Rising Stars 9: Judith Spießer, Sopran – endlich Primadonna!

Rising Stars 9: Judith Spießer, Sopran – endlich Primadonna!

Die Entwicklung und Karriere vielversprechender NachwuchskünstlerInnen übt eine unvergleichliche Faszination aus. Es lohnt sich dabei zu sein, wenn herausragende Talente die Leiter Stufe um Stufe hochsteigen, sich weiterentwickeln und ihr Publikum immer wieder von neuem mit Sternstunden überraschen. Wir stellen Ihnen bei Klassik-begeistert jeden zweiten Donnerstag diese Rising Stars vor: junge SängerInnen, DirigentInnen und MusikerInnen mit sehr großen Begabungen, außergewöhnlichem Potenzial und ganz viel Herzblut sowie Charisma.

Judith Spießer singt die Arie der Juliette ‚Je veux vivre‘ bei dem Galaabend „Primadonnen“ am Münchner Gärtnerplatztheater, März 2021

von Lorenz Kerscher

Primadonna bezeichnet ursprünglich nichts anderes als die Darstellerin der weiblichen Hauptrolle und genau im Wortsinne von „erste Sängerin“ möchte ich den Begriff auf Judith Spießer anwenden. Von Allüren, die oftmals damit in Zusammenhang gebracht werden, ist im Umgang mit der sympathischen Künstlerin glücklicherweise nichts zu bemerken. Ich möchte einfach ausdrücken, dass ihre Erfolge in großen Opernrollen und seit 2020 ihr Engagement am Münchner Staatstheater am Gärtnerplatz das Ergebnis einer langfristigen Entwicklung waren.

Ihre Gesangsausbildung begann sie an einer Musicalakademie, wo einer ihrer Lehrer die Eignung ihrer Stimme für den klassischen Gesang erkannte und ihr riet, sich in dieser Richtung weiterzuentwickeln. Sie studierte dann an der Musikhochschule München, wo Wolfgang Brendel zu ihren Lehrern zählte. Am Ende ihrer Ausbildung sah sie sich selbst als eine Soubrette für leichtere Operettenrollen und erwartete an der Oper nur Engagements in kleinen Partien wie Papagena oder Taumännchen. Da sie zu dem überschaubaren Kreis der Sängerinnen zählt, die absolut sicher und wohlklingend das dreigestrichene f treffen, erweiterte jedoch bald die Königin der Nacht ihr Repertoire. Auch während ihres ersten Engagements am Landestheater Neustrelitz in der Spielzeit 2012/2013 stellte sie die „sternenglänzende Königin“ dar, ansonsten tatsächlich Soubrettenrollen in verschiedenen Operetten.

Judith Spiesser als Königin der Nacht „O zittre nicht“, Theater Krefeld, 2018

Judith Spießer traf ich zum ersten Mal, als ich 2015 im Penzberger Vocalensemble an einer Aufführung von Mendelssohns Elias mitwirkte. Sie sprang in letzter Minute für eine erkrankte Solistin ein und begeisterte mit einer vollen, abgerundeten lyrischen Sopranstimme. Nebenbei bewies sie große Wandlungsfähigkeit bei der perfekten Imitation der Knabenstimme in der Szene der Herbeirufung des Regens. Da fragte ich mich schon, wie es sein kann, dass mir eine so talentierte Nachwuchssängerin noch nicht bekannt war, zumal sie ja auch noch im Koloraturfach große Stärken hat.

Doch offensichtlich führt herausragendes Talent nicht zwangsläufig dazu, dass eine Karriere Eigendynamik entwickelt. Nachdem es sie nach einem Jahr am Landestheater Neustrelitz wieder zurück in ihre Münchner Heimat zog, wo die vielversprechenden Rising Stars aus Opernstudio und Theaterakademie auf den Markt drängen, war eher ein dornenvoller Weg programmiert. Da war zunächst viel Geduld vonnöten; es galt, zu möglichst vielen Vorsingen zu reisen, um einige Rollen zu ergattern. Auch mit Solopartien bei Oratorienkonzerten konnte sie in kleinen Schritten an Bekanntheit gewinnen. Es ergaben sich Engagements als Gilda in Rigoletto in Kaiserslautern (2015), als Lucia di Lammermoor an den Spielstätten des Landestheaters Niederbayern (2017), als Königin der Nacht in Krefeld und Mönchengladbach (2018) und im selben Jahr in der kleinen Rolle der Anna Gomez in Menottis „Der Konsul“ am Tiroler Landestheater Innsbruck.

Letztere war dann der Fuß in der Türe, denn sie wurde für das Folgejahr als Julie, die weibliche Hauptrolle in Johanna Doderers neuer Oper „Liliom“ engagiert. Dieses Werk nach dem Drama von Ferenc Molnár war ein Auftragswerk des Münchner Gärtnerplatztheaters, wurde dort 2016 uraufgeführt und 2019 am Tiroler Landestheater Innsbruck übernommen. Dieses gelungene Rollendebüt konnte Judith Spießer als großen Erfolg verbuchen.

Schlaflied der Julie aus Liliom – Judith Spießer, Tiroler Landestheater Innsbruck, 2019

In Ausnahmefällen spielt das Leben dann auch einmal wie im Märchen. Im Juli 2019 erkrankte die Darstellerin der Julie am Gärtnerplatztheater und es gab sonst auf der ganzen Welt niemanden, der diese anspruchsvolle Rolle studiert hatte – außer Judith Spießer. Also holte man sie aus dem Urlaub und sie beeindruckte so sehr, dass man sie zur Spielzeit 2020/21 ins Ensemble übernahm. Das bedeutet an diesem Haus – immerhin Bayerisches Staatstheater – dass man große Rollen darstellt – Primadonnenrollen! Und da war im September 2020 schon gleich die Pamina angesagt, das Koloraturengefunkel der Königin der Nacht konnte gegen lyrische Wärme getauscht werden.

Leider brachte dann Corona sehr bald wieder Sand ins Getriebe, doch als Trostpflästerchen bekam das Gärtnerplatztheater von der Staatsregierung eine Ausrüstung für hochwertige Videostreams spendiert. Und so konnten in einem sehr vergnüglichen Revueabend mit Titel „Primadonnen“ die vier exzellenten Sopransolistinnen des Hauses, Jennifer O’Loughlin, Mária Celeng, Camille Schnoor und als Neuzugang Judith Spießer vorgestellt werden. Ich habe bei dieser Gelegenheit mit großer Freude gesehen, wie sie in diesem illustren Kreis angekommen ist. Die heiklen Tönen D und Es der dreigestrichen Oktave mühelos strahlen zu lassen, haben ihr die Kolleginnen dabei neidlos überlassen. Es ist schon etwas Besonderes, wenn jemand sowohl das lyrische als auch das Koloraturfach ganz ohne Abstriche abdecken kann!

Nun bietet das Gärtnerplatztheater, gottlob wieder vor Publikum, für die letzten Wochen der Spielzeit einen Spielplan voller Höhepunkte, in dem Judith Spießer auch wieder Primadonna sein wird. In der Revue dieses Titels wird sie mit ihren drei fantastischen Kolleginnen nun auch vor Publikum auftreten, dann auch als Julia de Weert in einem sehr witzig inszenierten Vetter aus Dingsda und als Pamina in der Zauberflöte. Nicht nur den Opernfreunden aus der Umgebung möchte ich das empfehlen; in den Sommermonaten ist München unbedingt eine Reise wert!

Judith Spießer als Julia de Weert, Staatstheater am Gärtnerplatz, München

Lorenz Kerscher, 24. Juni 2021, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Weiterführende Information:

Biografisch sortierte Playlist in Youtube

Offizielle Webseite

Judith Spießer in Wikipedia

Lorenz Kerscher, Jahrgang 1950, in Penzberg südlich von München lebend, ist von Jugend an Klassikliebhaber und gab das auch während seiner beruflichen Laufbahn als Biochemiker niemals auf. Gerne recherchiert er in den Internetmedien nach unentdeckten Juwelen und wirkt als Autor in Wikipedia an Künstlerporträts mit.

Dr. Lorenz Kerscher

„‘Musik ist Beziehungssache‘, so lautet mein Credo. Deshalb bin ich auch als Chorsänger aktiv und treffe mich gerne mit Freunden zur Hausmusik. Eine neue Dimension der Gemeinsamkeit eröffnet sich durch die Präsenz vieler, vor allem junger Künstler im Internet, wo man Interessantes über ihre Entwicklung erfährt, Anregungen zur Entdeckung von musikalischem Neuland bekommt und auch in persönlichen Kontakt treten kann. Man ist dann kein Fremder mehr, wenn man ihnen als Autogrammjäger begegnet oder sie sogar bei einem Konzertbesuch im Publikum trifft. Das ist eine schöne Basis, um mit Begeisterung die Karrieren vielversprechender Nachwuchskünstler mitzuerleben und bei Gelegenheit auch durch Publikationen zu unterstützen.“

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