Wagners Musik berauscht, die Inszenierung schafft beklommene Gefühle

Foto: © Matthias Creutziger
Semperoper Dresden,
22. Februar 2019
Richard Wagner, Der fliegende Holländer

von Pauline Lehmann

Es ist nicht das Schicksal des Holländers, das im Mittelpunkt der Dresdner Inszenierung steht. Bei Regisseurin Florentine Klepper hat Richard Wagners Idee von der Erlösung des Ruhelosen durch die selbstaufopfernde Treue einer Frau keinen Platz mehr. Vielmehr kehrt die Regisseurin Wagners Erlösungsidee um, macht Senta zur Hauptfigur und den Holländer zum Traumgespinst, mit dessen Hilfe sich Senta aus den starren häuslichen Konventionen befreit.

Der fliegende Holländer wird zum Rückblick Sentas auf ihre traumatische Kindheit. Dafür bekommt die Oper eine Rahmenhandlung und eine zweite, eine kleine Senta. Zur Beerdigung ihres Vaters, des Seefahrers Daland, kehrt die erwachsene Senta vorübergehend in ihren Heimatort zurück. Woher sie kommt und vor allem wie sie in der Zwischenzeit gelebt hat – diese Fragen bleiben unbeantwortet. In den folgenden zweieinhalb  Stunden durchlebt man gemeinsam mit Senta bruchstückhafte Erinnerungen an die Kindheit. Eingeengt von der Umgebung klammert sich das rotgelockte Mädchen an den Fremden, findet Schutz unter seinem schwarzen Flügelarm.

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Die kleine Senta ist bedroht von den Matrosen, die immerzu saufen, vom Steuermann und vom Vater selbst. Er lockt das Kind, sie entweicht. Die Matrosen treiben sie in die Enge und fangen sie mit einem Netz, erhaschen sie und setzen sie auf die Theke. Wollen sie doch nicht jeder zu seiner Geliebten, sondern alle zu dem einen Kind, zu dem rot gelockten Mädchen: „Ach, lieber Südwind, blas noch mehr, mein Mädel verlangt nach mir!“ Auch Dalands Ausruf an seine Mannschaft „Frisch, Jungen, greifet an!“ bezieht sich auf die kleine Senta. Sexuelle Vergehen in einer von Männern dominierten Welt.

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Mary, Sentas Amme, ist eine kaltherzige Krankenschwester. Der Spinnerinnenchor wird zur Gebärfabrik. Eine nach der anderen besteigen die Mädchen das Bett und bekommen ein Kind oder auch Zwillinge. Besonders in dieser Szene hätte man sich einen abgeklärteren Umgang mit sozialen Konventionen gewünscht. Der Spinnerinnenchorerweckt beklommene Gefühle, die einen im Sessel versinken lassen. Das aufgeklärte Publikum braucht keine dümmlichen Mädchen in rosafarbenen Strickjacken über türkisfarbenen Blusen, das ist zu viel des Guten.

Im dritten Akt verstrickt sich die Inszenierung in einem Durcheinander. Hier soll vollends das Unterbewusste, Traumartige dominieren, doch auch der rote Faden reißt ab. Das Willkommensfest für die Matrosen wird zur Leichenaufbahrung. Sentas Vater, zunächst wieder tot, führt seine Tochter dann noch zum Höllentor, hinter dem die Mannschaft des Holländers steht. Ganz am Ende bleibt nur die erwachsene Senta übrig, die entschlossen mit einem Koffer von der Bühne geht. Sie verlässt abermals ihren Heimatort und die Rahmenhandlung schließt sich.

Martina Segna belädt das Bühnenbild mit vielen Symbolen, welche sich nicht auf den ersten Blick entschlüsseln und in einen Zusammenhang bringen lassen, aber sie alle tragen etwas Groteskes in sich. Dalands Matrosen sind Hochseefischer in gelben Wathosen. Sie haben kein Schiff, sondern stehen mit zwei leichten Mädchen – knallgelb und schwarz gekleidet – an einer Theke, über der Schwertfische hängen. Die Mädchen tragen neben rosafarbener Strickjacke und türkisfarbener Bluse graukarierte Hausfrauenschürzen. Demgegenüber steht die dunkle, animalische Welt des Holländers. Seine Mannschaft erscheint mit Tierköpfen neben dem brennenden Höllentor. Die kleine Senta hätschelt eine von Erik abgeschossene Krähe, die große Senta zerrupft schwarze Federn, der Holländer hat einen schwarzen Flügel.

Nur am Beginn der Rahmenhandlung fängt das Bühnenbild die dunkle, romantische Atmosphäre der Geschichte klar ein. Nachdem Daland in der nebelverhangenen Einöde zu Grabe getragen wurde, sitzt Senta mit ihren flammend roten Locken vom Publikum abgewendet auf einem weißen Kahn und versinkt in Erinnerungen. Diese ersten Minuten der Oper bevor die Ouvertüre einsetzt sind enorm spannungsgeladen und gleichen einem Stummfilm.

Der Klangschwall aus dem Orchestergraben berauscht. John Fiores Dirigat ist expressiv. Bereits die Ouvertüre fasst die aufgewühlte Stimmung Sentas.

© Matthias Creutziger

An diesem Abend wartet die Semperoper Dresden mit einer sängerischen Starbesetzung auf. Wagners massiver Instrumentation sind sie allesamt gewachsen, voran Ricarda Merbeth. Mit ihrem durchdringenden und in der Höhe voluminösen Sopran begeistert sie als willensstarke Senta. Antonio Yang zeichnet den vom Schicksal geprägten Holländer als starke Figur mit einer beeindruckend kalten Aura. Auch stimmlich füllt der Südkoreaner die Dramatik der Holländer-Figur aus. Georg Zeppenfeld gibt mit seinem warm timbrierten Bass einen souveränen Daland. Der kroatische Tenor Tomislav Mužek verleiht den romantisch-lyrischen Passagen des Erik einen weichen Klang.

Pauline Lehmann, 25. Februar 2019, für
klassik-begeistert.de

Musikalische Leitung, John Fiore
Inszenierung, Florentine Klepper
Bühnenbild, Martina Segna
Kostüme, Anna Sofie Tuma
Licht, Bernd Purkrabek
Video, Bastian Trieb
Chor, Jörn Hinnerk Andresen
Dramaturgie, Sophie Becker
Daland, ein norwegischer Seefahrer, Georg Zeppenfeld
Senta, seine Tochter, Ricarda Merbeth
Erik, ein Jäger, Tomislav Mužek
Mary, Sentas Amme, Michal Doron
Der Steuermann Dalands, Joseph Dennis
Der Holländer, Antonio Yang
Die kleine Senta, Jenny Mathias
Chor der Mannschaft des fliegenden Holländers,
Vocalensemble der Theodore Gouvy Gesellschaft e.V.
Sächsische Staatskapelle Dresden
Sächsischer Staatsopernchor Dresden

 

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