Rising Stars 62: Beth Taylor, Alt oder Mezzosopran?

Rising Stars 62: Beth Taylor, Alt oder Mezzosopran?  klassik-begeistert.de, 2. April 2026

Beth Taylor © Olivia da Costa

Das Beste beider Stimmfächer vereinigt sich in einer vielversprechenden Künstlerin.

von Dr. Lorenz Kerscher

Vor kurzem erlebte ich in der Münchner Isarphilharmonie eine überwältigende Aufführung von Mahlers Auferstehungssymphonie durch Chor und Orchester des Bayerischen Rundfunks unter Sir Simon Rattle.

Ganz besonders berührte mich das von der 1993 in Glasgow geborenen Beth Taylor ausdrucksvoll gestaltete Altsolo. In zartestem Pianissimo setzte sie an zum ersten Vers „O Röschen rot“, um dann in wohldosierter Steigerung den Wohlklang ihres dunklen Timbres zu entfalten, wo angebracht auch dramatische Akzente zu setzen und am Ende das „ewig selig Leben“ wieder mit wunderschöner Zartheit zu besingen. „Das ist endlich mal ein echter Alt“ meinte meine Frau, und genau dasselbe schrieb Robert Braunmüller, Kulturredakteur der AZ München, auf seiner Facebookseite.

Doch keine Agentur präsentiert eine an Opernengagements interessierte Sängerin als Altistin, vielmehr wird immer das Etikett Mezzosopran angeheftet. So verfährt auch Beth Taylors Vertretung Fischer Artists International, die vor allem ihr Können in unterschiedlichen Genres zur Geltung bringen will. Ihr Agenturprofil enthält gerade einen dürren und vagen Satz zu ihrem Werdegang, ansonsten werden Wettbewerbserfolge genannt und vergangene wie künftige Engagements aufgezählt. Außerdem hat ihr Agent auf seinem YouTube-Kanal Dutzende von Videos hochgeladen, die sie in Werken vom Barock bis zur Spätromantik sehr überzeugend wirken lassen.

Manches davon entspricht dem Eindruck einer gut fundierten Altstimme, doch sie kann offensichtlich auch anders. In der Schlussszene von Rossinis Cenerentola besticht sie nicht nur durch die Substanz der tiefen Töne, sondern auch durch die Beweglichkeit der Koloraturen und das als Spitzenton mehrmals völlig mühelos und wohlklingend erreichte zweigestrichene h. Somit geht die Zuordnung als Mezzosopran durchaus in Ordnung, es ist außer Zweifel, dass sie entsprechende Opernrollen ohne Abstriche ausfüllen kann. Auch sie selbst verortet sich in diesem Fach und bekundet, dass sie sich auch zum Koloraturgesang hingezogen fühlt.

BETH TAYLOR Nacqui all’affanno … Non più mesta (Rossini: La Cenerentola)

Beth Taylors Cenerentola ist kein zartes Seelchen, sondern eine kraftstrotzende Persönlichkeit. Fast scheint mir, sie spielt sich selbst, die sich mit großer Energie aus einfachen Verhältnissen nach oben gekämpft hat. Darüber hält sich die Agentur bedeckt, doch auf ihren Profilen in Facebook und Instagram teilt Beth Taylor auch Persönliches mit. Das sind z.B. Bilder von ihrer Hochzeit Ende 2025 und ein Post über den Stutzflügel, den das junge Paar aus diesem Anlass als Geschenk bekam. Dazu erwähnt sie, dass sie sich seinerzeit vor ihrer Aufnahmeprüfung für das Konservatorium das Klavierspiel selbst beibringen musste, weil ihr Wochenendjob im Kosmetikhandel ihr nicht ermöglichte, neben dem Gesangsunterricht auch noch Klavierstunden zu bezahlen. Das belegt, mit welch großem persönlichen Einsatz sie ihren Weg gegangen ist. Sehr offen spricht sie darüber auch in dem dreiteiligen Interview aus dem Jahr 2021, das am Ende dieses Texts verlinkt ist.

In ihrem direkten familiären Umfeld war niemand, der sang oder ein Instrument spielte, aber ihr Großvater hörte bei seiner Arbeit als Töpfer Opern und Symphonien und die Mutter liebte Pop-Klassiker. Sie sang gerne in der Schule und trat auch mit kleinen Soli bei Choraufführungen auf. Diese lernte sie nach Gehör und eignete sich erst im Teenageralter das Notenlesen an. Das Einkommen ihres Wochenendjobs investierte sie in Gesangsstunden und beteiligte sich an möglichst vielen Musikprojekten. Nach intensiver Vorbereitung bestand sie die Aufnahmeprüfung am Royal Conservatoire of Scotland, an dem sie nach sechs bereichernden Jahren 2018 ihren Master of Arts erlangte. Als 19-Jährige erlebte sie dort ihre erste Opernaufführung, Benjamin Brittens A Midsummernight’s Dream und wurde sich dabei bewusst, wie stark ihr Wunsch war, immer von gemeinsam dargebotener Musik umgeben zu sein. So nahm sie an möglichst vielen Gemeinschaftsprojekten teil, auch wenn dadurch die Zeit für ihre Examensvorbereitung recht knapp wurde. Ihre heutige Vielseitigkeit und Flexibilität ist gewiss auch der Lohn des Tatendrangs während ihres Studiums.

Sie konnte dann einige Wettbewerbserfolge erzielen, insbesondere 2023 die Finalteilnahme an BBC Cardiff Singer of the World, die immer ein hohes Maß an internationaler Beachtung garantiert. Viele Musiktheater und Konzertveranstalter senden ihre Experten dorthin, um neue Talente zu entdecken und zu engagieren. Nach der Corona-Pandemie, wenn auch erschwert durch nervtötende Visa-Pflichten aufgrund des Brexit, nahm auch Beth Taylors Opernkarriere Fahrt auf und führte sie an bedeutende Häuser Europas. Schwerpunkte ihres Repertoires waren bisher Barockopern, insbesondere von Händel, und auch Belcanto und romantisches Repertoire. Ein Teil ihrer bisherigen Rollen lässt sich der Stimmlage Alt zuordnen, etwa Erda in Wagners Rheingold oder Cornelia in Händels Giulio Cesare, als die sie auch eine packende Bühnenpräsenz von hoher Dramatik zeigt.

BETH TAYLOR Son nata a lagrimar (Händel: Giulio Cesare)

Neben dem Wirken im Bereich der Oper ist ihr auch der Liedgesang sehr wichtig, auch wenn dies oftmals bedeutet, innerhalb kurzer Zeit sehr viel Unterschiedliches einstudieren zu müssen und mit Terminkonflikten zu leben. Dieses Genre ist eine vorzügliche Schule, um eine große Vielfalt von Ausdrucksmöglichkeiten zu kultivieren. Hier kommt es Beth Taylor zu Gute, dass ihre Stimme vom zartesten Pianissimo bis zu heftigsten Ausbrüchen tadellos anspricht und in der Klangfarbe sehr wandlungsfähig ist. Sie kann in allen Tonlagen mit engelsgleichem Wohlklang singen, aber auch maskulin und im seltenen Extremfall nahezu brutal wirken. Danach kann sie auch ganz schnell wieder zu einer bezaubernden Zartheit wechseln. Ich empfinde es als angenehm, dass sie im Liedgesang mit Klavier die leisen Töne bevorzugt und sehr vieles mit ihnen auszudrücken vermag. Frappierend gut finde ich ihre deutsche Aussprache, auch ihr Französisch beeindruckt mich positiv, doch würde ich hier die Bewertung lieber einem Muttersprachler überlassen. Insgesamt ist mein Eindruck, dass sie die im Liedgesang unerlässliche Einheit von Melodie und Sprache voll und ganz erfüllt.

Evening Recital: Beth Taylor and Julius Drake Live Stream

In den vergangenen drei Jahren hat sich Beth Taylors Aktionsradius stetig erweitert, über die Britischen Inseln hinaus wirkte sie u.a. in Frankreich, Dänemark und im deutschsprachigen Raum und auch in Kanada und den USA. Dank ihrer überzeugenden Auftritte in Oper und Konzert findet sie immer mehr Beachtung. Inzwischen wird sie von Spitzenorchestern bis hin zu den Berliner Philharmonikern als Solistin verpflichtet und dadurch auch von Rezensenten mit großer Leserschaft wahrgenommen. So erwarte ich, dass sie mit ihrer außergewöhnlichen Vielseitigkeit bald eine feste Größe im internationalen Musikleben sein wird.

Dr. Lorenz Kerscher, 2. April 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Weiterführende Information:

Offizielle Website

Beth Taylor in Wikipedia (in Englisch)

Teil 1, Teil 2, Teil 3 des Interviews mit Beth Taylor, Edinburgh Music Review (in English)

Auf den Punkt 85: Sir Simon Rattle Mahler, Sinfonie Nr. 2 c-Moll Elbphilharmonie, 21. März 2026

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