Großer Gesang im Hamburger „Rheingold“ – Weltklasse-Wotan Vladimir Baykov

Richard Wagner, Das Rheingold,  Staatsoper Hamburg

Foto: Monika Rittershaus (c)
Staatsoper Hamburg
, 18. Mai 2018
Richard Wagner, Rheingold

von Sebastian Koik

Beeindruckend, mit welch geschlossen starker Leistung die komplette Sängerschaft bei diesem Hamburger Rheingold auftritt! Und die meisten dieser Künstler sind Mitglieder des Staatsopern-Ensembles.

Vladimir Baykov spielt und singt einen Weltklasse-Wotan! Über den ganzen Abend brilliert der Bassbariton mit dichter, cremiger Stimme und scheinbar endlos langem Atem. Seine Tiefen sind wunderbar sonor und warm, aber auch vollkommen elegant in den mittleren und höheren Lagen. Die wahrlich große Stimme hat Autorität und ist ständig wunderbar präsent. Es ist eine makellose, unglaublich souveräne Performance des Ensemble-Mitgliedes, die verblüfft. Seine Textverständlichkeit ist ebenfalls sehr, sehr schön. Es ist eine Freude, ihn singen und spielen zu sehen!

Katja Pieweck gefällt als Fricka mit sehr schönen Höhen, die Spaß machen. Nur in sehr seltenen tieferen Passagen wirkt ihre Stimme etwas dünner.

Iulia Maria Dan gibt eine umwerfende Freia! Ihre intensive Stimme löst mehrfach Gänsehaut aus. Sie singt hochdramatisch voller Gefühl. Voller Sorge, Angst und Anklage singt sie gegen ihr vermeintliches Schicksal als Handelsware und Belohnung für die Riesen an. Für sie geht es um viel. Es geht um ihr Leben. Auch darstellerisch begeistert sie mit hoch engagiertem Spiel. Ihre Angst ist im ganzen Saal fühlbar. Auch gab es wohl selten oder nie eine schönere Freia. In ihrem weißen Kleid sieht sie auf der Bühne nicht nur rein und unschuldig aus, sondern wunderbar zart, herrlich schön und von unendlichem Liebreiz. Nie hat man den Wunsch der Riesen nach dieser Belohnung für ihre großen Mühen und den Bau der prächtigen Götterburg Walhall besser verstanden!

Denis Velev ist ein beeindruckender Riese Fasolt. Seine Stimme groß, dicht und schön nicht nur in den Tiefen, sondern auch mit Feinheit in höheren Lagen.

Alexander Roslavets gefällt als Riese Fafner, besonders mit sonoren Tiefen. In den schnelleren Passagen verliert er allerdings massiv an Stimmkraft und klingt sehr dünn. Hier büßt er enorm an musikalischer Autorität ein.

Werner Van Mechelen singt getragenere Passagen herrlich schön und begeistert darstellerisch als Alberich. „So verfluch‘ ich die Liebe“ ruft er mit der Mimik eines Wahnsinnigen den Rheintöchtern zu. Nicht nur hier spielt er ganz stark! Sobald er aber schneller singen muss, verliert aber auch seine Stimme an Autorität und Substanz.

Oleksiy Palchykov ist ein herrlich klangschöner Froh. Ein Tenor mit beeindruckend strahlkräftiger und lyrischer Stimme. Es macht ganz große Freude, diesem Ensemblemitglied beim Singen zuzuhören.

Kay Stiefermann ist ein Donner mit sonorem Bass und langem Atem, der auch in höheren Lagen glänzt. Ganz stark!

Jürgen Sacher singt klangschön, mit feinem Vibrato und sehr textverständlich. Er gibt einen wunderbaren Loge – wenn das Orchester leise ist. Sobald das Orchester allerdings etwas lauter wird, bekommt er an diesem Abend Probleme. Er wirkt in dieser Vorstellung oft etwas angestrengt, um gegen das eigentlich gar nicht mal so laute Orchester anzukommen. Herrlich, wie leichtfüßig er als Zaubermeister und glitzernder Showman über die Bühne tänzelt.

Thomas Ebenstein gibt einen sensationellen Mime. Sein Gesang ist herrlich lebendig, wunderbar weich in jeder Tonlage. Auch seine sehr leidenschaftliche darstellerische Leistung begeistert. Seine Textverständlichkeit ist ebenfalls vom Feinsten.

Die legendäre Doris Soffel spielt eine sehr mysteriöse Erda. Ihr sehr individualistischer Gesang ist voller Autorität und scheint nicht nur in ihren sphärischen Höhen nicht wirklich von dieser Welt zu sein. Ihr Auftritt ist nicht wirklich zu greifen, rätselhaft fremdartig und wunderbar passend zu ihrer Rolle. Seltsam, einmalig, großartig!

Das Philharmonische Staatsorchester unter Christof Prick kann mit dem Niveau der Sänger leider überhaupt nicht mithalten. Unter Pricks Dirigat ist die wunderbare Musik Wagners zu unlebendig, kraftlos und fad und büßt massiv an Überwältigungspotential ein. Das Dirigat ist zu mutlos und unentschlossen, es ist kein klarer Bogen erkennbar. Die Musiker agieren zu zögerlich und nicht zupackend genug. Das Timing ist häufiger schlecht, die Einsätze kommen teilweise zu spät. Die Musik wirkt etwas unorganisiert und hin und wieder sogar durcheinander. Christof Pricks schafft es nicht, seinen Musikern die notwendige Orientierung zu geben, die stellenweise ein wenig hilflos und überfordert wirken. Auch unter diesem schwachen Dirigat hat das Orchester seine guten Momente, bleibt über weite Strecken allerdings deutlich unter seinen Möglichkeiten und zu blass.

Für den Besucher Guido Marquardt war es das erste Rheingold. Er sagt: „Eine gelungene Inszenierung, die leichte Zugänglichkeit bot, ohne dabei banal zu sein. Sehr gut besetzt, vor allem in den tragenden Rollen. Wie viel Druck und Markanz – bei gleichzeitiger Präzision – Vladimir Baykov in seinen Wotan legte, war schon beeindruckend. Insgesamt selbst für Wagner-Laien geradezu kurzweilig.“

Sebastian Koik, 19. Mai 2018, für
klassik-begeistert.de

Christof Prick, Musikalische Leitung
Vladimir Baykov, Wotan
Kay Stiefermann, Donner
Oleksiy Palchykov, Froh
Jürgen Sacher, Loge
Werner Van Mechelen, Alberich
Thomas Ebenstein, Mime
Denis Velev, Fasolt
Alexander Roslavets, Fafner
Katja Pieweck, Fricka
Iulia Maria Dan, Freia
Doris Soffel, Erda
Katerina Tretyakova, Woglinde
Jenny Carlstedt, Wellgunde
Nadezhda Karyazina, Floßhilde
Regie: Claus Guth
Bühnen-/Kostümbild: Christian Schmidt

Philharmonisches Staatsorchester Hamburg

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