T. Konieczny, Foto © Matthias Horn
Milo Rau’s Inszenierung des “FLIEGENDEN HOLLÄNDERS” an der Deutschen Oper Berlin ist ein Reinfall. Er biegt sich die Geschichte des verfluchten Heimatlosen für seine Idee zurecht. Bei ihm verkörpert der Holländer den Deutschen, der bei Israel nach Vergebung sucht und schlussendlich damit scheitert. Bei diesem Interpretationsversuch gleitet Rau von einer Peinlichkeit in die andere. Leider hilft auch die musikalische Seite nicht den Abend zu retten.
Richard Wagner (1813 – 1883)
DER FLIEGENDE HOLLÄNDER
Romantische Oper in drei Aufzügen (Text von Richard Wagner)
Musikalische Leitung: Giedré Šlekyté
Inszenierung: Milo Rau
Bühne: Anton Lukas
Kostüme: Silvie Naunheim
Orchester der Deutschen Oper Berlin
Chor und Herren des Extrachores der Deutschen Oper Berlin
Deutsche Oper, Berlin, 31. Oktober 2026
von Jean-Nico Schambourg
Milo Rau’s Inszenierung des “FLIEGENDEN HOLLÄNDERS” an der Deutschen Oper Berlin ist ein Reinfall. Ist es ein Versuch Wagners Oper neu zu deuten? Nein, Rau legt sich die Geschichte des verfluchten Heimatlosen zurecht, um einige persönliche politischen Aussagen auf die Bühne zu bringen. Wagners Musik ist dabei nur ein Vorwand.
Die gezeigten Video-Projektionen, sowie das Geschehen auf der Bühne haben sehr wenig, siehe fast nichts mit Wagner’s FLIEGENDEM HOLLÄNDER zu tun. Die Videos zeigen die Reise der beiden Schauspieler Sarah von Schwarze und Shlomi Moto Wagner durch Israel, bei dem Versuch den Israeli Wagner näherzubringen. Genauso wie ihre Erzählungen vor der Ouvertüre und vor dem 3. Akt mag dies zwar alles interessant sein, hat aber hier nichts zu suchen.
Wagner war Antisemit und sah Holländer zeitweise als “ewigen Juden des Ozeans”, wie Heinrich Heine ihn schon beschrieben hatte. Bei Rau steht der Holländer für das nach Vergebung ringende Deutschland, Daland ist einer der Gründer des Staates Israel, Senta, seine Tochter steht für Israel, Erik für die Palästinenser. Die Idee den geldgierigen Daland als Chef des jüdischen Staates zu zeigen finde ich persönlich respektlos.
Aber es bleibt ja nicht bei dieser alleinigen Peinlichkeit. So zum Beispiel wird der Chor der Spinnerinnen zum Auftritt Fahnen-schwenkenden Auftritt israelischer Sportler bei Olympia 1982 umfunktioniert, die dann von palästinensischen Terroristen, angeführt von Erik als Geisel genommen werden. In der nächsten Szene schänden Senta und der Holländer eines der Gräber der getöteten Sportler, um darauf küssend sich zu wälzen.
Erik, der Palästinenser wird zum Schluss von Mary hingerichtet, in dem Moment wo er, wie von Wagner gedacht, Senta vor dem Holländer retten will. Diese begeht schlussendlich Selbstmord, um den Holländer zu retten!?
Wenn ein Regisseur das Werk eines großen Komponisten (und dies war Wagner trotz seines Antisemitismus) so vergewaltigen muss, um seine eigenen Ideen auf einer Bühne zu zeigen, dann sollte er selbst die Musik hier zu schreiben. Aber dazu braucht es künstlerischer Begabung und nicht nur Drang nach Provokation!
Zu dem visuellen Übel gesellt sich an diesem Abend auch ein musikalisches. Ich habe noch nie so eine lahme, langweilige Interpretation des FLIEGENDEN HOLLÄNDERS gehört. Es fehlt an Elan und klingt uninspiriert. Besonders die Ouvertüre und der erste Teil vor der Pause wirken gehemmt und gedämpft, als sei ein Schleier über den Orchestergraben verlegt. Die Dirigentin Giedré Šlekyté muss beim Schlussapplaus dafür einige gerechtfertigte Buhs einstecken. Der dritte Akt gelingt besser, das Orchester der Deutschen Oper klingt engagierter.
Auch gesanglich erleidet dieser Abend Schiffbruch. Die beste Leistung erbringt der Chor der Deutschen Oper(Einstudierung: Marco Medved).
Nach seinem stimmlichen Schwächeanfall bei der Premiere von einigen Tagen ist Tomasz Konieczny zwar anscheinend wieder genesen, doch nervt sein dauerndes gepresstes Forte-Singen mit der Zeit. Allerdings muss man ihm zugutehalten, dass er mit seiner Interpretation seiner Figur wenigstens ein einigermaßen überzeugendes Profil verleiht.

Zum vokalen Ärgernis gerät die Senta von Aušriné Stundyté mit ihrem flötenhaften Ton gepaart mit Intonationsproblemen und schrillem Geschrei bei hohen Noten. Nur in den lyrischen Passagen findet sie mit Momenten zu einer sauberen Gesangslinie.
Tareq Nazmi singt den Daland zwar technisch sauber, kann seiner Figur aber kein Profil verleihen und bleibt in der Ausführung langweilig. Dagegen liefert Attilio Glaser als Erik eine gute gesangliche Leistung. Seine klare Tenorstimme ist momentan in diesem Zwischenfach gut aufgehoben. Von Wagner schon musikalisch nicht als großer Sympathieträger gekennzeichnet, wird Erik von Rau dazu noch als palästinensischen Terroristen gesehen.
Der Steuermann wird von Omar Mancini mit näselndem Tenor gesungen. Kai Rüütel-Pajula ist gesanglich eine korrekte Mary.
Das anwesende Publikum spendet am Schluss erstaunlich viel Applaus. Allerdings muss auch vermerkt sein, dass schon bei Beginn des Abends sehr viele leere Plätze zu sehen sind. Nach der Pause tauchen weitere Zuschauer nicht mehr auf. Dies sagt viel über den geringen Zuspruch des Publikums gegenüber solchen unsinnigen Produktionen!
Jean-Nico Schambourg, 2. November 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
Wagner, Der fliegende Holländer PREMIERE – Deutsche Oper Berlin, 24. Oktober 2026
Auf den Punkt 99: Der fliegende Holländer Bayreuther Festspiele, 29. Juli 2026