"Lohengrin" in Bayreuth: Der Chor und Klaus Florian Vogt singen zum Niederknien schön

Richard Wagner, Lohengrin,  Bayreuther Festspiele, 29. Juli 2019

Foto: © Enrico Nawrath / Bayreuther Festspiele
Richard Wagner, Lohengrin
Bayreuther Festspiele
, 29. Juli 2019

Georg Zeppenfeld – König Heinrich
Klaus Florian Vogt – Lohengrin
Annette Dasch – Elsa
Tomasz Konieczny – Telramund
Elena Pankratova – Ortrud
Egils Silins – Heerrufer
Chor und Orchester der Bayreuther Festspiele
Yuval Sharon – Inszenierung
Neo Rauch / Rosa Loy – Bühne und Kostüme
Reinhard Traub – Licht
Musikalische Leitung – Christian Thielemann

von Andreas Schmidt

Der Programmzettel versprach einen Abend der Extraklasse: Georg Zeppenfeld als König Heinrich der Vogler, Klaus Florian Vogt als Lohengrin, Annette Dasch als Elsa von Brabant, Tomasz Konieczny als Friedrich von Telramund und Elena Pankratova als Ortrud. Am Pult Mr. Bayreuth, Christian Thielemann, und im Graben das Orchester der Bayreuther Festspiele. Dazu der stimmgewaltige Chor.

Nach dreieinhalb Stunden „Lohengrin“, der romantischsten Oper von Richard Wagner im Bayreuther Festspielhaus, gaben die Zuschauer die Antwort: Alle Hauptdarsteller bekamen tosenden Applaus mit zahllosen Bravorufen.

Der Star des Abends war der Chor der Bayreuther Festspiele. Seine kraft- und gefühlvolle Darbietung ist eine benchmark in der Aufführungshistorie der Bayreuther Festspiele. Zu verdanken ist dies der herausragenden Arbeit von Eberhard Friedrich, dem Leiter des Chores der Staatsoper Hamburg. Als immer wieder leidgeplagter Zuhörer in der Staatsoper Hamburg darf ich Sie, werter Herr Friedrich, bitten, mit Ihrem Chor und dem Philharmonischen Staatsorchester Hamburg dringendst einen Betriebsausflug nach Bayreuth zu unternehmen, damit die Damen und Herren aus HH einmal spüren, wo der Hammer musikalisch hängt.

© Enrico Nawrath

Ansonsten war dies der Abend eines Norddeutschen, der mit seiner Familie in Brunsbüttel (Schleswig-Holstein) an der Elbe lebt: Berauschend in Form war der Tenor Klaus Florian Vogt als Lohengrin. Vogt sang makellos. Herausragend. Welt-Weltklasse! Besser kann man den Lohengrin nicht singen!!! Klar, fein, zärtlich, in den Höhen atemberaubend sauber und kraftvoll. Bis zum Ende überzeugte der 49-Jährige mit bombastischer Kondition, mit Klangschönheit und -fülle. Klaus Florian Vogt gab den Lohengrin mit seiner ihm eigenen, fast unwirklichen Knabenstimme mit herrlicher Höhe und gefiel besonders mit „In fernem Land“ – das war unwirklich schön von einer anderen Welt. Sein Busenfreund Hans-Jürgen Mende, der wunderbare Kult-Moderator bei NDR Kultur, sagte mir neulich beim Essen: „Der Klaus ist auf dem Gipfel seiner Schaffenskraft, und er weiß es auch.“

So blieb dieser Abend auch ein Triumph der tiefen Stimmen: Ein Energiebündel war der polnische Bariton Tomasz Konieczny als Telramund. Seine Stimme hat Power, er singt männlich, mit phantastischem Timbre und beherrscht alle Register. Für klassik-begeistert.de ist er der beste Wotan der Welt (zu erleben im „Ring des Nibelungen“ an der Wiener Staatsoper im März 2020). Dzienkuje bardzo!

Als Elena Pankratova auf die Bühne kommt, geht es gleich los. Sie singt die Ortrud eher lyrisch, bewegt sich dynamisch oft unterhalb des Fortes, lässt aber trotzdem Gänsehaut aufkommen. Sie hat alle technischen Möglichkeiten diese durchaus anspruchsvolle Rolle zu meistern, aber so ganz will sie nicht zur Ortrud werden. Es fehlt grad in der Höhe an kräftiger Fülle, ja Gewalt, dafür ist die Mittellage einfach zauberhaft.

Wunderbar auch der Bass Georg Zeppenfeld als König Heinrich. Er war, was Stimmenintensität und Genauigkeit anbelangte, der herausragende Sänger und bot eine makellose Aufführung. Note 1 plus, würde man in der Schule sagen. Sehr mächtig, wenn es sein musste, sehr dunkel, angenehm sanft an vielen Stellen und mit einer klaren deutschen Aussprache gesegnet. Kaum jemand im Weltklasseformat hat eine so klare Artikulation wie Zeppenfeld.

Nun, über die Partie der Elsa wollen wir nur kurz reden: Annette Dasch war einen Tag vor der Partie gebeten worden, Camilla Nylund zu ersetzen. Sie machte ihre Sache gut – aber nicht sehr gut und schon gar nicht mit magischer Note. Das Publikum war ihr sehr dankbar – ein musikalischer Glanzpunkt war dies dennoch nicht.

Zur wunderbaren, sinnlichen Inszenierung und zum berührenden Bühnenbild schrieb die FAZ trefflich: „Dabei muss man vor allem über Kunst reden: Rosa Loy und Neo Rauch, Maler und Grafiker von Weltmarktrang, haben zum ersten Mal für eine Oper Bühne und Kostüme entworfen und sich weit wegbewegt vom Comme-il-faut geschichtspolitischer Plakate, von Reichsadlern anstelle der Schwäne, von schwarz-weiß-roten Standarten und Chorheerscharen, die zu ihren ‚Heil!’-Rufen den rechten Arm recken.

© Enrico Nawrath

Ihr ‚Lohengrin’ ist ein Märchen geworden mit einem traumblauen Umspannwerk zwischen brabantischen Mannen, die Spitzenkrägen à la Frans Hals tragen. Das Umspannwerk mit seinen Porzellanisolatoren ziert ein kreisrundes Fenster, das gotische Kathedralrosette, mittelalterliche Turmuhr und elektrischer Spannungsgenerator in einem ist. Und so, wie der Sozialismus einmal die Künstler als ‚Ingenieure der Seele’ sah, platzt auch Lohengrin in die altflämische Welt des Aberglaubens hinein als Blitzbote des Fortschritts.

Loy und Rauch arbeiten mit Papppappeln auf der Bühne und beleben für die Hintergründe die alte Kunst der Prospektmalerei neu. Das Schönste aber sind die Wolkenstudien für den zweiten Aufzug und die Verwandlungsmusik vor dem letzten Bild, ganz romantisch in der Malweise, aber völlig verwirrend im Raumentwurf: Da schaut man übers Schilf in einen Abgrund. Und dieser Abgrund ist der Himmel selbst, dessen Wolken am oberen Rand wiederum aussehen wie eine Wasseroberfläche von unten. So stürzt der Blick inmitten dieser Schönheit rückwärts, seitwärts, vorwärts überallhin, weil es gar kein oben oder unten gibt. Dieses Ineinander von Schönheit und Haltlosigkeit, unbewohnbar für den Menschen, verstört mehr als jede politische Demonstration.“

Und umwerfend war – wie immer – die Stabführung des bedeutendsten Wagner-Dirigenten der Welt: Christian Thielemann: „Er lockt und lenkt, treibt und dehnt, spinnt unendliche Linien, legt aufregende Details frei und entfesselt explosive Triebkräfte“, schrieb BR-Klassik wunderbar. „Was da so lustvoll, impulsiv und inspiriert aus dem Augenblick heraus gestaltet wird, ist zugleich technisch bewundernswert sicher umgesetzt: kalkulierte Rauschzustände, präzise Zauberei. Die Sänger werden nie zugedeckt, und das brillant musizierende Festspiel-Orchester folgt Thielemann mit hörbarer Spielfreude.“

Die FAZ analysierte trefflich zur Premiere: „Christian Thielemann dirigiert seinen ersten ‚Lohengrin’ in Bayreuth mit Lust und Kenntnis, mit dichtem Anschluss an die Szene, feinsten Akzenten, schönster Transparenz in großer Zartheit. (…) Auch wenn dieser „Lohengrin“ szenisch eher zurückhaltend ist, beschreibt er doch in Musik und Bühne ein so hohes Niveau, wie es nach Bayreuth unbedingt gehört.“

Und siehe da: Bereits bei der zweiten Aufführung war es immer wieder da: Das Geheimnisvolle des Klangs, das indirekte Leuchten…

Andreas Schmidt, 30. Juli 2019, für
klassik-begeistert.de

 

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