Salome“ ist eine Oper, und es sollten Sänger und Inszenierung im Vordergrund stehen. Regisseur Krzysztof Warlikowski setzt vor die erste Szene Musik von Gustav Mahler, die Kindertotenlieder. Das schafft eine düster-schaurige Grundstimmung während man einer Gesellschaft von Juden in einer Bibliothekskulisse zusieht. Es soll wohl eine Bedrohungssituation als Rahmenhandlung der Salome geschaffen werden: Ghetto-Juden, die sich verstecken müssen – und am Ende der Oper gemeinsam Selbstmord begehen. Etwas rätselhaft bleibt, wie diese Rahmenhandlung zum tieferen Verständnis der Salome beitragen soll.

Die Oper hat eigentlich genug an Dramatik zu bieten: Selbstmord, Inzest, Striptease, Enthauptung, Mord. Selbst für diese Gattung geht es blutrünstig zu. Die 1905 komponierte Salome galt damals als so skandalös, das sie an der altehrwürdigen Metropolitan Opera in New York 27 Jahre verboten war.

Ihre Hauptfigur, um die sich alles dreht, ist Herodes Stieftochter Salome, ein pubertäres Problemkind. Sie begehrt gegen alles auf, ist unschuldig und doch raffiniert, sich ihrer lockenden Körperlichkeit bewusst, aber nicht dessen, dass ihr Handeln Konsequenzen hat. Der Hauptmann, den sie bezirzt, erliegt ihren Reizen und begeht Selbstmord. Nur ein Kollateralschaden für Salome, den sie kaum beachtet. Auch ihr Stiefvater begehrt sie, lediglich der Prophet Jochanaan verweigert sich ihr. Das reizt Salome – ihn will sie haben. Sie tanzt für ihren lüsternen Stiefvater Herodes den berühmten Schleiertanz und fordert als Preis des Propheten Kopf. Sie bekommt ihn, küsst ihn – und angewidert von so viel dämonenhafter Schlechtigkeit lässt Herodes Salome töten.

Viel Psychoanalytisches also zum Thema Männerfantasien und der Angst vor der Frau. Die Rolle der Salome changiert zwischen Inkarnation aller weiblichen Grausamkeit und der Verkörperung der idealen Schönheit und puren Erotik – Marlis Petersen meistert sie bravourös. Salome ist eine anspruchsvolle Figur, schauspielerisch wie sängerisch. Die Sopranistin gibt dabei glaubhaft den bockigen Teenager, spielt ihre körperlichen Reize geschickt aus. Sie singt nicht Isoldenhaft – wie von Strauss gefordert – sondern lyrisch, weich und nuanciert, jederzeit textverständlich. Und statt einem Schleier-Striptease tanzt sie einen gelungenen Pas des Deux mit dem Tod.

Wolfgang Koch gibt seinen Propheten vor allem gradlinig, klar und standfest, aber dadurch etwas eindimensional. Warum er nach seiner Enthauptung nochmal über die Bühne schlurft und sich eine Kippe anzündet, bleibt dabei eines der Rätsel dieser Inszenierung. Herrscher Herodes dagegen hat Angst um seine Reputation – das hört man. Wolfgang Ablinger-Sperrhackes Gesang wirkt zögerlich bis ängstlich zurückhaltend. Michaela Schusters Herodias ist klar die starke Frau neben ihm in großer Robe mit ebenso großer, fester, klarer Stimme. Und schade, dass Hauptmann Narraboth so früh sterben muss. Man hätte Pavol Breslik mit seinem erfrischenden Heldentenor gerne länger zugehört.

Barbara Hauter, 11. Juli 2019, für
klassik-begeistert.de

Musikalische Leitung: Kirill Petrenko
Inszenierung: Krzysztof Warlikowski
Bühne und Kostüme: Małgorzata Szczęśniak
Licht: Felice Ross
Video: Kamil Polak
Choreographie: Claude Bardouil
Herodes: Wolfgang Ablinger-Sperrhacke
Herodias: Michaela Schuster
Salome: Marlis Petersen
Jochanaan: Wolfgang Koch
Narraboth: Pavol BreslikEin Page der Herodias: Rachael Wilson
Der Tod: Peter Jolesch
Bayerisches Staatsorchester

 

 

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